Es gibt Momente, in denen ein Unternehmen zwei Geschichten gleichzeitig erzählt – und Nokia liefert derzeit genau so einen Moment. Auf der einen Seite steht ein Konzern, der sich radikal von altem Ballast trennt.
Auf der anderen Seite wächst ein Geschäft heran, das nach Zukunft riecht: künstliche Intelligenz, Cloud, Hochleistungsnetze. Die Frage, die sich Anleger stellen müssen, lautet nicht, ob Nokia sich wandelt, sondern ob der Wandel schnell genug kommt, um den Kurs wieder in Richtung altes Hoch zu tragen.
Der Umbau als Preis für die Zukunft
Am 23. Juli verkündete Nokia Zahlen, die dieses Spannungsfeld sichtbar machten. Der Konzern hob seine Prognose für das operative Ergebnis 2026 auf eine Spanne von 2,1 bis 2,6 Milliarden Euro an – zuvor waren es 2,0 bis 2,5 Milliarden.
Gleichzeitig beschleunigt Nokia seinen Umbau: Die Restrukturierungskosten für das laufende Jahr sollen nun 800 Millionen Euro erreichen, mehr als ursprünglich geplant.
Die Integration des China-Geschäfts wird von drei auf zwei Jahre verkürzt, was bis Ende 2026 zusätzliche Kosten von 350 Millionen Euro verursacht. Weitere europäische Restrukturierungsprogramme sollen 2026 rund 200 Millionen Euro kosten.
Das ist der Preis, den Nokia für Beweglichkeit zahlt. Wer sich neu erfinden will, muss zuerst aufräumen. Zwei Randgeschäfte – die Sparte Fixed Wireless Access CPE und der Bereich Enterprise Campus Edge – werden als aufgegebene Geschäftsbereiche eingestuft.
Die CPE-Sparte geht an den US-Anbieter Inseego, bereits im April vereinbart: Nokia erhält dafür Inseego-Aktien und Optionsscheine sowie eine Beteiligung von rund elf Prozent an dem kleineren Unternehmen, der Abschluss wird für das vierte Quartal erwartet.
KI als Wachstumsmotor
Der eigentliche Hoffnungsträger heißt AI & Cloud. Der Auftragseingang in diesem Segment erreichte im zweiten Quartal 2,8 Milliarden Euro, der Umsatz dort hat sich gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt.
Nokia geht davon aus, dass rund die Hälfte dieser Aufträge innerhalb der nächsten zwölf Monate in Umsatz umgewandelt wird – Lieferengpässe treiben paradoxerweise längerfristige Bestellungen der Kunden an, weil diese sich Kapazitäten sichern wollen.
Passend dazu hat Nokia Mitte Juli die nach eigenen Angaben erste kommerzielle AI-RAN-Plattform der Branche vorgestellt, entwickelt mit NVIDIA-Aerial-Technologie. Pilotprojekte sollen bis Ende 2026 starten, die kommerzielle Verfügbarkeit ist für 2027 über ein Abonnement-Softwaremodell geplant.
Auch das klassische Netzinfrastruktur-Geschäft trägt bei: Optische Netzwerke wuchsen um 20 Prozent, IP-Netzwerke um 16 Prozent. Die Bruttomarge kletterte um 70 Basispunkte auf 46 Prozent, die operative Marge ebenfalls um 70 Basispunkte auf 9 Prozent.
Was der Kurs von der Geschichte hält
Der Markt honoriert diese Doppelstrategie – aber zögerlich. Am Dienstag legte die Aktie um 2,95 Prozent zu und schloss bei 8,24 Euro. Seit Jahresbeginn steht ein Plus von 47,33 Prozent, über zwölf Monate sogar von 130,76 Prozent. Das zeigt: Wer früh eingestiegen ist, hat viel gewonnen.
Doch der Blick auf die vergangenen 30 Tage relativiert die Euphorie, denn dort steht ein Minus von 20 Prozent. Zum 52-Wochen-Hoch von 14,97 Euro fehlt der Aktie derzeit fast die Hälfte des Weges.
Analysten bewerten die Lage uneinheitlich, je nach Zeitpunkt ihrer letzten Einschätzung. Bank of America hob ihr Kursziel am 23. Juli auf 18,50 US-Dollar an und begründete dies mit den KI-Auftragseingängen, die die Erwartungen „signifikant übertroffen“ hätten. Deutsche Bank senkte ihr Ziel dagegen am 27. Juli auf 11,50 Euro von zuvor 13,50 Euro, hielt aber an der Kaufempfehlung fest.
Am 6. August floss zudem eine Dividende von 0,04 Euro pro Aktie an die Anteilseigner – ein kleines, aber symbolisches Signal an alte Aktionäre, während der Konzern gleichzeitig Milliarden in neue Fabriken steckt: In San Jose läuft die Produktion im vierten Quartal 2026 hoch, in Pennsylvania soll die Test- und Verpackungskapazität ab dem dritten Quartal verzehnfacht werden. Nokia baut also parallel ab und auf – die Frage, welche Kraft am Ende überwiegt, entscheidet sich erst in den kommenden Quartalen.
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