Ein ständiges Auf und Ab, unter dem Strich aber wenig Fortschritt: Seit Jahresbeginn kommt die Nvidia-Aktie nur einstellig voran, während viele Chip-Werte 2026 zweistellig – manche sogar dreistellig – zulegten. Der einstige KI-Überflieger wurde damit zur lahmen Ente der Chip-Rally.
Zuletzt hellte sich das Bild jedoch spürbar auf: Während der Chipsektor in der vergangenen Woche kräftig Federn ließ, legte die Nvidia-Aktie vom Wochentief bis zum Freitagsschluss bei 210 USD gut 10% zu. Und wer die Vorjahre einbezieht, erkennt in der diesjährigen Seitwärtsbewegung ohnehin eher eine gesunde Verschnaufpause. Nach mehr als 1.000% Kurssteigerung binnen weniger Jahre ist eine mehrmonatige Konsolidierung auf hohem Niveau alles andere als ungewöhnlich.
Drei Sorgen drückten den Kurs
Warum blieb die Aktie so weit hinter dem Markt zurück? Erstens fielen die Mietpreise für Nvidia-Chips in der Cloud: Eine Stunde Rechenzeit auf dem Spitzenchip B200 kostete Ende Mai noch 6,11 USD, drei Wochen später waren es mit 4,22 USD fast ein Drittel weniger.
Zweitens fürchten Anleger Margendruck, weil die Preise für Speicherchips – ein wesentlicher Kostenblock der KI-Systeme – kräftig gestiegen sind. Gerade die begehrten HBM-Speicher, von denen in jedem KI-System gleich mehrere Stapel verbaut werden, sind derzeit praktisch ausverkauft.
Und drittens geistert das Schlagwort der sogenannten Custom-Chips durch den Markt: Google, Amazon und Meta entwickeln eigene KI-Chips, um ihre Abhängigkeit von Nvidia zu reduzieren.
Ganz neu ist dieses Argument zwar nicht, und ob der technologische Vorsprung des Marktführers überhaupt aufzuholen ist, bleibt offen. Auch wächst der Markt so rasant, dass selbst bei erfolgreicher Konkurrenz genug Potenzial für alle bliebe – dennoch kann nicht ignoriert werden, dass die Gefahr größer wird.
Nvidia Aktie Chart
Rekordzahlen statt Eintrübung
Hinweise auf eine Abkühlung des Geschäfts sucht man trotz der drei Negativ-Nachrichten vergeblich. Im jüngsten Quartal meldete Nvidia einen Rekordumsatz von 81,6 Mrd. USD – ein Plus von 85% gegenüber dem Vorjahr.
Für das laufende Quartal stellt das Management rund 91 Mrd. USD in Aussicht. Ende August steht turnusgemäß der nächste Quartalsbericht an, dann zeigt sich, ob die Messlatte erneut übersprungen wird.
Bewertung unter dem Branchenschnitt
Selten zuvor klafften operative Stärke und Kursentwicklung bei Nvidia so weit auseinander. Weil die Gewinne stark steigen, während der Kurs stagniert, ist die Bewertung regelrecht zusammengeschmolzen. Mit dem rund 20-fachen des erwarteten Gewinns ist die Aktie so günstig wie seit Anfang 2019 nicht mehr und notiert klar unter dem Branchenschnitt – im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre zahlten Anleger noch das 72-fache.
Sollte an den Börsen tatsächlich eine KI-Blase entstanden sein: Nvidia wäre kaum Teil davon, die Aktie ist längst in ihre Bewertung hineingewachsen. Die Analysten der Bank of America sprachen zuletzt von einer grandiosen Kaufgelegenheit, auch Goldman Sachs hält die Bewertung für attraktiv, liegt sie doch kaum noch über dem Niveau des breiten S&P 500.
Drei Hoffnungen könnten den Kurs antreiben
Wo es „drei Sorgen“ gibt, gibt es auch „drei Hoffnungen“. In der vergangenen Woche kamen gleich mehrere Positiv-Nachrichten zusammen. Den Auftakt machte dabei ein Dementi: In der Gerüchteküche hieß es, die kommende Kyber-Plattform – Nvidias nächste große Systemgeneration – verschiebe sich auf 2028. Der Konzern stellte umgehend klar, dass der Fahrplan steht.
Kurze Zeit später folgte die Nvidia-Ankündigung eines cleveren „Credit-Support“-Modells: Kleineren Cloud-Anbietern, die Nvidia-Hardware kaufen, aber zeitweise nicht auslasten, mietet der Konzern Rechenkapazität zurück und nimmt ihnen damit das Investitionsrisiko ab. Das stützt die Nachfrage und bindet die Kunden noch enger an das Nvidia-Ökosystem – tendenziell dürfte so mehr bestellt werden als mit Leerlauf-Risiko.
Die wichtigste Nachricht kam zum Wochenausklang: Die USA stuften die Vereinigten Arabischen Emirate in eine privilegierte Ländergruppe des Exportrechts hoch. Zugelassene Abnehmer wie der Staats-KI-Konzern G42 – aber auch US-Firmen wie Microsoft, OpenAI und Oracle, die in den Emiraten Rechenzentren betreiben – dürfen Nvidias KI-Chips damit künftig ohne Einzelgenehmigung beziehen.
Das Land investiert derzeit Milliardensummen in den Aufbau eigener KI-Rechenzentren, bislang bremste jedoch die Genehmigungspflicht aus Washington das Geschäft. Für Nvidia öffnet sich damit ein Absatzkanal, der lange blockiert war.
Nvidia Aktie Chart
Nachzügler mit Aufholpotenzial
Unter dem Strich also dreimal gute Nachrichten und dreimal schlechte. Das ist jedoch kein 3:3 wie beim Fußball, sondern meines Erachtens ein klarer Sieg für die Nvidia-Bullen. Denn das Argument, dass der Investoren-Appetit auf KI-Infrastruktur ungebrochen ist und der unangefochtene Marktführer der wichtigsten Technologie unserer Zeit derzeit zu einer Bewertung nahe dem Marktdurchschnitt zu haben ist, überzeugt.
Gut möglich, dass sich die Aktie in den kommenden Wochen vom Branchentrend entkoppelt und einen Teil ihres 2026 er „Rückstands“ aufholt. Spätestens die Quartalszahlen Ende August könnten den Nvidia-Bullen dann helfen, die Seitwärtsphase zu verlassen und neue Hochs zu erklimmen.
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