Ausgangslage
Novo Nordisk steckt in einer Phase widersprüchlicher Signale. Die Anhebung der Jahresprognose vom Montag hat die Aktie nicht beflügelt, im Gegenteil: Der Kurs notiert aktuell bei 39,76 Euro und damit rund 1,2 Prozent tiefer als am Vortag.
Der Konzern hatte das Ziel für Umsatz- und Betriebsgewinnwachstum 2026 auf 0 bis -6 Prozent zu konstanten Wechselkursen angehoben, nachdem zuvor -12 bis -4 Prozent gegolten hatten. Getragen wird die Verbesserung von der GLP-1-Volumenentwicklung.
Gleichzeitig meldete das Unternehmen für das zweite Quartal einen bereinigten Umsatz von 78,5 Milliarden dänischen Kronen, ein Plus von 7 Prozent zu konstanten Wechselkursen, während der ausgewiesene Betriebsgewinn wegen Wertminderungen von 6,3 Milliarden Kronen um 16 Prozent einbrach. Diese Gemengelage aus operativer Stärke und bilanzieller Belastung erklärt, warum Analysten so uneinheitlich reagieren wie selten zuvor.
Die entscheidende Frage
Der Markt fragt sich derzeit vor allem eines: Kann Novo Nordisk die Wegovy-Pille gegen die orale Konkurrenz von Eli Lilly verteidigen, oder hat der Wettbewerber im Abnehmmarkt bereits die Oberhand gewonnen? Genau daran entzündet sich die aktuelle Analystendebatte.
Berenberg stufte die Aktie am Mittwoch von „Buy“ auf „Hold“ zurück und senkte das Kursziel auf 47 US-Dollar beziehungsweise 305 dänische Kronen. Begründet wurde der Schritt mit der sich verschärfenden Konkurrenz im oralen Abnehmmarkt durch Eli Lilly sowie mit einer Bewertung, die das Aufwärtspotenzial der Wegovy-Pille bereits weitgehend einpreise.
Die Wegovy-Pille selbst lieferte im zweiten Quartal Erlöse von 3,22 Milliarden Kronen, was leicht unter der Analystenerwartung von 3,3 bis 3,6 Milliarden Kronen lag. Zugleich zeigte das REDEFINE-4-Testprogramm zum Nachfolgekandidaten CagriSema einen zu Tirzepatid gleichwertigen Gewichtsverlust, jedoch keine überlegene Blutzuckerkontrolle.
Ob Novo Nordisk mit CagriSema und der Wegovy-Pille genug Differenzierung aufbaut, um Marktanteile zu halten, entscheidet über die mittelfristige Bewertung stärker als jede einzelne Quartalszahl.
Bullisches Szenario
Für optimistische Anleger sprechen mehrere operative Fortschritte. Die im Juli erteilte Zulassung der Europäischen Arzneimittelagentur für die Wegovy-Pille auf Basis der OASIS-4-Daten sowie für den hochdosierten Wegovy-7,2-mg-Pen auf Basis der STEP-UP-Daten erweitert das verfügbare Marktsegment in Europa.
Parallel dazu ist das wöchentlich zu verabreichende Basalinsulin Awiqli in den USA nun verfügbar und stärkt das Diabetes-Portfolio jenseits des Abnehmgeschäfts.
Der Konzern investiert zudem in die strategische Partnerschaft mit Amazon Web Services, die Arzneimittelforschung und klinische Entwicklung mittels künstlicher Intelligenz beschleunigen soll und einen Co-Innovationshub am Novo-Standort King’s Cross in London vorsieht.
Der laufende Aktienrückkauf über 15 Milliarden Kronen, von dem zwischen dem 4. und 7. August weitere 820.000 B-Aktien erworben wurden, signalisiert zudem, dass das Management die aktuelle Bewertung für attraktiv hält. Sollte die Nachfrage nach GLP-1-Präparaten wie in der angehobenen Prognose unterstellt anziehen, könnte sich der Kurs von seinem aktuellen Abstand zum 50-Tage-Durchschnitt von -3,7 Prozent lösen.
Bärisches Szenario
Die Risikoseite ist ebenso konkret. Die Wertminderung von 4,0 Milliarden Kronen auf den Abnehmkandidaten Monlunabant zeigt, dass nicht jedes Projekt in der Pipeline aufgeht.
Das Phase-3-Programm ZEUS für Ziltivekimab verfehlte sein primäres Ziel, kardiovaskuläre Ereignisse zu reduzieren – ein Rückschlag für die Diversifizierung über den Kernbereich Diabetes und Adipositas hinaus. Hinzu kommt der Bewertungsvorbehalt von Berenberg: Selbst positive Studiendaten könnten wenig Kursfantasie mehr freisetzen, wenn der Markt sie bereits erwartet.
Die Aktie notiert derzeit rund 28 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch, was zeigt, wie stark das Vertrauen der Anleger seit Jahresbeginn gelitten hat – die Aktie liegt seit Jahresanfang 9,7 Prozent im Minus.
Sollte sich CagriSema im direkten Vergleich langfristig nicht klar von Tirzepatid abheben, dürfte der Wettbewerbsdruck von Eli Lilly weiter zunehmen und die Preissetzungsmacht von Novo Nordisk schmälern.
Ausblick
Kurzfristig dürften weitere Analystenreaktionen auf die jüngsten Studien- und Quartalsdaten das Kursbild prägen; Zacks Research etwa hob die Einstufung am Mittwoch von „Strong Sell“ auf „Hold“ an, was auf eine gewisse Stabilisierung der Erwartungen hindeutet.
Solange die GLP-1-Volumenentwicklung die angehobene Jahresprognose stützt und die europäischen Zulassungen für die Wegovy-Pille zusätzliche Märkte öffnen, bleibt ein Erholungsszenario intakt.
Kippt hingegen der Wettbewerbsdruck durch Eli Lilly weiter zu Lasten der Wegovy-Pille oder liefert CagriSema in weiteren Studienauswertungen keine klare Differenzierung, dürfte die Skepsis der Analysten – wie bei Berenberg bereits sichtbar – zunehmen.
Anleger sollten die nächsten Wettbewerbsdaten aus dem oralen Abnehmsegment sowie weitere Pipeline-Updates zu CagriSema als konkrete Wegmarken im Blick behalten.
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