Ein Auftragsplus von einem Drittel bei Nordex, ein Milliarden-Deal bei RWE, eine ablaufende Bankenfrist bei ABO Wind: Der deutsche Grünstrom-Sektor liefert an diesem Donnerstag gleich mehrere Geschichten parallel. Sie zeigen, wie unterschiedlich Anleger operative Stärke und Kapitalmarktreaktion derzeit gewichten.
Sektor-Überblick: Rekordaufträge treffen auf Existenzfragen
Netzausbau, steigende Stromnachfrage durch Rechenzentren und eine EEG-Reform ab 2027 treiben die Bewertungen im Sektor strukturell nach oben. Mehrere Analysten verweisen unabhängig voneinander auf diesen Trend als langfristigen Rückenwind für Windkraft- und Netzinfrastrukturunternehmen.
Bis Ende 2026 dürfte sich der Wettbewerb bei den letzten Windkraftauktionen mit den alten Förderkonditionen allerdings verschärfen. Wie fragil die Finanzierungssituation kleinerer Projektentwickler sein kann, zeigt derzeit ABO Wind. Dort treffen Zinsumfeld, Wertberichtigungen und ausbleibende Erträge in einer gefährlichen Kombination aufeinander. Die Berichtssaison Anfang August dürfte zeigen, ob sich die strukturellen Rückenwinde in konkrete Kursbewegungen übersetzen— oder ob einzelne Bilanzsorgen den Gesamtsektor weiter belasten.
Siemens Energy: JPMorgan bleibt optimistisch, Barclays bremst
JPMorgan hat seine Einschätzung zu Siemens Energy bestätigt: „Overweight“ mit einem Kursziel von 235 Euro. Hintergrund ist ein positiver Branchenausblick von Analyst Phil Buller für die anstehenden Quartalszahlen europäischer Investitionsgüterunternehmen. Die Aktie reagierte entsprechend fest und legte am Donnerstag um 1,94 Prozent auf 156,48 Euro zu, nach einem Schlusskurs von 153,50 Euro am Vortag.
Die Story bleibt zweigeteilt. Barclays hatte zuletzt mit einer Herabstufung für Unruhe gesorgt: Kursziel angehoben auf 130 Euro, gleichzeitig aber Einstufung auf „Underweight“— die Analysten sehen Auftragseingang und freien Cashflow spätestens 2026 am Zenit. Charttechnisch bewegt sich das Papier weiterhin in einer volatilen Konsolidierung nach der starken Rally der Vormonate. Seit Jahresanfang steht dennoch ein Plus von 27,43 Prozent zu Buche, wenngleich der Kurs gut ein Fünftel unter dem 52-Wochen-Hoch von 195,54 Euro notiert. Die nächste Bilanzvorlage für das dritte Quartal wird für den 5. August erwartet.
Nordex: Auftragseingang springt um ein Drittel
Nordex hat am Morgen starke Zahlen zum zweiten Quartal vorgelegt. Im Projektgeschäft ohne Servicesparte kletterte der Auftragseingang auf 3.054 Megawatt— ein Plus von 32,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für das erste Halbjahr insgesamt steht damit ein Zuwachs von 9,6 Prozent auf 4.923 Megawatt.
Besonders Deutschland, die USA und die Türkei trieben das Wachstum. Allein auf den US-Markt entfielen rund 800 Megawatt des Auftragseingangs im zweiten Quartal, was Vorstandschef José Luis Blanco als wichtigen Meilenstein wertete. Der durchschnittliche Verkaufspreis blieb mit 0,97 Millionen Euro pro Megawatt stabil auf Vorjahresniveau— ein Zeichen gesunder Preisdisziplin trotz steigender Volumina.
Die Aktie selbst zog am Donnerstag um 4,28 Prozent auf 42,86 Euro an. Auf Sicht von sieben Tagen bleibt zwar ein Minus von 7,83 Prozent stehen, doch seit Jahresbeginn türmt sich ein Plus von 42,58 Prozent auf— getragen von der insgesamt robusten Nachfrage nach Onshore-Windturbinen.
RWE: Amprion-Deal treibt Kurszielanhebungen
Bei RWE dominiert derzeit ein Thema die Analystenmeinungen: die geplante Mehrheitsübernahme am Übertragungsnetzbetreiber Amprion. Gleich drei große Häuser haben in den vergangenen Tagen ihre Kursziele angehoben. Die UBS erhöhte von 65 auf 66 Euro und beließ die Einstufung auf „Buy“— RWE bleibe neben Orsted und Grenergy einer der Favoriten im Sektor. Jefferies positionierte sich noch offensiver: Kursziel von 63 auf 68 Euro, „Buy“ bestätigt, gestützt vor allem auf die aktualisierte Bewertung von Amprion. RBC zog nach und hob von 62,50 auf 65,00 Euro an, weil die Mehrheitsbeteiligung einen höheren Anteil regulierter Gewinne bedeute.
Finanziert wird die Aufstockung, die ein Volumen von rund 3,6 Milliarden Euro umfasst, über mehrere Kanäle: eine Kapitalerhöhung, den Verkauf eigener Aktien und eine grüne Anleihe. Operativ bestätigte der Konzern zudem seine Jahresprognose mit einem bereinigten EBITDA zwischen 5,2 und 5,8 Milliarden Euro sowie einer für 2026 angepeilten Dividende von 1,32 Euro je Aktie— ein Plus von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Aktie selbst notiert mit 56,56 Euro nahe ihrem 50-Tage-Durchschnitt, seit Jahresbeginn steht ein Plus von 20,73 Prozent zu Buche. Die nächsten Quartalszahlen werden am 13. August erwartet.
