Novartis steckt mitten im größten Patentablauf seiner Firmengeschichte. Trotzdem meldet der Konzern für das zweite Quartal wieder Wachstum. Auslöser der jüngsten Kursrally waren die Ende Juli vorgelegten Zahlen. Die entscheidende Frage lautet: Reicht dieses Wachstum, um den spürbaren Margendruck auszugleichen?
Der Kurs notiert aktuell bei 135,36 Euro. Das liegt nur noch 6,20 Prozent unter dem Rekordhoch von 144,30 Euro. Genug Spielraum also – wenn die Fundamentaldaten mitspielen.
Die entscheidende Kennzahl: Marge gegen Wachstum
Entresto, lange der wichtigste Umsatzträger, verlor nach dem Patentablauf in den USA massiv an Boden. Die Erlöse brachen im Quartal um 50 Prozent auf 1,18 Milliarden Dollar ein. Vorstandschef Vas Narasimhan bestätigte, der Konzern habe im ersten Halbjahr vor dem größten Patentablauf seiner Geschichte gestanden.
Trotzdem kehrte Novartis im zweiten Quartal zum Wachstum zurück. Das Brustkrebsmittel Kisqali legte währungsbereinigt um 43 Prozent auf rund 1,7 Milliarden Dollar zu. Auch Kesimpta, Pluvicto und Scemblix wuchsen zweistellig.
Der Umsatz ist aber nur die halbe Geschichte. Für das laufende Jahr erwartet Novartis weiterhin ein währungsbereinigtes Umsatzwachstum im niedrigen einstelligen Bereich. Der bereinigte operative Gewinn soll dagegen in ähnlicher Größenordnung sinken.
Genau an diesem Spread entscheidet sich, wohin die Aktie läuft. Wächst der Umsatz schneller als die Marge schrumpft, bleibt Raum für weitere Kursgewinne. Kippt das Verhältnis, dürfte der Markt die Bewertung kritischer hinterfragen.
Bullisches Szenario: Neue Blockbuster schließen die Lücke schneller
Für Optimisten spricht: Novartis übertraf im zweiten Quartal die Gewinnschätzungen und ließ die Prognose für 2026 unverändert. Analysten werten das als Hinweis, dass der Konzern Kosten in die zweite Jahreshälfte verschoben hat. Zudem kehrte das Wachstum bereits jetzt zurück – ursprünglich hatten viele erst ab der zweiten Jahreshälfte damit gerechnet.
Auch die Kapitalrückführung stützt die Aktie. Im ersten Halbjahr 2026 kaufte Novartis 18,2 Millionen eigene Aktien für 2,8 Milliarden Dollar zurück. Das Geld stammt aus einem milliardenschweren Rückkaufprogramm, von dem noch gut die Hälfte offen ist.
Hinzu kommt ein neues, dreijähriges Rückkaufprogramm. Es deckt bis zu zehn Prozent der ausstehenden Aktien ab und stützt den Gewinn je Aktie strukturell – unabhängig vom operativen Margendruck.
Für das zweite Halbjahr stehen zudem mehrere Studienergebnisse an. Dazu zählen das Herz-Kreislauf-Mittel Pelacarsen, Remibrutinib gegen Multiple Sklerose sowie Del-Desiran gegen eine genetische Erkrankung. Analysten trauen den drei Kandidaten zusammen jährliche Spitzenumsätze von 10 Milliarden Dollar zu – und damit Wachstum über das Jahr 2030 hinaus.
Bärisches Szenario: Steigende Schulden, schrumpfende Marge
Die Kehrseite der Wachstumsstrategie zeigt sich in der Bilanz. Die Nettoverschuldung stieg von 21,9 Milliarden Dollar Ende 2025 auf 39,4 Milliarden Dollar Mitte 2026 – fast eine Verdopplung binnen sechs Monaten.
Der Sprung hat handfeste Gründe. Novartis kaufte kräftig zu, zahlte die Jahresdividende aus und ließ eigene Aktien zurückkaufen.
Zukäufe und Lizenzdeals kosteten 15,3 Milliarden Dollar. Die Dividende summierte sich auf 9,1 Milliarden Dollar, die Aktienrückkäufe auf weitere 3,1 Milliarden Dollar.
Parallel dazu sank die operative Kernmarge auf 41,2 Prozent. Das zeigt: Die neuen Wachstumstreiber bringen Umsatz, aber noch nicht die Profitabilität des auslaufenden Entresto-Geschäfts.
Novartis bleibt zudem übernahmehungrig. CEO Narasimhan setzt eigenen Worten zufolge meist auf Zukäufe unter zwei Milliarden Dollar, bleibt aber offen für größere Deals. Im Juli vereinbarte der Konzern den Kauf des Biotechunternehmens Myricx Bio, zuvor wurden Pikavation Therapeutics und Excellergy übernommen.
Setzt sich dieses Tempo fort, ohne dass sich die Marge stabilisiert, dürfte die Verschuldung weiter steigen. Finanzchef Mehta betont zwar, die Bilanz sei stark genug für weitere Investitionen. Der Markt dürfte diese Aussage in den kommenden Quartalen genau prüfen.
Ausblick: Die zweite Jahreshälfte wird zum Prüfstein
Setzen die neuen Wachstumsträger ihre zweistelligen Raten fort, dürfte die Aktie weiter Richtung 52-Wochen-Hoch laufen. Der RSI von 53,6 signalisiert derzeit keine Überhitzung und lässt technisch noch Luft nach oben.
Fällt die operative Marge dagegen unter die aktuellen 41,2 Prozent, dürfte der Markt genauer hinschauen. Enttäuschen dabei auch die Studien zu Pelacarsen, Remibrutinib und Del-Desiran, wächst der Druck auf die Bewertung noch weiter.
Der nächste konkrete Prüfstein liegt in den für das zweite Halbjahr angekündigten Studienauslesungen. Sie zeigen, ob die Pipeline den Ausfall von Entresto dauerhaft kompensieren kann.
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