Fast 57 Prozent Kursverlust in zwölf Monaten — und das bei einem Unternehmen, das im letzten Quartal den Umsatz um 17 Prozent gesteigert hat. Bei Nemetschek klafft die Lücke zwischen operativer Stärke und Börsenstimmung so weit auseinander wie selten zuvor.
Starke Zahlen, schwacher Kurs
Im ersten Quartal 2026 wuchs der Umsatz währungsbereinigt auf 313,1 Millionen Euro. Das EBITDA legte fast 30 Prozent zu. Über 92 Prozent der Erlöse kommen aus wiederkehrenden Quellen — SaaS- und Subskriptionseinnahmen stiegen sogar um 35 Prozent.
Der Markt quittiert das mit Verkäufen. Die Aktie schloss die vergangene Woche bei 52,60 Euro — nur knapp über dem 52-Wochen-Tief von 50,45 Euro. Seit Jahresbeginn hat der Kurs rund 42 Prozent verloren.
Der Grund ist keine operative Schwäche. Es ist Zukunftsangst.
Viele Investoren bezweifeln, dass klassische Softwareanbieter wie Nemetschek ihre Wachstumsraten halten können. Die These: KI könnte ihre Produkte verdrängen. Solange diese Unsicherheit anhält, bleibt der Kurs unter Druck.
UBS sagt Sell — Berenberg sagt Buy
Nirgends zeigt sich die Spaltung deutlicher als unter Analysten. Das durchschnittliche Kursziel aus neun Analysen liegt bei rund 93 Euro — fast doppelt so hoch wie der aktuelle Kurs.
Die Berenberg Bank steht mit Kursziel 115 Euro und einem „Buy“-Rating auf der optimistischen Seite. Analyst Nay Soe Naing formulierte es nüchtern: Stabiles Wachstum reiche derzeit nicht aus, um Käufer anzulocken. Anleger seien selektiv und mieden Unternehmen, die nicht klar als KI-Gewinner gelten.
Die UBS zieht die entgegengesetzte Schlussfolgerung. Die Schweizer Bank stufte Nemetschek auf „Sell“ ab und senkte das Kursziel auf 56 Euro. Ihre Argumentation: Schnellere KI-Systeme verdrängen klassische Softwareanbieter. Wer dagegenhält, muss massiv in KI investieren — und das drückt kurzfristig auf Wachstum und Margen zugleich.
CEO und HCSS-Deal als Gegenargument
CEO Yves Padrines hält die Verdrängungsthese für übertrieben. Er verweist auf jahrzehntelange Branchenexpertise, einen großen Datenbestand entlang des gesamten Gebäudelebenszyklus und enge Kundenbeziehungen. Diese ließen sich nicht durch allgemeine KI-Modelle ersetzen. Nemetschek nutze KI-Technologie selbst und ergänze sie um eigene Funktionen für die Bau- und Immobilienbranche.
Mitte Juni investierte das Unternehmen in den französischen Datenaustausch-Spezialisten Dawex. Ziel ist der Aufbau von Plattformen für sicheren Datenaustausch — relevant für den Einsatz agentischer KI im Bauwesen.
Im Hintergrund läuft die größte Akquisition der Unternehmensgeschichte. Nemetschek kauft den US-Tiefbau-Softwareanbieter HCSS für rund 2,4 Milliarden US-Dollar. Nemetschek erwirbt 72 Prozent der Anteile, Finanzinvestor Thoma Bravo behält 28 Prozent. HCSS erzielte 2025 rund 215 Millionen US-Dollar Umsatz. Der Abschluss ist für das zweite Halbjahr 2026 geplant — die Nettoverschuldung steigt dadurch um rund 450 Millionen Euro.
Halbjahreszahlen als nächster Test
Ohne frische Unternehmensnachrichten bleibt Nemetschek in der kommenden Woche im Sog der allgemeinen Stimmung gegenüber dem Softwaresektor. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der 2026er-Konsensschätzung liegt bei 26 — für Nemetschek-Verhältnisse niedrig.
Am 30. Juli veröffentlicht das Unternehmen die Halbjahreszahlen. Dann zeigt sich, wie das Management die HCSS-Integration in den Ausblick einpreist. Bestätigt Nemetschek die Jahresziele — Umsatzwachstum von 14 bis 15 Prozent bei einer EBITDA-Marge von 32 bis 33 Prozent — wäre das der erste konkrete Anlass für eine Gegenbewegung.
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