Ausgangslage: Zahlen und Chefsuche fallen zusammen
Nel ASA steckt in einer Phase, in der zwei Entwicklungen gleichzeitig über die kommenden Monate entscheiden. Zum einen die Geschäftszahlen für das zweite Quartal 2026, die der norwegische Wasserstoff-Ausrüster am 15. Juli vorgelegt hat: Der Umsatz aus Kundenverträgen sank um 12 Prozent auf 153 Millionen norwegische Kronen, der Gesamtumsatz fiel von 215 auf 182 Millionen Kronen. Das EBITDA blieb mit minus 155 Millionen Kronen tief negativ. Zugleich kletterte der Auftragseingang auf 230 Millionen Kronen, und die EU sagte dem Unternehmen eine Förderung von 135 Millionen Euro zu.
Zum anderen läuft parallel die Suche nach einem neuen Vorstandschef. Håkon Volldal hatte am 15. Juni seinen Rückzug angekündigt, bleibt aber mit einer sechsmonatigen Kündigungsfrist im Amt, bis ein Nachfolger gefunden ist. Für Anleger trifft damit eine fragile operative Erholung auf eine offene Führungsfrage – und genau diese Kombination bestimmt, wie belastbar die jüngste Kursstabilisierung tatsächlich ist. Der Aktienkurs notiert derzeit bei 0,1994 Euro und liegt damit 45,44 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 0,3655 Euro, das im Mai erreicht wurde. Von einer nachhaltigen Trendwende ist die Aktie also noch weit entfernt.
Die entscheidende Frage: Wird aus Auftragswachstum operativer Cashflow?
Der eine Faktor, der über die nächsten Quartale entscheidet, lautet: Kann Nel den gestiegenen Auftragseingang in tatsächlich abgerechneten Umsatz und irgendwann positive Margen überführen, bevor die Barmittel zur Neige gehen? Der Rückgang des Umsatzes aus Kundenverträgen im zweiten Quartal zeigt, dass zwischen Auftragseingang und Rechnungsstellung eine erhebliche Zeitverzögerung liegt. Ein höherer Auftragsbestand ist damit zunächst ein Signal für künftige Nachfrage, aber kein Ersatz für aktuellen Umsatz. Die EU-Förderung über 135 Millionen Euro schafft zusätzlichen finanziellen Spielraum, ändert aber nichts an der operativen Kernfrage: Wie schnell schließt sich die Lücke zwischen Bestellungen und tatsächlicher Umsetzung in Fertigung und Rechnung?
Bullisches Szenario: Auftragsbuch trägt die Wende
Setzt sich der Trend beim Auftragseingang fort, könnte Nel in den kommenden Quartalen zeigen, dass die Investitionen in Elektrolyseur-Technologie auf wachsende Nachfrage treffen. Die EU-Förderung würde dann als Brücke dienen, die dem Unternehmen erlaubt, Kapazitäten aufzubauen, ohne sofort auf profitable Skaleneffekte angewiesen zu sein. Ein zügig bestellter, erfahrener Nachfolger für Volldal könnte zusätzlich Kontinuität signalisieren und die Unsicherheit rund um die Führungsspitze schnell beenden. In diesem Szenario würde der aktuelle Kursabstand zum 200-Tage-Durchschnitt von etwa 0,4 Prozent als vorübergehende Schwächephase erscheinen, aus der sich mit besseren Quartalszahlen eine Erholung entwickeln könnte.
Bärisches Szenario: Verzögerungen und Führungsvakuum belasten
Das Risiko liegt darin, dass sich der Rückgang bei Umsatz und EBITDA fortsetzt, während die Umsetzung der Bestellungen weiter auf sich warten lässt. Bleibt die Chefposition über Monate unbesetzt, könnte dies Entscheidungsprozesse verlangsamen – etwa bei Investitionsfreigaben oder strategischen Weichenstellungen, die ein neuer CEO ohnehin noch einmal prüfen dürfte. Sollte sich die Suche nach einem Nachfolger über die sechsmonatige Frist von Volldal hinaus ziehen, wüchse die Unsicherheit zusätzlich. Auch die Volatilität der Aktie von rund 24 Prozent auf Jahresbasis deutet darauf hin, dass der Markt die Lage weiterhin als unentschieden bewertet. Ein anhaltend negatives EBITDA bei gleichzeitig steigenden Fixkosten für den Kapazitätsaufbau würde den Druck auf die Bilanz erhöhen, selbst mit der EU-Förderung im Rücken.
Ausblick: Der nächste Prüfstein heißt Q3
Solange der Auftragseingang seinen Aufwärtstrend hält und die EU-Mittel tatsächlich fließen, bleibt das Wende-Narrativ intakt, auch wenn der Kurs mit etwa 11,7 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt aktuell noch keine Bestätigung dafür liefert. Kippt hingegen der Umsatz aus Kundenverträgen im dritten Quartal erneut, während die Chefsuche ergebnislos bleibt, dürfte die Skepsis der vergangenen Monate weiter überwiegen. Der nächste konkrete Prüfstein sind die Quartalszahlen zum dritten Quartal 2026, die zeigen müssen, ob sich der höhere Auftragseingang aus dem zweiten Quartal tatsächlich in Umsatz übersetzt. Bis dahin bleibt entscheidend, ob Nel in der Zwischenzeit einen Nachfolger für Volldal präsentieren kann und wie belastbar die zugesagte EU-Förderung tatsächlich fließt.
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