Zinsentscheidungen bewegen die Märkte
Nach der Zinserhöhung der amerikanischen Notenbank Fed kam es an den Börsen zunächst zu Kursverlusten. Die Zinsentscheidung am Mittwochabend hatte für einen kurzen Schreckmoment gesorgt, doch inzwischen hat sich am Markt die Überzeugung durchgesetzt, dass eine Notenbank, die entschlossen gegen die Inflation vorgeht, auf Dauer die bessere Nachricht für die Börse ist.
Zusätzlichen Rückenwind lieferte der Ölpreis, der weiter nachgab. Die Nordsee-Sorte Brent kostete zuletzt gut 103 Dollar pro Fass. Grund für den Rückgang ist zum einen die Hoffnung, dass eine Pipeline in Saudi-Arabien wieder zumindest teilweise in Betrieb gehen kann. Zum anderen soll China den Iran dazu gedrängt haben, die Houthi-Rebellen im Jemen zu bremsen, die zuletzt für Angriffe auf Öltanker verantwortlich waren.
Beim DAX hat sich das Chartbild etwas verbessert, allerdings ohne eindeutige Tendenz. Der Index konnte sich auf seine Unterstützung an der 100-Tage-Linie verlassen und drehte dort in den vergangenen Tagen nach oben. Der Sprung über die 50-Tage-Linie gelang zwar kurz, konnte aber nicht gehalten werden. Am Freitagmorgen startete der Markt wieder mit Verlusten, was auch mit dem Verfallstag zusammenhängt.
Neben der Fed standen in dieser Woche zwei weitere Notenbanken im Fokus, die unterschiedliche Signale sendeten. Die Bank of England ließ ihren Leitzins unverändert, beschloss aber, vorerst keine langlaufenden Staatsanleihen mehr an den Markt zu bringen. Diese Papiere waren in den Krisenjahren aufgekauft worden und werden seither wieder verkauft, was die ohnehin nervösen britischen Anleihen zuletzt zusätzlich belastet hatte. Die Renditen 30-jähriger britischer Staatsanleihen waren zuvor auf den höchsten Stand seit 1998 gestiegen, sanken nach der Entscheidung aber wieder. Die weltweit steigenden Renditen langlaufender Anleihen gelten inzwischen als eines der größten Risiken für die Aktienmärkte, weshalb jede Notenbank, die hier Druck herausnimmt, auch den Aktionären hilft.
In Tokio erhöhte die Bank of Japan ihren Leitzins von 1,0 auf 1,25 Prozent – der höchste Stand seit Jahrzehnten. Überraschend war, dass zwei Mitglieder des Gremiums gegen den Schritt stimmten, weil ihnen das Tempo zu hoch erschien. Für Anleger weltweit ist diese Entwicklung relevant, weil sich große Investoren über Jahrzehnte zu Minizinsen in Japan verschuldet und das Geld rund um die Welt in Aktien und Anleihen gesteckt haben – die sogenannten Carry Trades. Steigen die Zinsen in Tokio, werden diese Geschäfte teurer, und es ist zu erwarten, dass ein signifikanter Teil der Anleger diese Positionen rückabwickelt, was Börsen weltweit spüren dürften. Der japanische Notenbankchef sollte am Freitagvormittag eine Pressekonferenz geben, von der sich der Markt weitere Signale erhofft.
Speicherchips und Rechenzentren im Fokus
Auf Unternehmensebene sorgte die Aktie von Micron, einem der führenden Speicherchip-Hersteller der Welt, für Aufmerksamkeit. Nach einer vorherigen Korrekturphase gelang der Aktie der Sprung zurück über die 50-Tage-Linie. Auslöser war eine Aussage des Intel-Chefs auf einer Branchenkonferenz: Die Preise für Speicherchips hätten sich in der jüngsten Vergangenheit verfünf- bis versiebenfacht, und im kommenden Jahr werde sich der Mangel noch verschärfen. Pikant ist diese Einschätzung, weil Intel selbst in diesen Markt zurückkehren will – über Gespräche für ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem koreanischen Speicherhersteller SK Hynix, der zuletzt aber bremste, da noch nichts entschieden sei. Für Micron dürfte das kurzfristig kein Problem darstellen, da neue Fabriken Jahre bis zur Produktionsreife benötigen. Auf lange Sicht würde zwar mehr Wettbewerb die Preise drücken, kurzfristig – über die nächsten zwei bis drei Jahre – steht der Preis-Rallye bei Speicherchips aber wohl nichts im Wege.
