Wer den aktuellen Kursverlauf von Nebius betrachtet, sieht mehr als nur eine Aktie in Bewegung. Er sieht ein Lehrstück über den größten Widerspruch der KI-Ära: Unternehmen, die exponentiell wachsen und trotzdem tiefrote Zahlen schreiben, während Anleger zwischen Goldgräberstimmung und nacktem Zweifel hin- und herpendeln. Am Mittwoch, den 12. August, legt Nebius seine Zahlen für das zweite Quartal 2026 vor. Selten war eine Berichtssaison so aufgeladen.
Ein Short-Seller als Stimmungsverstärker
Investor Michael Burry hat vor wenigen Tagen offengelegt, dass er Nebius bei 211,77 Dollar leerverkauft hat – ebenso wie Oracle bei 144,63 Dollar. Beide Trades bezeichnete er als so einfach „wie Schießen auf Fische im Fass“. Bemerkenswert ist dabei seine Begründung für die Wahl des Instruments: Er entschied sich für eine direkte Aktien-Leerverkaufsposition statt für Optionen, weil die Put-Prämien bei einer impliziten Volatilität von über 100 Prozent schlicht zu teuer waren. Das allein sagt viel über die Nervosität rund um dieses Papier.
Der Markt hat die Botschaft verstanden. Zum Freitagsschluss notierte Nebius bei 162,56 Euro, nach einem Wochenverlust von 11,95 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch aus dem Juni trennen die Aktie inzwischen 37,72 Prozent. Das ist die eine Seite der Geschichte: ein Titel, der binnen Wochen von einem Überflieger zu einem Objekt öffentlicher Skepsis wurde.
Die andere Seite: ein Geschäft, das nicht kleiner wird
Und doch – wer nur auf den Kurs schaut, übersieht die operative Realität. Erst am 7. August meldete Nebius einen Vertrag mit Reflection AI über Computing-Kapazitäten im Wert von mehr als einer Milliarde Dollar, laufend bis 2029. Die Aktie sprang darauf im vorbörslichen US-Handel um mehr als 4 Prozent. Es ist genau dieses Muster, das die Nebius-Geschichte so widersprüchlich macht: Auf jede Hiobsbotschaft folgt eine handfeste Geschäftsmeldung, und umgekehrt.
Im ersten Quartal 2026 hatte Nebius bereits gezeigt, wie steil die Wachstumskurve tatsächlich verläuft: Der Umsatz kletterte auf 399,0 Millionen Dollar, ein Plus von 684 Prozent gegenüber dem Vorjahr und über dem Konsens von 391,6 Millionen Dollar. Das bereinigte EBITDA drehte von minus 53,7 Millionen auf plus 129,5 Millionen Dollar. Für das Gesamtjahr hält das Unternehmen an einer Umsatzprognose zwischen 3,0 und 3,4 Milliarden Dollar sowie einer bereinigten EBITDA-Marge von rund 40 Prozent fest – bei gleichzeitig erhöhten Investitionsplänen von 20 bis 25 Milliarden Dollar. Genau diese Diskrepanz zwischen Wachstumstempo und Kapitalbedarf ist der Kern der Debatte, die Burry mit seinem Short entfacht hat.
Wetten auf Infrastruktur – und ihre Finanzierung
Wer derart aggressiv expandiert, braucht frisches Geld. Mitte Juli sicherte sich Nebius seine erste besicherte Kreditfazilität über rund 775 Millionen Dollar, um den globalen Ausbau der eigenen KI-Cloud-Plattform zu beschleunigen. Parallel dazu holte das Unternehmen Anfang August mit Lindsey Irvine eine neue Chief Marketing Officer an Bord, die zuvor bei Square, Benchling und MuleSoft globale Markenarbeit verantwortete – ein Signal, dass Nebius sich nicht nur als Infrastrukturanbieter, sondern zunehmend als Marke positionieren will.
Die Frage, die sich daraus ergibt: Kann ein Unternehmen, das derart kapitalhungrig wächst, seine Bewertung rechtfertigen, wenn selbst erfahrene Marktteilnehmer wie Burry offen dagegen wetten? Die Antwort liegt weniger in den Schlagzeilen der vergangenen Tage als im Zahlenwerk vom Mittwoch. Analysten rechnen für das zweite Quartal mit einem Umsatz von 574,65 Millionen Dollar und einem Verlust von 0,53 Dollar pro Aktie – Schätzungen, keine Gewissheiten.
Nebius steht damit exemplarisch für ein ganzes Segment des KI-Booms: enormes Wachstum, enormer Kapitalverzehr, enorme Skepsis von Short-Sellern, die genau diese Konstellation für überreizt halten. Der Mittwoch wird zeigen, welche Erzählung sich vorerst durchsetzt – die der Wachstumsstory oder die der Burry’schen Warnung.
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