Drei Millionen Verschreibungen in gut fünf Monaten. CEO Mike Doustdar nannte das auf dem R&D-Event im Juni schlicht „Beschleunigung”, und die IQVIA-Daten geben ihm recht. Oral Wegovy, die Pille, die Novo Nordisk aus der Defensive geholt hat, läuft. Und doch erzählt die Aktie eine Geschichte, die nicht ganz so rund klingt wie die Verschreibungskurven.
153.000 zu 19.550
Für die Woche zum 3. Juli standen rund 153.050 US-Verschreibungen für die Wegovy-Pille gegen 19.550 für Eli Lillys Foundayo. Das ist ein Verhältnis von 89 zu 11, drei Monate nach dem Launch des Konkurrenzprodukts. Wer sich an Woche 13 nach dem jeweiligen Marktstart erinnert: Novo lag damals bei knapp 105.000 Verschreibungen, Lilly bei einem Bruchteil davon. Der Abstand hat sich also nicht nennenswert verengt, was auf eine echte Präferenz bei Ärzten und Patienten hindeutet, nicht auf einen Zufallsvorsprung.
Wichtiger noch: Über 80 Prozent der neuen Patienten hatten zuvor noch kein GLP-1-Medikament genommen. Die Pille kannibalisiert die Spritze nicht, sie erschließt neues Terrain. Novo spricht demnach von einem „Halo-Effekt”, die Pille zieht mittlerweile rund 60 Prozent der neuen Markenverschreibungen unter dem Wegovy-Dach auf sich.
Und trotzdem sinkt der Gewinn
Hier liegt der Haken. Der Konsens erwartet für Q2 2026 einen EPS-Rückgang von knapp 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr, der Umsatz soll um rund 9 Prozent fallen. Q3 und Q4 sehen ähnlich aus. Drei aufeinanderfolgende Quartale mit hohen einstelligen bis zweistelligen Umsatzrückgängen, während die Pille Rekordverschreibungen schreibt. Das passt nicht zusammen, bis man sich das Injektionsgeschäft anschaut.
In Indien ist die Marktexklusivität für das injectable Semaglutid gefallen. Dr. Reddy’s und andere Generikahersteller haben bereits Kopien auf den Markt gebracht, schätzungsweise 31.000 Einheiten unter Namen wie Obeda, Mashlo und Olymviq. In China lief das Patent im März ab. Zwei der bevölkerungsreichsten Märkte der Welt, beide jetzt offen für Generika. Das ist kein zyklisches Problem, das sich irgendwann von selbst löst.
Analysten revidieren, und zwar kräftig
Die Umsatzschätzungen für Q2 wurden in den vergangenen sechs Monaten um gut 5 Prozent nach unten korrigiert, Q3 um knapp 5 Prozent, Q4 um mehr als 5 Prozent. Selbst die Quartale, in denen das Wachstum laut Konsens wieder ins Plus drehen soll, Q1 und Q2 2027, wurden in den vergangenen drei Monaten um jeweils rund 13 Prozent nach unten revidiert. Die Erholung wird also eingepreist, und gleichzeitig kleiner gerechnet.
Hinzu kommt der Stellenabbau. Knapp 9.000 Jobs sollen unter Doustdar gestrichen werden. Langfristig vielleicht sinnvoll, kurzfristig ein Kostenberg und ein Risiko für die Umsetzung.
40 zu 60
Novos GLP-1-Marktanteil lag in Q1 2026 bei 40 Prozent, Lilly hält 60 Prozent. Trotz der starken Pillenzahlen hat sich daran nichts Wesentliches geändert. Die Pille führt im Pillenmarkt, aber im Gesamtmarkt ist Novo noch die Nummer zwei. Das ist die Messlatte, an der sich der Q2-Earnings-Call am 5. August messen lassen muss: Kann das Management erklären, wie aus 153.000 Wochenverschreibungen wieder Gesamtwachstum wird, wenn die Spritze strukturell unter Druck steht? Drei Millionen Verschreibungen klingen nach Erfolg. Der Rest der Rechnung auch.
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