Auch beim Thema Stromversorgung für KI-Rechenzentren gab es Bewegung. Sogenannte Neo-Clouds – Anbieter, die Rechenzentren für Chips, meist von Nvidia, betreiben und die Rechenleistung an KI-Firmen vermieten – stehen seit Monaten im Marktfokus. Viele dieser Unternehmen waren früher im Bitcoin-Mining aktiv und funktionieren ihre Zentren nun zu KI-Rechenzentren um. Dazu zählen Nebius und IREN. Nebius teilte seinen Kunden mit, die Mietpreise für mehrere Nvidia-Chip-Generationen um rund 20 Prozent zu erhöhen, woraufhin die Aktie deutlich zulegte. Charttechnisch konnte sich Nebius zuletzt aus der Nähe der 150-Tage-Linie befreien. Der Konkurrent IREN gewann rund 2 Prozent. CoreWeave, das seine Preise bereits im Juli angehoben hatte, verlor dagegen 4 Prozent – ausgelöst durch die Ankündigung, eine Wandelanleihe über 3 Milliarden Dollar platzieren zu wollen, was eine Verwässerung der bestehenden Aktionäre bedeuten würde.
Anthropic strebt an die Börse
Der bevorstehende Börsengang von Anthropic, dem Entwickler des KI-Assistenten Claude, dürfte in den kommenden Wochen konkrete Formen annehmen. Medienberichten zufolge könnte es der größte Börsengang aller Zeiten werden, im Raum steht eine Bewertung von 2 Billionen Dollar. Anthropic hatte den Börsengang bereits Anfang Juni bei der US-Börsenaufsicht beantragt, der öffentliche Börsenprospekt könnte laut Markteinschätzungen jederzeit erscheinen. Berichten zufolge könnte das Unternehmen bis zu 100 Milliarden Dollar einsammeln. Zum Vergleich: SpaceX kam beim eigenen Börsengang auf eine Bewertung von 1,77 Billionen Dollar.
Die operativen Zahlen hinter Anthropic sind beeindruckend: Im vergangenen Jahr lag der Umsatz bei rund 10 Milliarden Dollar, im Mai erreichte das Unternehmen bereits ein Umsatztempo, das auf das Jahr hochgerechnet 47 Milliarden Dollar ergeben hätte. Ende Juli sollen es bereits 65 Milliarden Dollar gewesen sein. Das Geld stammt vor allem von Unternehmen, die für die Nutzung des KI-Modells Claude zahlen, besonders gefragt ist das Programmierwerkzeug Claude Code.
Für Diskussionen sorgt ein Essay von Anthropic-Chef Dario Amodei, in dem er die Branche aufforderte, bei der Entwicklung immer leistungsfähigerer KI auf die Bremse zu treten. Anthropic ist als Public Benefit Corporation organisiert – eine US-Rechtsform, bei der das Management neben dem Gewinn der Aktionäre ausdrücklich einen gesellschaftlichen Zweck verfolgen muss, in diesem Fall die sichere Entwicklung von KI. Das Unternehmen hat dafür sogar einen Auftrag des US-Verteidigungsministeriums über mehr als 200 Millionen Dollar abgelehnt, weil dieser den eigenen Regeln für militärische Einsätze widersprochen hätte.
Allerdings gibt es auch Gründe zur Vorsicht: Das Anlegermagazin Barron’s untersuchte 16 börsennotierte Unternehmen mit dieser Rechtsform, von denen 12 schlechter abschnitten als der S&P 500. Zudem wächst der Wettbewerbsdruck: OpenAI stellte Anfang des Monats ein neues Modell vor, das in mehreren Tests besser abschnitt als das aktuell beste öffentlich verfügbare Modell von Anthropic. Aus China kommen zudem günstigere Open-Source-Modelle, deren Entwickler sich nur noch etwa ein halbes Jahr hinter Anthropic sehen. Hinzu kommt politische Unsicherheit: In Washington liegt ein Gesetzentwurf vor, der die Entwicklung überlegener KI verbieten will. US-Präsident Trump trifft am 24. September Chinas Präsidenten Xi Jinping, wobei das Thema KI voraussichtlich zur Sprache kommt.
Angesichts der hohen Bewertung, die kaum Raum für Enttäuschungen lässt, und der Erfahrung mit anderen großen Börsengängen wie SpaceX, deren Aktie nach einem starken Start zeitweise deutlich unter den Ausgabepreis fiel, könnte auch bei Anthropic nach dem Börsengang zunächst eine schwächere Phase folgen, etwa durch Gewinnmitnahmen früher Investoren. OpenAI hat seinen eigenen Börsengang bereits auf das kommende Jahr verschoben.