Energiekontor: Netzausbau in NRW nimmt Fahrt auf
Energiekontor meldete einen operativen Doppelerfolg in Nordrhein-Westfalen. Der veräußerte Windpark Drensteinfurt-Rieth wurde erfolgreich in Betrieb genommen— zwei Anlagen des Herstellers Enercon vom Typ E-160 EP5 mit einer Gesamterzeugungsleistung von rund elf Megawatt. Überschaubar in der Dimension, aber bezeichnend für das Geschäftsmodell: Energiekontor bleibt langfristig an den Anlagen beteiligt und übernimmt die technische sowie kaufmännische Betriebsführung. Projektnahe Cashflows aus dem Vertrieb verbinden sich so mit laufenden Betreibererlösen.
Parallel wächst die Pipeline weiter. Zwei zusätzliche Baugenehmigungen für Windparkprojekte mit einer Gesamtkapazität von rund 46 Megawatt kamen hinzu, wobei zwei Projekte im Kreis Höxter aufgrund ihrer räumlichen Nähe künftig gemeinsam weiterentwickelt werden sollen. An der Börse kam davon zuletzt wenig an: Die Aktie fiel am Donnerstag um 2,28 Prozent auf 36,50 Euro und notiert damit knapp ein Drittel unter ihrem 52-Wochen-Hoch. Die im vergangenen Geschäftsjahr erneut ausgebaute Projektpipeline von 12,2 Gigawatt inklusive US-Projektrechten unterstreicht dennoch die langfristigen Wachstumspotenziale.
ABO Wind: Countdown zur Bankenfrist läuft weiter
Bei ABO Wind bleibt die Lage angespannt. Das Unternehmen steht vor der entscheidenden Deadline Ende Juli— bis dahin muss eine Anschlussfinanzierung stehen, sonst droht die Zahlungsunfähigkeit. Hintergrund sind massive Vorjahresverluste: Für 2025 wird ein Fehlbetrag von rund 170 Millionen Euro erwartet, belastet durch Wertberichtigungen von 35 Millionen Euro und gesunkene Einspeisevergütungen. Ein positives EBITDA hält das Management frühestens für 2027 für realistisch.
Immerhin liegt ein Sanierungsgutachten vor, das grundsätzliche Überlebensfähigkeit bescheinigt— allerdings unter einer klaren Bedingung: eine tragfähige Anschlussfinanzierung mit den Banken bis Ende Juli, wenn die bestehenden Stillhaltevereinbarungen auslaufen. Im August folgt zudem eine außerordentliche Hauptversammlung zur Anzeige des Verlusts der Hälfte des Grundkapitals gemäß Aktiengesetz sowie zu möglichen weiteren Kapitalmaßnahmen. Der Markt bewertet die Gemengelage entsprechend nervös: Die Aktie fiel binnen 30 Tagen um 37,85 Prozent, der RSI von 30,7 signalisiert eine deutlich überverkaufte Lage.
Vergleichende Sektordynamik: Drei Geschwindigkeiten
Der Blick auf die fünf Werte offenbart deutlich unterschiedliche Risikoprofile innerhalb desselben Sektors:
- Siemens Energy und RWE: Etablierte Großkonzerne profitieren von strukturellen Trends— Netzausbau, KI-Stromnachfrage und regulierte Infrastrukturbeteiligungen sorgen für stabile Analystenzustimmung, auch wenn einzelne Häuser wie Barclays bei Siemens Energy skeptischer werden
- Nordex: Solide Mittelposition— operative Dynamik über wachsende Auftragseingänge ist intakt, Kursreaktion bleibt aber volatil und hinkt den fundamentalen Fortschritten zeitweise hinterher
- Energiekontor: Kontinuierliche operative Fortschritte über Inbetriebnahmen und neue Baugenehmigungen, an der Börse aber weiterhin zurückhaltend bewertet
- ABO Wind: Klarer Ausreißer nach unten— eine konkrete, terminierte Finanzierungsfrage entscheidet über die Kursentwicklung, nicht die allgemeine Sektorstimmung
Ausblick: Zwischen Bilanzterminen und Bankenfrist
Die kommenden Wochen bringen für alle fünf Werte wichtige Nachrichtenpunkte. Bei Siemens Energy und RWE stehen mit den Quartalszahlen am 5. beziehungsweise 13. August die nächsten Gelegenheiten an, um zu prüfen, ob sich die positiven Analystenerwartungen tatsächlich niederschlagen. Nordex dürfte weiterhin von der deutschen Windauktions-Pipeline profitieren, sofern sich die Auftragsdynamik aus dem zweiten Quartal fortsetzt. Für Energiekontor wird interessant, ob sich die Pipeline-Expansion in NRW auch in sichtbaren Projektverkäufen niederschlägt.
Die größte Aufmerksamkeit dürfte weiterhin ABO Wind zukommen. Die Bankenfrist Ende Juli sowie die anschließende außerordentliche Hauptversammlung im August markieren für das Unternehmen einen echten Scheidepunkt zwischen Sanierung und Insolvenz.
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