Heute geht es für Nebius um 4,5 Prozent nach unten. Wer sich davon erschrecken lässt, verwechselt Symptom mit Ursache. Für mich ist klar: Das eigentliche Fundament des Unternehmens hat sich in den vergangenen Wochen nicht verschlechtert – im Gegenteil.
Auslöser des Rückgangs war laut Medienberichten die Nachricht, dass Nvidia seine im Juli angekündigten Umsatzbeteiligungs-Deals mit KI-Cloud-Anbietern vorerst auf Eis legt. Das traf nicht nur Nebius, sondern die gesamte Neocloud-Gruppe – auch CoreWeave und IREN Limited gerieten unter Druck. Ein sektorweiter Ausverkauf also, kein Nebius-spezifisches Problem. Wer die Kursreaktion isoliert betrachtet, übersieht das.
Die Fakten sprechen eine andere Sprache als der Kursverlauf
Schaut man sich an, was Nebius operativ zuletzt vorgelegt hat, wirkt die heutige Nervosität überzogen. Im zweiten Quartal wuchs der Konzernumsatz um 454 Prozent auf 582 Millionen Dollar, das KI-Geschäft allein legte um 514 Prozent zu und steuerte 98 Prozent zum Gesamtumsatz bei. Das bereinigte EBITDA drehte von einem Verlust von 21 Millionen Dollar im Vorjahresquartal auf einen Gewinn von 236,2 Millionen Dollar.
Die annualisierte Run-Rate erreichte 3 Milliarden Dollar, ein Plus von 598 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Unternehmen bestätigte seine Jahresprognose von 3 bis 3,4 Milliarden Dollar Umsatz bei einem Capex-Rahmen von 20 bis 25 Milliarden Dollar.
Solche Zahlen entstehen nicht zufällig. Sie spiegeln eine Nachfrage, die dem Angebot davoneilt: Nebius erhöhte sein Ziel für kontrahierte Stromkapazität auf 5 Gigawatt bis Ende 2026, weil die verfügbare Kapazität sofort ausverkauft ist – teils zu Aufpreisen von 15 Prozent in Auktionen.
Kundenvorauszahlungen sollen 2026 mehr als 9 Milliarden Dollar erreichen und damit 50 bis 60 Prozent des Capex abdecken. Allein im zweiten Quartal schloss das Unternehmen vier Großverträge mit einem Volumen von jeweils rund 1 Milliarde Dollar ab.
Palantir und die Finanzierung als zweite Säule der These
Vor zwei Tagen bestätigte Nebius offiziell, dass Palantir Technologies das Unternehmen zu seinem bevorzugten Partner für souveräne KI-Infrastruktur ernannt hat. Nach der Integrationsphase sollen Nebius-Rechenkapazitäten und Inferenz-Endpunkte in den Unternehmensperimeter von Palantir eingebunden werden.
Die Aktie reagierte damals mit einem Plus von knapp 3 Prozent im vorbörslichen Handel – ein Hinweis darauf, wie sensibel der Markt auf Partnerschaftsnachrichten reagiert, in beide Richtungen.
Ende August platzierte Nebius zudem eine aufgestockte Privatplatzierung von Wandelschuldverschreibungen im Volumen von 5 Milliarden Dollar, aufgeteilt in Tranchen mit 0,50 Prozent Zins bis 2030 und 4,50 Prozent bis 2034. Für mich ist das ein Beleg dafür, dass institutionelle Investoren bereit sind, dem Unternehmen frisches Kapital zu vergleichsweise günstigen Konditionen zu geben – ein Vertrauensvotum, das man nicht unterschätzen sollte, gerade weil der Kapitalbedarf angesichts der Wachstumsdynamik enorm bleibt.
Unterm Strich: Volatilität ist der Preis, nicht der Defekt
Mit einem Rückstand von 24 Prozent zum 52-Wochen-Hoch und einem Kurs, der sich zugleich um 7,5 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt bewegt, zeigt sich ein Bild starker Schwankungsbreite bei intaktem mittelfristigem Aufwärtstrend. Genau das erwarte ich von einem Unternehmen, dessen Wachstumsraten im dreistelligen Prozentbereich liegen und dessen Schicksal eng an die Kapitalausgabenzyklen der großen KI-Anbieter gekoppelt ist.
Die Nvidia-Nachricht ist real und verdient Beachtung – sollte sich die Verzögerung der Umsatzbeteiligungsprogramme verfestigen, könnte das die Investitionsbereitschaft der gesamten Branche dämpfen.
Doch die Kombination aus explosivem Umsatzwachstum, ausverkaufter Stromkapazität, milliardenschweren Vorauszahlungen und der frischen Palantir-Partnerschaft spricht dafür, dass der heutige Rücksetzer eher Ausdruck von Nervosität als von einer fundamentalen Neubewertung ist. Für mich überwiegen die strukturellen Wachstumstreiber die kurzfristigen Sektorsorgen deutlich.
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