Novo Nordisk steckt mitten in einer Phase, in der der Wettbewerb um das Milliardengeschäft mit Abnehmspritzen auf mehreren Fronten gleichzeitig tobt. Die Aktie des dänischen Pharmakonzerns notiert am Freitag bei 44,41 Euro und gibt im Tagesverlauf um 0,56 Prozent nach. Vom Rekordhoch aus Januar bei 54,86 Euro trennen das Papier damit weiterhin gut 19 Prozent, während es sich vom Jahrestief Anfang März bei 30,25 Euro bereits um fast 47 Prozent erholt hat. Die Schwankungsbreite zeigt: Anleger bewerten die Aussichten des Konzerns weiterhin sehr unterschiedlich.
Patentablauf als Belastungsprobe für Doustdar
Im Zentrum der Debatte steht die Frage, wie abhängig Novo Nordisk von einem einzigen Wirkstoff bleibt. Konzernchef Mike Doustdar steht nach Einschätzung der dänischen Zeitung Jyllands-Posten erst am Anfang seiner eigentlichen Aufgabe: Investoren davon zu überzeugen, dass das Unternehmen den absehbaren Patentablauf von Semaglutid in den Jahren 2031 und 2032 verkraften kann. Skeptiker wie Morten Gregersen von Formuepleje warnen vor dem Risiko einer „One-Drug-Company“, die zu stark an Ozempic und Wegovy hängt. Novo Nordisk selbst verweist auf sein zellbasiertes Forschungsprogramm für Adipositas-Therapien, für das Analysten von AktienSensor bis 2035 ein Marktvolumen von 50 Milliarden Euro bei einer jährlichen Wachstumsrate von 18 Prozent veranschlagen. Für den Kandidaten CagriSema kalkuliert das Analysehaus einen Kapitalwert von 1,2 Milliarden Euro und einen Break-even-Preis von 22 Euro – allerdings belastet ein laufendes Gerichtsverfahren zur Dosierung des Präparats die Aussichten und könnte den für 2027 erwarteten Umsatz von 4,5 Milliarden Euro verzögern.
Aufsichtsbehörde und Compounding-Streit belasten zusätzlich
Parallel zur strategischen Debatte gerät Novo Nordisk auch regulatorisch unter Druck. Die US-Arzneimittelbehörde FDA schickte dem Konzern ein auf den 5. März datiertes Warnschreiben, weil das Unternehmen mehrere schwere Nebenwirkungen im Zusammenhang mit Semaglutid nicht fristgerecht gemeldet habe – darunter drei Todesfälle, einer davon ein Suizid. Die Behörde stützt sich auf eine Inspektion einer Produktionsstätte in New Jersey und räumte dem Konzern zwei Wochen zur Stellungnahme ein; Novo Nordisk erklärte, die Bedenken zügig auszuräumen. Zusätzlich verhandelt die FDA über einen Vorschlag, die Wirkstoffe Semaglutid und Tirzepatid von der sogenannten 503B-Liste zu streichen, über die derzeit noch Apotheken Gewichtsverlustmedikamente in großem Maßstab nachbauen dürfen. Die öffentliche Kommentierungsfrist dazu endete Ende Juni. Für Telemedizin-Anbieter wie Hims & Hers, deren Geschäftsmodell auf günstigeren nachgebauten Präparaten beruht, stünde damit ein zentraler Preisvorteil zur Disposition.
Preiskampf und Rechtsstreit mit Eli Lilly
Der Preisdruck kommt Novo Nordisk ohnehin von mehreren Seiten entgegen. Der Konzern kündigte an, seine US-Listenpreise vom 1. Januar 2027 an deutlich zu senken: Ozempic soll um 35 Prozent günstiger werden, die Wegovy-Injektion und die Wegovy-Pille jeweils um 50 Prozent, Rybelsus soll dann bei 675 US-Dollar pro Monat liegen. Ziel ist es, mehr als 100 Millionen adipöse und über 35 Millionen an Typ-2-Diabetes erkrankte Menschen in den USA zu erreichen. Auch in Indien und China senkt Novo Nordisk die Preise, nachdem dort lokale Generikahersteller Nachbauten bereits für rund 15 US-Dollar im Monat anbieten – ein Bruchteil der 95 bis 173 US-Dollar, die zuvor üblich waren. In den USA bleibt der Patentschutz dagegen bis 2032 bestehen, sodass ein legaler Import solcher Generika dort weiterhin ausgeschlossen ist. Gleichzeitig verteidigt der Konzern seine Marktstellung juristisch: Novo Nordisk hat Eli Lilly verklagt und wirft dem Konkurrenten vor, in der Werbung für Zepbound und Mounjaro veraltete klinische Daten zu nutzen und höhere Wirksamkeitswerte konkurrierender Dosierungen in Fußnoten zu verstecken. Der Telemedizin-Anbieter Hims & Hers hatte zuvor eine eigene 49-Dollar-Kopie der Wegovy-Pille auf den Markt gebracht, zog das Angebot nach einer rechtlichen Drohung Novo Nordisks jedoch wieder zurück.
Für Anleger rückt nun der nächste Quartalsbericht am 5. August in den Fokus. Analysten erwarten für das zweite Quartal einen Gewinn je Aktie von 0,81 US-Dollar – deutlich weniger, als der Konzern in den vorangegangenen Quartalen jeweils übertroffen hatte. Ob sich die Preissenkungen, der Rechtsstreit mit Lilly und die regulatorischen Fragen bereits in den Zahlen niederschlagen, dürfte maßgeblich darüber entscheiden, wie belastbar die Erholung der Aktie seit dem Jahrestief tatsächlich ist.
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