Nach Nvidia und Micron: Der nächste KI-Engpass ist längst da

Astera Labs profitiert vom wachsenden Bedarf an Rechenzentrums-Vernetzung. Trotz starkem Wachstum warnt die hohe Aktienbewertung vor Risiken.

Auf einen Blick:
  • Netzwerktechnik als neuer KI-Engpass
  • Astera Labs mit 93 Prozent Umsatzplus
  • Scorpio-Produktfamilie als Wachstumstreiber
  • Hohe Bewertung birgt erhebliches Risiko

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

die Geschichte der künstlichen Intelligenz lässt sich entlang ihrer Engpässe erzählen. Der erste hieß Rechenleistung. Er machte Nvidia zum wertvollsten Konzern der Welt. Der zweite heißt Speicher. Er trieb die Aktien von Micron, SK Hynix und Samsung in ungeahnte Höhen. Der dritte Engpass entsteht gerade. Er trägt den unscheinbaren Namen Netzwerktechnik. Und ein kleines Unternehmen aus dem kalifornischen San Jose hat sich darin eine erstaunlich starke Position erarbeitet.

Astera Labs entwickelt Chips, die Daten innerhalb moderner Rechenzentren schneller und über größere Distanzen transportieren. Das klingt technisch und unspektakulär. Doch genau hier liegt die nächste große Wachstumswelle der KI-Infrastruktur. Wer verstehen will, warum diese Aktie binnen eines Jahres von rund 85 auf über 390 Dollar gestiegen ist, muss sich mit einem Problem beschäftigen, das die Branche bislang kaum diskutiert.

Warum Netzwerktechnik zum neuen Flaschenhals der KI wird

In den vergangenen Jahren drehte sich alles um die Frage, wie schnell ein einzelner Chip rechnen kann. Inzwischen verschiebt sich der Fokus. KI-Modelle laufen heute über Tausende von Prozessoren gleichzeitig. Diese Chips müssen miteinander sprechen. Die Geschwindigkeit, mit der das gelingt, entscheidet zunehmend über die Leistung des Gesamtsystems.

Der Übergang vom Training zur sogenannten Inferenz verschärft das Thema zusätzlich. Inferenz bezeichnet die produktive Nutzung eines fertig trainierten Modells, also etwa die Beantwortung einer Anfrage. Dabei zählt nicht nur rohe Rechenkraft, sondern vor allem das reibungslose Zusammenspiel vieler Komponenten. Genau dieses Zusammenspiel will Astera Labs ermöglichen.

Das Unternehmen baut dafür mehrere Produktlinien, alle nach Sternbildern benannt. Die älteste und noch immer wichtigste Linie heißt Aries. Sie liefert sogenannte Retimer. Das sind Bausteine, die schwächelnde Signale auf langen Wegen über eine Hauptplatine auffrischen, damit keine Daten verloren gehen. Diese unscheinbaren Chips waren das erste Erfolgsprodukt des Unternehmens.

Scorpio soll das wichtigste Produkt werden

Spannender für die Zukunft ist jedoch die Produktfamilie Scorpio. Sie umfasst Schaltchips, die ganze Geräteschränke im Rechenzentrum miteinander verbinden. Bislang gilt: Wenn ein Server an seine Grenzen stößt, lässt sich freie Kapazität in benachbarten Servern nicht ohne Weiteres nutzen. Rechenleistung und Speicher liegen brach. Scorpio soll diese starre Aufteilung aufbrechen und mehrere Server zu einem flexiblen Verbund verschmelzen.

Das Management hat sich hier ehrgeizige Ziele gesetzt. Scorpio steuerte 2025 erst rund 15 Prozent des Umsatzes bei. Bis zum Jahresende 2026 soll die Linie zum größten Geschäftsbereich des Unternehmens aufsteigen. Im ersten Quartal begannen bereits die Auslieferungen des neuen Modells mit 320 Verbindungswegen. Die breite Serienproduktion ist für die zweite Jahreshälfte geplant.

Besonders interessant ist dabei der direkte Wettbewerb mit Nvidia. Dessen Verbindungstechnik gilt als Goldstandard, bindet Kunden aber eng an den Marktführer. Viele große Cloud-Anbieter entwickeln inzwischen eigene Spezialchips und legen Wert auf freie Kombinierbarkeit statt auf Abhängigkeit. Astera Labs positioniert sich genau in dieser Lücke. Der Markt für die Vernetzung von Grafikprozessoren wird auf rund 20 Milliarden Dollar geschätzt.

