Manchmal reicht eine einzige Zeile aus einer Behördenmitteilung, um eine ganze Strategie neu zu bewerten. Diese Woche war es die Nachricht, dass Chinas Arzneimittelbehörde den Zulassungsantrag für die orale Version von Wegovy angenommen hat, wie Reuters berichtete.
Für Novo Nordisk ist das mehr als eine bürokratische Randnotiz – es ist der bislang klarste Beleg dafür, dass der dänische Konzern seine Zukunft nicht allein auf die Injektionsnadel setzt, sondern auf die Pille als Massenprodukt für die zweitgrößte Pharmametropole der Welt.
Der größere Trend dahinter: Die Adipositas-Industrie steht vor einem Formatwechsel. Weg von der Spritze, hin zur Tablette. Wer im chinesischen Markt mit seinen Hunderten Millionen potenzieller Patienten früh eine Zulassung erhält, sichert sich einen Vorsprung, den Konkurrenten wie Eli Lilly nur schwer aufholen können.
Novo Nordisk hat in den vergangenen Wochen mit hohem Tempo an dieser Pillen-Story gearbeitet: Erst die Ankündigung, dass die Pille auch nach Deutschland kommt, dann der Start der Spätphasenstudie OASIS-5, die niedrigere Erhaltungsdosen der Wegovy-Pille an 450 übergewichtigen Erwachsenen ohne Diabetes über 60 Wochen testet. Jetzt also China.
CEO Doustdar: Kein Alles-oder-nichts-Kampf
Konzernchef Mike Doustdar hat vor rund zwei Wochen öffentlich klargestellt, dass er den Wettlauf mit Eli Lilly nicht als Winner-take-all-Schlacht versteht. Novo setze auf die Pille und eine breitere Pipeline, um verlorenes Terrain zurückzugewinnen, so Doustdar laut Reuters.
Diese Aussage liest sich heute anders als noch vor zwei Wochen: Die China-Zulassung ist genau jener Baustein, den Doustdar meinte, wenn er von der breiteren Pipeline sprach. Es ist eine Wette darauf, dass Masse und Marktzugang am Ende wichtiger sind als die reine Wirkstoffdebatte.
Parallel dazu zeigt sich Novo Nordisk auch als Partner und Kapitalgeber im Ökosystem der Adipositas-Forschung. Lexicon Pharmaceuticals erhielt am Montag eine dritte Meilensteinzahlung von 10 Millionen US-Dollar, nachdem im Phase-1-Programm für den Wirkstoff LX9851 ein wichtiger Dosierungsschritt bei Patienten erreicht wurde.
Und mit dem Biotech-Unternehmen Novonesis erforscht der Konzern Mikrobiom-Präparate als Ergänzung zu GLP-1-Abnehmmedikamenten, Ergebnisse werden erst für die zweite Jahreshälfte 2027 erwartet. Beide Projekte sind noch weit von der Marktreife entfernt, doch sie zeigen: Novo Nordisk baut nicht nur an einer Pille, sondern an einem ganzen Portfolio rund ums Abnehmen.
Ein Schönheitsfehler in der Produktionskette
Nicht jede Nachricht rund um den Konzern ist erfreulich. Scholar Rock zog vergangene Woche seinen europäischen Zulassungsantrag für ein Mittel gegen spinale Muskelatrophie zurück und kündigte an, künftig eine andere Fertigungsstätte zu nutzen – nach Problemen in einer Anlage von Novo Nordisk in Bloomington, Indiana.
Ein kleiner Vorfall im Vergleich zur China-Nachricht, aber ein Hinweis darauf, dass Novo Nordisk längst nicht nur Hersteller eigener Präparate ist, sondern auch als Auftragsfertiger für Dritte eine Rolle spielt – mit allen Risiken, die das mit sich bringt.
Was die Anleger daraus lesen sollten
An der Börse kam die China-Nachricht am heutigen Donnerstag zunächst nicht gut an: Die Aktie verlor 2,8 Prozent und rutschte auf 39,47 Euro. Das mag überraschen, passt aber zu einem Markt, der zwischen Euphorie über Pipeline-Fortschritte und Nervosität über die Konkurrenzdynamik mit Eli Lilly hin- und herpendelt. Der Abstand zum 52-Wochen-Hoch beträgt inzwischen 28 Prozent – ein Maß dafür, wie viel Skepsis sich seit dem Rekordniveau im Januar aufgebaut hat.
Bleibt die Frage, ob eine einzelne Zulassungsannahme in China ausreicht, um diese Skepsis zu drehen. Die Antwort liegt wohl nicht in dieser einen Meldung, sondern in der Summe der Bausteine: Pille, Studien, Partnerschaften, Meilensteine.
Novo Nordisk hat in den vergangenen Wochen bewiesen, dass es an vielen Fronten gleichzeitig arbeitet. Ob das reicht, um im Rennen gegen Eli Lilly wieder Boden zu gewinnen, wird sich erst zeigen, wenn aus angenommenen Anträgen tatsächliche Zulassungen werden.
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