Orexin: Neue Medikamentenklasse gegen krankhafte Müdigkeit
Ein aufkommendes Thema am Pharma-Markt betrifft Medikamente, die auf den Botenstoff Orexin wirken, der im Gehirn für Wachheit sorgt. Die Investmentbank Morgan Stanley hält es für möglich, dass diese Wirkstoffklasse einen ähnlichen Aufschwung erlebt wie einst die Abnehmspritzen. Bei Menschen mit der schwersten Form der Narkolepsie produziert der Körper kaum noch Orexin, wodurch Betroffene tagsüber extrem müde werden und teilweise unkontrolliert einschlafen. Bislang werden diese Patienten vor allem mit Aufputschmitteln bis hin zu Amphetamin behandelt, die nur Symptome lindern. Die neuen Wirkstoffe, sogenannte Orexin-Agonisten, docken dagegen direkt an der Stelle an, an der normalerweise Orexin wirkt, und lösen dasselbe Wachsignal aus. Davon zu unterscheiden sind Orexin-Schlafmittel wie die von Merck, die den gegenteiligen Effekt haben und bereits seit Jahren im Markt sind.
Morgan Stanley schätzt, dass allein in den USA rund 350.000 Menschen an Narkolepsie oder verwandten Formen krankhafter Schläfrigkeit leiden, weltweit könnten es mehr als 3 Millionen sein – wobei nur etwa jeder zweite Fall diagnostiziert ist. Daraus leitet die Bank eine Marktschätzung von 16 Milliarden Dollar bis 2035 ab. Deutlich größer könnte das Potenzial werden, sollten sich die Wirkstoffe auch bei anderen Erkrankungen wie ADHS als wirksam erweisen. In den kommenden 18 Monaten werden zahlreiche neue Studiendaten erwartet, die über die tatsächliche Größe dieses Marktes entscheiden dürften.
Am weitesten fortgeschritten ist die japanische Takeda, die Anfang August in den USA die Zulassung für ein neues Medikament erhielt – das weltweit erste Medikament dieser Art, zunächst für Erwachsene mit der schwersten Form der Narkolepsie. In China ist das Präparat bereits seit Juli erhältlich, in Japan läuft das Zulassungsverfahren, und in Europa will Takeda noch in diesem Jahr die Zulassung beantragen. Das Unternehmen rechnet in der Spitze mit Jahresumsätzen von 2 bis 3 Milliarden Dollar, im laufenden Geschäftsjahr allerdings noch mit keinem nennenswerten Beitrag. Das Medikament soll helfen, Umsatzverluste durch auslaufende Patente bei Takedas ADHS-Präparaten zu kompensieren. Ein Nachteil: Es muss zweimal täglich eingenommen werden.
Der irische Anbieter Alkermes entwickelt dagegen einen Wirkstoff, der nur einmal täglich eingenommen werden muss. Seit April läuft die entscheidende Phase-3-Studie für beide Formen der Narkolepsie, eine weitere Studie prüft eine verwandte Form der Schlafsucht. Die US-Gesundheitsbehörde FDA hat das Medikament ALKS 2680 bereits als möglichen Therapiedurchbruch eingestuft, was das Zulassungsverfahren beschleunigen könnte. Alkermes ist kein reines Forschungsunternehmen, sondern erzielte im vergangenen Jahr rund 1,5 Milliarden Dollar Umsatz, schreibt Gewinne und verkauft nach einer Übernahme bereits ein Narkolepsie-Medikament.
Als Dritter im Bunde engagiert sich Eli Lilly, aktuell der wertvollste Pharmakonzern der Welt, im Bereich Orexin. Eli Lilly übernahm das Biotech-Unternehmen Centessa Pharmaceuticals, hinzu kommen mögliche weitere Zahlungen bei Erreichen bestimmter Zulassungsmeilensteine. Der Wirkstoff befindet sich noch in Phase 2, hat aber bereits gute Ergebnisse gezeigt.
Charttechnisch zeigt Takeda seit dem Sommer einen schwankungsanfälligen Aufwärtstrend und nähert sich seinen bisherigen Höchstkursen. Alkermes verzeichnete im laufenden Jahr eine starke Performance, musste ab Juli aber eine Korrekturphase durchlaufen, konnte sich an der 100-Tage-Linie jedoch stabilisieren. Eli Lilly geriet gemeinsam mit dem Gesamtmarkt in eine Korrektur, die ebenfalls an der 100-Tage-Linie gestoppt wurde, mit ersten Anzeichen einer Trendwende.
Ein deutscher Bezug findet sich beim US-Schlafmedizinspezialisten Jazz Pharmaceuticals, der gemeinsam mit dem Hamburger Pharmaforschungsunternehmen Evotec einen eigenen Kandidaten testet. Dieser befindet sich noch in Phase 1, der wirtschaftliche Nutzen für Evotec dürfte vorerst überschaubar bleiben.
Insgesamt gilt: Ein direkter Vergleich mit dem Abnehmspritzen-Boom wäre verfrüht, da es zunächst um seltene Erkrankungen mit einigen hunderttausend Patienten in den USA geht. Entscheidend wird sein, ob die Mittel auch bei Menschen mit Müdigkeit anderer Ursache wirken – erst dann könnte aus dem Nischenmarkt ein Massenmarkt werden. Ein erster wichtiger Indikator dürften die Verkaufszahlen des Takeda-Medikaments ab November sein.
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