Die Zahlen zeigen ein außergewöhnliches Wachstumstempo

Wie stark dieses Geschäft läuft, zeigte das erste Quartal des laufenden Geschäftsjahres. Der Umsatz erreichte 308,4 Millionen Dollar, ein Plus von 93 Prozent gegenüber dem Vorjahr und über der Konsensschätzung von 292,2 Millionen Dollar. Der bereinigte Gewinn je Aktie kletterte auf 61 Cent. Die bereinigte Bruttomarge, also der Anteil des Umsatzes nach Herstellungskosten, lag bei 76,4 Prozent.

Auch der Ausblick überzeugte. Für das zweite Quartal stellt das Unternehmen einen Umsatz zwischen 355 und 365 Millionen Dollar in Aussicht, ein sequenzielles Wachstum von 15 bis 18 Prozent und deutlich über dem damaligen Marktkonsens von rund 340 Millionen Dollar. Beim bereinigten Gewinn je Aktie peilt das Management 68 bis 70 Cent an.

Ein Detail verdient Aufmerksamkeit. Die Bruttomarge dürfte im zweiten Quartal auf rund 73 Prozent sinken, belastet durch einen nicht zahlungswirksamen Effekt aus einer neuen Optionsvereinbarung mit einem Kunden. Hinter dieser Vereinbarung steht nach Branchenangaben ein milliardenschweres Bezugsrecht für Amazon. Solche Konstruktionen binden Großkunden langfristig, drücken aber rechnerisch die Marge. Anleger sollten diesen Mechanismus kennen, um die Zahlen richtig einzuordnen.

Eine Bewertung, die wenig Spielraum für Enttäuschungen lässt

So überzeugend die operative Entwicklung ist, so anspruchsvoll fällt die Bewertung aus. Die Aktie notiert bei rund 390 Dollar und damit auf Allzeithoch. Das entspricht einem Kurs-Gewinn-Verhältnis im dreistelligen Bereich. Anders gesagt: Der Markt preist bereits jahrelanges, kräftiges Wachstum ein.

Der durchschnittliche Analysten-Zielwert liegt deutlich unter dem aktuellen Kurs. Das ist ein wichtiges Warnsignal. Die Aktie ist ihren eigenen Erwartungen weit vorausgeeilt. Selbst wer von der Wachstumsgeschichte überzeugt ist, kauft hier zu einem Preis, der kaum Fehler verzeiht. Eine einzige enttäuschende Quartalsmeldung kann bei solchen Bewertungen erhebliche Kursverluste auslösen.

Hinzu kommen handfeste unternehmerische Risiken. Astera Labs ist im Vergleich zu Schwergewichten wie Broadcom oder Marvell ein kleiner Anbieter. Die Lieferketten der Chipfertigung bleiben angespannt. Und die großen Cloud-Konzerne könnten Teile der Technik künftig selbst entwickeln. Netzwerktechnik ist strategisch zu wertvoll, als dass die Hyperscaler sie dauerhaft komplett aus der Hand geben.

Was Anleger mitnehmen sollten

Astera Labs steht beispielhaft für ein Muster, das sich in der KI-Welle immer wiederholt. Während die Aufmerksamkeit auf den großen Namen liegt, entstehen abseits davon Spezialisten, die einen konkreten technischen Engpass lösen. Wer früh erkennt, wo der nächste Flaschenhals entsteht, findet die interessantesten Geschichten oft nicht beim offensichtlichen Marktführer.

Die Lektion liegt weniger in dieser einen Aktie als im Blickwinkel. Es lohnt sich, die Wertschöpfungskette einer Technologie systematisch abzuschreiten und zu fragen, welcher Teil als Nächstes zum Engpass wird. Genau dort sitzen die Unternehmen, deren Wachstum der Markt häufig zu spät bemerkt.

Bei Astera Labs ist dieser Punkt allerdings längst erreicht. Die operative Qualität ist unbestritten, die Bewertung jedoch extrem. Für Anleger heißt das: spannendes Geschäftsmodell, hohe Erwartungen, hohes Risiko. Die nächste reguläre Quartalsmeldung steht Anfang August an. Sie dürfte zeigen, ob das Unternehmen das eingepreiste Tempo tatsächlich halten kann. Letztlich gilt aber, dass Anleger das gesamte Thema Vernetzung der Rechenzentren im Auge behalten sollten. Denn der Engpass, über den heute kaum jemand spricht, könnte schon bald die nächste Schlagzeile bestimmen.

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