Nebius hat gestern geliefert, was Wachstumsanleger sich erträumen – und trotzdem bleibt ein Rest Unbehagen. Für mich ist das die eigentliche Geschichte hinter dem heutigen Kurssprung um 6,2 Prozent auf 238,50 Euro: Die Zahlen sind so gut, dass sie selbst hartnäckige Kritiker vorerst zum Schweigen bringen.
Im zweiten Quartal 2026 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 582,3 Millionen Dollar, ein Plus von 454 Prozent gegenüber dem Vorjahr und deutlich über der Konsensschätzung von LSEG in Höhe von 572,75 Millionen Dollar. Das operative Bild passt dazu: Ein bereinigtes EBITDA von 236,2 Millionen Dollar bei einer Marge von 41 Prozent, nach einem Verlust von 21,0 Millionen Dollar im Vorjahresquartal.
Der bereinigte Nettoverlust von 33,2 Millionen Dollar beziehungsweise 0,12 Dollar pro Aktie fiel weit geringer aus als die von Analysten erwarteten 0,67 bis 0,72 Dollar Verlust je Aktie. Das ist keine Momentaufnahme, das ist eine Neubewertung des gesamten Geschäftsmodells.
Vier Milliardendeals als Beleg für echte Nachfrage
Was mich an dieser Guidance überzeugt, ist nicht nur die Größe, sondern die Breite der Nachfrage. Nebius unterschrieb im zweiten Quartal vier KI-Cloud-Verträge mit einem Durchschnittswert von jeweils über einer Milliarde Dollar, darunter eine Mehrjahresvereinbarung mit Reflection AI über mehr als eine Milliarde Dollar bis 2029. Parallel hob das Unternehmen sein Ziel für kontrahierte Stromkapazität für 2026 von zuvor über 4 Gigawatt auf 5 Gigawatt an – ein Signal, dass die Auslastung der geplanten Infrastruktur nicht auf Zuruf, sondern auf vertraglicher Basis steht.
Die volle Jahresguidance wurde bestätigt: Konzernumsatz zwischen 3,0 und 3,4 Milliarden Dollar, eine EBITDA-Marge von rund 40 Prozent, Investitionen zwischen 20 und 25 Milliarden Dollar. Wer an das Narrativ vom strukturellen KI-Infrastrukturboom glaubt, findet hier harte Zahlen statt Versprechen.
Die Kapitalseite verdient einen zweiten Blick
Zugleich zeigt die Bilanzseite, wie kapitalhungrig dieses Wachstum bleibt. Bis Ende Juni hatte Nebius über sein ATM-Programm 12,7 Millionen Class-A-Aktien zu einem gewichteten Durchschnittspreis von 223,6 Dollar verkauft und dabei rund 2,8 Milliarden Dollar an Bruttoerlösen eingesammelt. Das ist aus meiner Sicht kein Alarmsignal, aber ein Hinweis darauf, dass Investitionen dieser Größenordnung nicht aus dem operativen Cashflow finanziert werden können.
Institutionelle Investoren scheinen das ähnlich zu sehen: Goldman Sachs meldete eine Beteiligung von 7,2 Prozent an den Class-A-Stammaktien, BlackRock erhöhte seinen Bestand laut 13F-Meldung zum 30. Juni auf 11.531.270 Aktien, ein Anstieg von 16,04 Prozent gegenüber dem Vorquartal.
Auf der anderen Seite positionieren sich prominente Skeptiker gegen die Story: Michael Burry von Scion Asset Management soll Berichten zufolge Short-Positionen gegen Nebius und Oracle halten, mit dem Argument, beide Unternehmen unterschätzten die Abschreibungsrate ihrer KI-GPUs systematisch.
Diese Gegensätze erklären für mich die extreme Schwankungsbreite der Aktie. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei 177 Prozent, und erst Ende Juli fiel der Kurs binnen sechs Tagen um rund 32 Prozent, bevor er sich bis zur Berichtssaison wieder erholte. Wer hier einsteigt, kauft nicht nur Wachstum, sondern auch Nervenstärke.
Unterm Strich überwiegt für mich die operative Substanz
Der Kurs notiert nun 23 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt und 89 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt, während der Abstand zum 52-Wochen-Hoch bei minus 8,6 Prozent liegt – die Erholung ist also weit fortgeschritten, aber noch nicht am Limit.
Die Bedenken um den Standort Vineland in New Jersey, wo laut Berichten vom 11. August lokale Widerstände gegen Lärm und Stromkosten eine Fertigstellung über 2026 hinaus verzögern könnten, relativieren die Euphorie zumindest etwas.
Für mich überwiegen dennoch die operativen Fakten: eine Vertragsbasis, die tatsächlich abgerufen wird, eine Marge, die sich verdreifacht hat, und eine Guidance, die trotz aller Volatilität bestätigt bleibt. Das Risiko einer Überinvestition ist real – aber es ist ein anderes Risiko als das eines fehlenden Geschäftsmodells.
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