Novo Nordisk-Aktie so günstig wie seit Jahren nicht mehr

Novo Nordisk: Aktie 70% unter Rekordhoch, Pille mit 5 Mio. Rezepten, KGV von 12 – was den Abnehmpionier billig macht und was dagegen spricht.

Auf einen Blick:
  • Aktie seit Jahresbeginn weitere 22 Prozent gefallen
  • Bewertung bei elf- bis zwölffachem 2026er Gewinn
  • Bereinigter Quartalsumsatz währungsbereinigt um sieben Prozent gestiegen
  • Wegovy-Pille seit US-Start über fünf Millionen Rezepte

Novo Nordisk so billig wie seit Jahren nicht mehr

Kaum ein Unternehmen hat an der Börse in den vergangenen zwei Jahren einen so tiefen Fall erlebt wie Novo Nordisk. Der dänische Pharmakonzern war im Sommer 2024 das wertvollste Unternehmen Europas, getragen von dem Hype rund um die Abnehmspritze Wegovy und dem Diabetesmittel Ozempic.

Doch lange hielt die Euphorie nicht. Die Aktie machte eine komplette Rolle rückwärts und verlor mehr als 70% an Wert. Wer zwischenzeitlich dachte, dass der Tiefpunkt erreicht wurde, wurde meist enttäuscht. Allein seit Jahresbeginn sind es weitere 22%. Gestern kostet das Papier rund 252 Dänische Kronen an der Heimatbörse in Kopenhagen, knapp 34 Euro an deutschen Handelsplätzen.

Bei einem Blick in die Bücher stellt sich allerdings die Frage, was von diesem Absturz noch gerechtfertigt ist.

Gesundheitskonzern Novo Nordisk im Portrait

Novo Nordisk produziert seit über 100 Jahren Insulin und ist damit zu einem der weltweit größten Hersteller von Diabetesmedikamenten gewachsen. Das Geschäft, das den Konzern berühmt gemacht hat, ist jünger: Der Wirkstoff Semaglutid, der in Ozempic und Wegovy steckt, gehört zur Klasse der sogenannten GLP-1-Medikamente.

Die Medikamente ahmen ein Darmhormon nach, das den Blutzucker reguliert und das Sättigungsgefühl verstärkt. Patienten nehmen dadurch im Schnitt 15% und mehr an Gewicht ab. Nach eigenen Angaben hält Novo Nordisk rund 58% des weltweiten GLP-1-Marktes nach Volumen.

Mehrheitsaktionär ist die Novo Nordisk Stiftung, was den Konzern vor feindlichen Übernahmen schützt und ihm eine langfristige Ausrichtung erlaubt. Denn nach dänischem Recht hat diese keine Eigentümer und kann nicht verkauft, aufgelöst oder übernommen werden.

Warum die Aktie von den Investoren fallen gelassen wurde

Der Aktienkursabsturz der vergangenen 2 Jahre hatte mehrere Ursachen. Die erste heißt Eli Lilly. Der US-Konkurrent hat mit seiner Abnehmspritze Zepbound ein Mittel auf den Markt gebracht, das in Studien zu etwas mehr Gewichtsverlust führt als Wegovy, und seitdem Quartal für Quartal Marktanteile gewonnen hat. Bei den Spritzen gilt Lilly inzwischen sogar als der stärkere Anbieter. Novos Antwort sollte CagriSema sein, ein Kombinationspräparat aus Semaglutid und einem zweiten Wirkstoff. Als die entscheidende Vergleichsstudie im Februar weniger Gewichtsverlust zeigte als erhofft, platzte jedoch die Hoffnung der Anleger, dass Novo bei den Spritzen wieder gleichziehen könnte.

Die zweite Ursache ist der Preis. In den USA halbiert Novo ab Januar 2027 den Listenpreis für Wegovy auf 675 Dollar im Monat, Ozempic wird rund ein Drittel billiger. Offiziell begründet der Konzern das mit besserem Zugang für Patienten, deren Zuzahlung am Listenpreis hängt. Tatsächlich ist die Senkung Teil einer Vereinbarung mit der US-Regierung, die von Novo und Lilly Ende 2025 niedrigere Preise und einen Direktverkauf über die staatliche Plattform TrumpRx verlangt hatte. Dazu kommt Druck von unten: Während des Lieferengpasses durften Apotheken Semaglutid selbst mischen, und diese Billigkopien sind auch nach Ablauf der Sondergenehmigung nicht vom Markt verschwunden. Gegen Nachahmer für 150 Dollar hilft kein Listenpreis von 1.350 Dollar.

