Nvidia Aktie: 20-Milliarden-Deal mit Groq im Visier

Symbolbild, KI-generiert

Ein Analyst ruft „outright leader in AI compute“ aus, das Justizministerium wittert derweil einen möglicherweise vertuschten Übernahme-Deal. Selten lag bei Nvidia so viel Optimismus so dicht neben so viel Misstrauen wie an diesem Donnerstag. Genau das macht die Aktie gerade zu einem Lehrstück darüber, wie unterschiedlich sich ein und dasselbe Unternehmen erzählen lässt – je nachdem, wen man fragt.

Die eine Geschichte kommt von Piper Sandler. Das Analysehaus hat heute die Coverage für Nvidia mit einem Kursziel von 300 Dollar eröffnet, Analyst David O’Connor spricht von „insatiable demand“ nach Rechenkapazität, getrieben durch sogenannte Agentic AI.

Nvidia halte 80 Prozent Marktanteil bei AI-Compute und 50 Prozent Unit-Share – eine Position, die laut Piper Sandler auf Jahre hinaus kaum angreifbar sei.

Der Umsatz soll bis zum Geschäftsjahr 2030 mit einer jährlichen Rate von 47 Prozent wachsen, der Gewinn pro Aktie auf 30 Dollar klettern. Bei einem KGV von rund 14 auf Basis der Schätzung für 2028 sei das, so die Argumentation, noch immer moderat bewertet.

Die andere Geschichte kommt aus Washington. Bloomberg berichtet, das US-Justizministerium prüfe, ob Nvidia seinen im Dezember angekündigten 20-Milliarden-Dollar-Lizenzdeal mit dem KI-Chip-Startup Groq bewusst so strukturiert hat, dass er der kartellrechtlichen Meldepflicht entgeht. Es geht um die Frage, ob aus einem faktischen Kauf der meisten Groq-Assets formal nur eine „Lizenz“ wurde, um die HSR-Schwelle zu unterlaufen.

Die Aktie reagierte prompt: Am Vormittag fiel sie in den USA um mehr als zwei Prozent auf gut 218 Dollar. Im deutschen Handel notiert das Papier aktuell bei 187,94 Euro, ein Minus von 2,3 Prozent auf Tagessicht.

Wenn der Marktführer selbst zum Verdachtsfall wird

Interessant ist, dass die Kartellsorge nicht neu ist – Nvidia wurde in den vergangenen Wochen bereits wegen anderer Übernahmen und Beteiligungen geprüft. Was diesmal anders wirkt: Es geht nicht um die Größe eines Deals, sondern um dessen Form.

Die Vorwürfe drehen sich darum, ob ein Tech-Riese mit derart dominanter Marktstellung überhaupt noch „normale“ Lizenzverträge abschließen kann, ohne dass Regulierer misstrauisch werden. Genau diese Dominanz ist aber zugleich das Argument, mit dem Analysten wie O’Connor ihre Kursziele begründen. Der Erfolg produziert seine eigene Bedrohung.

Parallel dazu bastelt Nvidia unbeirrt an seiner nächsten Wachstumsgeschichte. Gemeinsam mit Palantir wurde heute eine Sovereign-AI-Plattform für kritische Lieferketten vorgestellt – und Nvidia ist dabei selbst der erste Kunde. Jedes Rack der kommenden Vera-Rubin-Generation besteht aus rund 1,3 Millionen Einzelteilen, verteilt auf Tausende Zulieferer.

Genau diese Komplexität soll die neue Software aus Nemotron-Modellen und Palantirs Foundry-Plattform beherrschbar machen. Es ist ein Signal an die eigene Belegschaft wie an den Kapitalmarkt: Nvidia versteht sein Lieferkettenproblem nicht nur als Kostenfaktor, sondern als eigenes Geschäftsfeld.

Anleger zwischen zwei Erzählungen

Wer auf die Charttechnik schaut, findet ebenfalls keine eindeutige Richtung. Der Kurs notiert derzeit rund 1,8 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt von 184,70 Euro – also weder in einer ausgeprägten Schwäche- noch in einer Übertreibungsphase. Das passt zum Bild eines Wertes, der zwischen zwei fast widersprüchlichen Erzählsträngen pendelt: hier die strukturelle Wachstumsstory rund um KI-Rechenzentren, dort die wachsende regulatorische Aufmerksamkeit für genau jene Marktmacht, die dieses Wachstum erst ermöglicht.

Auch der Blick auf die Eigentümerseite liefert kein klares Signal. Investor Michael Burry hat seine Put-Optionen auf Nvidia mit Fälligkeit Dezember 2026 abgestoßen, ohne sie zu verlängern – ein Rückzug, der eher nach taktischem Risikoabbau als nach Kapitulation klingt, zumal er weiterhin Short-Positionen über 2027er-Optionen hält.

Gleichzeitig verkaufte Nvidia-Director Mark Stevens in der vergangenen Woche Aktien im Wert von rund 646,5 Millionen Dollar. Solche Bewegungen lassen sich nie eindeutig deuten, sie zeigen aber: Auch Insider und prominente Fondsmanager suchen gerade nach der richtigen Positionierung in einem Umfeld, das ebenso viel Chance wie Unsicherheit bereithält.

Die eigentliche Frage, die sich aus alledem ergibt, lautet nicht, ob Nvidia weiter wächst – daran zweifelt derzeit kaum jemand ernsthaft. Sie lautet, ob ein Unternehmen, das fast per Definition zum Flaschenhals der gesamten KI-Industrie geworden ist, diese Rolle behalten darf, ohne dass Regulierer irgendwann eingreifen. Diese Antwort liegt nicht mehr allein bei Nvidia.

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