Selten liegen Wachstumsstory und Kursrealität so weit auseinander wie bei Nemetschek in diesem Sommer. Der Münchner Softwarekonzern für die Baubranche wandelt sich gerade vom klassischen Lizenzverkäufer zum Abo-Anbieter – ein Umbau, den die gesamte Softwarebranche seit Jahren durchläuft. Die Zahlen dazu klingen stark. Die Börse straft das Papier trotzdem ab.
Am 30. Juli meldete Nemetschek für das zweite Quartal ein währungsbereinigtes Umsatzplus von 14,5 Prozent auf 327,7 Millionen Euro und hob im selben Zug die Jahresprognose an. Am Kapitalmarkt zählte das kaum. Die Aktie schloss am Donnerstag bei 56,80 Euro, nach einem Rückgang von 38,79 Prozent seit Jahresbeginn. Zum Zwölfmonatshoch vom August 2025 fehlen inzwischen 59,02 Prozent.
Der Umbau kostet – noch
Der Wandel zum Abo-Modell zeigt sich in den Details deutlicher als in der Schlagzeile. Die Subscription-Umsätze legten im ersten Halbjahr um 29,6 Prozent auf 266,4 Millionen Euro zu, das Ergebnis je Aktie stieg im zweiten Quartal um 25,3 Prozent auf 0,57 Euro. Ein Teil dieses Wachstums stammt aus Zukäufen: Zum 1. Juli schloss Nemetschek die Übernahme des US-Anbieters HCSS ab und konsolidiert das Unternehmen seither im Segment „Build“.
Am 28. Juli erweiterte der Vorstand deshalb per Ad-hoc-Mitteilung den Ausblick: HCSS soll rund 600 Basispunkte zusätzliches währungsbereinigtes Umsatzwachstum beisteuern. Der Preis dafür ist eine verwässerte Marge. Einmaleffekte drücken die EBITDA-Marge um etwa 150 Basispunkte auf eine Spanne von 30,5 bis 31,5 Prozent. Genau an diesem Punkt setzt die Skepsis der Analysten an.
Zwei Analysten, ein Papier, zwei Welten
Die Gemengelage aus Wachstum und Margendruck sorgt für einen ungewöhnlich breiten Meinungskorridor. UBS stufte die Aktie am Dienstag von Neutral auf Sell herab und senkte das Kursziel von 53 auf 52 Euro, begründet mit Zweifeln an der Ergebnisqualität und kurzfristigen Belastungen für das EBITDA.
Sebastian Droste von der Quirin Privatbank sieht die Lage differenzierter. Am selben Tag bestätigte er die Einstufung Buy, senkte das Kursziel aber von 127 auf 98 Euro – begründet mit konservativeren langfristigen Wachstumsannahmen und einem höheren Beta für die Aktie. Zwischen den Kurszielen der beiden Häuser liegt eine Spanne, die kaum größer sein könnte. Bereits am 30. Juli, direkt nach Auswertung der Halbjahreszahlen, hatte JPMorgan die Einstufung Overweight bestätigt. Wachstum ja, Vertrauen in die Marge – darüber gehen die Meinungen offenkundig auseinander.
Ein Aufsichtsrat kauft, wenn andere zweifeln
Ausgerechnet in dieser Phase griff Aufsichtsratschef Kurt Dobitsch selbst zu. Am 30. Juli erwarb er über die Börse Xetra 1.500 Nemetschek-Aktien zum Durchschnittspreis von 61,10 Euro, ein Gesamtvolumen von 91.650 Euro. Ist das ein Vertrauensbeweis von innen – oder nur ein einsamer Kontrapunkt gegen eine Analystenwelle voller Kurszielsenkungen? Beweisen lässt sich das nicht, ein Signal ist es allemal.
Der nächste Test kommt im November
Nemetschek steht damit exemplarisch für einen Strukturwandel, den die gesamte Bausoftwarebranche gerade durchläuft: Wachstum über Zukäufe und Abo-Modelle lässt sich nicht ohne Reibungsverluste erkaufen. Kunden wandern von Einmallizenzen in laufende Verträge, Übernahmen wie HCSS beschleunigen den Umsatz, verwässern aber kurzfristig die Marge. Ob sich diese Rechnung langfristig auszahlt, dürfte sich frühestens zeigen, wenn Nemetschek am 5. November die Zahlen zum dritten Quartal vorlegt. Bis dahin bleibt die Aktie ein Spiegelbild der Frage, wie viel Geduld der Markt einem Umbau noch zugesteht, der auf dem Papier längst funktioniert.
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