Ein Auftragsplus von 224 Prozent, ein Nettoverlust von 189 Millionen Kronen, ein CEO auf dem Absprung — und ein Aktienkurs, der einfach nicht glauben will, dass Wasserstoff die Zukunft ist. Bei Nel ASA klafft gerade etwas auseinander, das man selten so deutlich sieht: Das operative Geschäft zieht an, aber der Markt straft die Aktie trotzdem ab. Am Freitag schloss das Papier bei 0,1922 Euro, ein Minus von 1,94 Prozent an einem einzigen Tag. Auf Wochensicht steht ein Rückgang von 6,24 Prozent, über 30 Tage sind es sogar 15,33 Prozent.
Was ist hier los? Die Antwort liegt in einem Widerspruch, den die Zahlen des zweiten Quartals 2026 offenlegen.
Die Quartalszahlen erzählen zwei Geschichten
Am 15. Juli veröffentlichte Nel seine Ergebnisse. Der Umsatz aus Kundenverträgen sank im Jahresvergleich um 12 Prozent. Das EBITDA fiel auf minus 155 Millionen Kronen, darin enthalten eine Ausgleichszahlung von 70 Millionen Kronen an den Partner Iwatani. Unterm Strich blieb ein Quartalsverlust von 189 Millionen Kronen.
Das klingt nach einer schwachen Bilanz. Und genau da wird es interessant: Der Auftragseingang explodierte im gleichen Zeitraum um 224 Prozent auf 230 Millionen Kronen. Der Auftragsbestand kletterte dadurch auf 1.213 Millionen Kronen. Wasserstoff-Nachfrage ist also da, sie wächst sogar kräftig. Nur profitabel ist sie noch lange nicht.
Genau dieser Spagat zwischen Nachfrageboom und roten Zahlen dürfte erklären, warum die Aktie trotz besserer Auftragslage weiter unter Druck steht.
Neue Technologie, aber ein Cheflos an der Spitze
Technologisch hat Nel im Mai 2026 einen echten Fortschritt vorzuweisen: den kommerziellen Start eines neuen druckbeaufschlagten alkalischen Elektrolyseur-Systems. Die Technik soll die Wasserstoffproduktion vereinfachen und die Investitionskosten um 40 bis 60 Prozent senken. Für eine 25-Megawatt-Anlage nennt das Unternehmen einen schlüsselfertigen Gesamtpreis unter 1.450 US-Dollar pro Kilowatt — deutlich günstiger als bei vergleichbaren Industrieprojekten üblich. Die EU unterstützt die Industrialisierung dieser Plattform mit einem Zuschuss von bis zu 135 Millionen Euro aus dem Innovation Fund.
Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Mitten in diese Phase platzte Mitte Juni die Ankündigung von CEO Håkon Volldal, das Unternehmen zu verlassen. Er bleibt zwar für eine sechsmonatige Übergangsfrist im Amt, die Suche nach einem Nachfolger läuft bereits. Für einen Sektor, der ohnehin mit dem „Tempo der Wasserstoffmarkt-Erholung“ kämpft, kommt der Führungswechsel zur Unzeit.
Was der Chart sagt
Die Marktreaktion lässt sich in einer Zahl zusammenfassen: Seit ihrem 52-Wochen-Hoch von 0,3655 Euro am 25. Mai 2026 hat die Aktie fast die Hälfte ihres Werts verloren, minus 47,41 Prozent. Gleichzeitig notiert sie nur noch 11,03 Prozent über ihrem 52-Wochen-Tief von 0,1731 Euro vom 26. Februar.
Der RSI steht bei 30 — ein Wert, den Techniker klassisch als überverkauft einstufen. Das allein macht noch keine Trendwende, aber es zeigt, wie stark der Ausverkauf der vergangenen Wochen bereits vorweggenommen hat.
Mit einer Marktkapitalisierung von 368,76 Millionen Euro bleibt Nel ein relevanter Player im Elektrolyseur-Geschäft. Die eigentliche Frage ist eine andere: Reicht ein wachsender Auftragsbestand aus, um Investoren von der Profitabilität zu überzeugen, solange an der Unternehmensspitze Unsicherheit herrscht? Diese Frage wird sich erst beantworten lassen, wenn ein neuer CEO feststeht und die nächsten Quartalszahlen zeigen, ob aus Bestellungen tatsächlich Umsatz wird.
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