Die dritte Ursache sind auslaufende Patente: In einigen Märkten, darunter Kanada und Brasilien, verliert Semaglutid 2026 den Schutz und es wird nicht lange dauern bis günstige Generika Novo Marktanteile abknabbern.

KGV fällt von 40 auf unter 12

Angesichts des Drucks von 3 verschiedenen Seiten ist die Talfahrt verständlich, doch auf dem aktuellen Niveau erscheint die Börse sehr viel Negatives eingepreist zu haben. Die Aktie wird zum 11- bis 12-Fachen des für 2026 erwarteten Gewinns gehandelt. Vor zwei Jahren zahlte die Börse das 40-Fache.

Sicher, damals war starkes Wachstum, heute ist davon nichts mehr übrig. Doch ein führender Pharmakonzern mit einer operativen Marge von über 40% kostet aktuell weniger als der Branchenschnitt. Da darf man hinterfragen, ob das langfristig so bleiben wird.

Das Management jedenfalls hält die eigene Aktie für zu billig und hat ein Milliarden-schweres Aktienrückkaufprogramm gestartet. Auch die Analysten bescheinigen eine Übertreibung – das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt trotz aller Senkungen noch immer bei rund 307 Kronen und damit gut 20% über dem Kurs.

Zahlen deutlich besser als Aktienkursentwicklung

Operativ läuft es auch nicht so schlecht wie man anhand der Kurstalfahrt annehmen könnte. Im zweiten Quartal stieg der bereinigte Umsatz währungsbereinigt um 7%, das bereinigte operative Ergebnis um 11%. Die Jahresprognose hat Novo Nordisk in diesem Jahr bereits zweimal angehoben: Im Februar lautete die Spanne noch minus 5% bis minus 13%.

In der Berichterstattung geht dabei meist auch unter, dass diese Prognose um Sondereffekte bereinigt ist. Unbereinigt rechnet der Konzern in der Mitte der Spanne mit 5% mehr Umsatz und 12% mehr operativem Gewinn. Das Adipositas-Geschäft außerhalb der USA wuchs um 37%.

Neuer Hoffnungsträger Wegovy-Pille

Die wichtigste operative Entwicklung in diesem Jahr ist die Entwicklung der Wegovy-Pille. Seit dem US-Start im Januar wurden mehr als 5 Millionen Rezepte ausgestellt, nach Angaben des Unternehmens einer der stärksten Medikamentenstarts in der Geschichte des US-Markts.

Und das Tempo nimmt noch zu: Für die erste Million Rezepte brauchte Novo zwölf Wochen, für die jüngste Million nur einen Monat. Die Pille kostet Selbstzahler zwischen 149 und 299 Dollar im Monat und erreicht damit Patienten, für die eine Spritze zu rund 1.000 Dollar Listenpreis nie in Frage kam. In einem Markt in dem mehr als 80% der Pillen-Patienten zuvor kein GLP-1-Medikament genommen hatten, kann das die Einbußen zumindest abfedern.

Seit September ist die Tablette auch in Deutschland erhältlich, als erstem Land in der EU, nach Großbritannien im Juli. Anfang November werden wir bei Zahlenvorlage wissen, wie der Verkaufsstart in Europa war, vorstellbar, dass ein vergleichbarer Erfolg wie in den USA zu feiern ist.

Anfang Oktober zeigte eine Studie zudem, dass Wegovy bei 9 von 10 Patienten mit Fettleber den Leberfettanteil auf Normalwerte senkt. Das könnte für verschreibende Ärzte ein wichtiger positiver Nebeneffekt sein und ein Vorteil gegenüber Eli Lilly bedeuten. Gleichzeitig rückt damit ein weiteres attraktives Anwendungsgebiet in Reichweite.

Dennoch: Der Markt erachtet das Novo Nordisk-Glas aktuell als halbleerund wer bislang nicht einstieg, hat alles richtig gemacht. 12er KGV, solide Bilanz, Rückkaufprogramm und 4% Dividendenrendite sind aber für Mutige vielleicht mittlerweile ein hinreichend attraktives Sicherheitsnetz, mit dem daraufgesetzt werden kann, dass Novo mittelfristig wieder bessere Zeiten erlebt und die Aktie anzieht.

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