Nach dem blauen Tsunami: DAX im Plus, Rheinmetall bricht ein – Renk überzeugt mit Zahlen

Rheinmetall kürzt seine Ziele trotz starkem Quartal; Renk steigert Auftragseingang und bestätigt die Jahresprognose.

Auf einen Blick:
  • Rheinmetall senkt Umsatz- und Margenziele
  • Auftragseingang bei Renk steigt deutlich
  • Renk bestätigt Prognose für das Gesamtjahr
  • DAX profitiert von Branchenrotation nach US-Wahl

US-Zwischenwahlen sorgen für Branchenrotation

Die Demokraten haben bei den Zwischenwahlen in den USA das Repräsentantenhaus und den Senat erobert. Die Börsen reagierten mit kräftigen Kurssprüngen, allerdings fiel die Reaktion je nach Branche sehr unterschiedlich aus. Der DAX legte am Mittwoch zu. Der MDAX gewann ebenfalls, der EuroStoxx 50 zog an.

Hinter der Rally stehen Einschätzungen mehrerer großer Häuser. Die DekaBank sieht in dem Wahlausgang das Signal, dass die Politik des Weißen Hauses künftig nicht mehr grenzenlos durchsetzbar ist. Die Deutsche Bank erwartet, dass die geteilte Macht in Washington extreme politische Ausschläge abbremst und damit für mehr Berechenbarkeit sorgt. Goldman Sachs sprach von einem „blauen Tsunami“ und rechnet damit, dass die Demokraten anstehende Haushaltsfristen nutzen werden, um unter anderem eine Begrenzung des Konflikts mit dem Iran, eine teilweise Rücknahme von Zöllen sowie eine Aufhebung jüngster Ausgabenkürzungen durchzusetzen.

In den USA legte der Dow Jones um fast 3 % zu, Apple und Microsoft markierten Rekordhochs. Zu den Gewinnern zählten auch erneuerbare Energien: First Solar und Enphase Energy sprangen in New York deutlich, hierzulande waren Nordex und SMA Solar gefragt. Die europäische Autobranche profitierte von der Hoffnung auf eine mildere Zollpolitik: Continental legte zu und hob zugleich seine Gewinnprognose an, BMW gewann trotz einer Gewinnwarnung ebenfalls über 5 %. Spitzenreiter im DAX war Heidelberg Materials mit einem deutlichen Plus nach Zahlen, die ein beschleunigtes Wachstum zeigten – ein Hinweis darauf, dass das deutsche Infrastrukturprogramm langsam anläuft.

Auch Anleihen und Gold gehörten zu den Gewinnern. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen fiel auf 4,84 % und damit auf den tiefsten Stand seit dem 10. September. Gold notierte wieder über der Marke von 4.000 Dollar.

Auf der Verliererseite standen Halbleiterwerte und alles, was mit dem Ausbau von Rechenzentren zu tun hat – der Markt befürchtet schärfere Regulierung durch einen demokratisch dominierten Kongress. Infineon, Hochtief und Siemens Energy gehörten zu den schwächsten DAX-Werten. Auch Unternehmen von Elon Musk gerieten unter Druck, nachdem die Demokraten in Texas erstmals seit mehr als 30 Jahren die Gouverneurswahl gewonnen haben: Tesla und SpaceX verloren deutlich. Besonders deutlich traf es amerikanische Rüstungskonzerne: Lockheed Martin fiel um 6,8 %, Northrop Grumman um 4,3 %, da Analysten und Investoren Kürzungen im US-Verteidigungshaushalt fürchten.

Deutsche Telekom übertrifft Erwartungen

Aus der Berichtssaison stach die Deutsche Telekom hervor, deren US-Tochter T-Mobile weiterhin den Löwenanteil am Ergebnis liefert. Das bereinigte operative Ergebnis (EBITDA nach Leasingkosten) lag im dritten Quartal über den Erwartungen der Analysten. Die Jahresprognose wurde leicht angehoben.

Für Aktionäre gibt es zwei Nachrichten: Die Dividende soll deutlich steigen, wobei der endgültige Beschluss erst im kommenden Jahr durch die Hauptversammlung erfolgt – manche Investoren hatten auf ein kräftigeres Plus gehofft. Für das kommende Jahr kündigte der Konzern Aktienrückkäufe von bis zu zwei Milliarden Euro an, nachdem das laufende Programm im August auf bis zu fünf Milliarden aufgestockt worden war. Die Aktie notiert seit Jahresbeginn weiterhin im Minus, was vor allem an T-Mobile US liegt, die seit Januar rund 22 % verloren hat. Über dem US-Telekommarkt schwebt zudem die Ankündigung von SpaceX, in das Mobilfunkgeschäft einsteigen zu wollen.

Leonardo, Hensoldt und Deutz mit positiven Signalen

Der italienische Rüstungs- und Luftfahrtkonzern Leonardo hat seine Prognose für Auftragseingänge angehoben und erwartet für dieses Jahr neue Bestellungen im Wert von rund 29,5 Milliarden Euro, getragen vor allem von Hubschraubern und Verteidigungselektronik. Der Auftragsbestand lag Ende September bei 60,4 Milliarden Euro, in den ersten neun Monaten stiegen die Aufträge um 28 %, der Umsatz um 18 % und das operative Ergebnis um 43 % – jeweils über den Erwartungen. Einen kleinen Dämpfer gab es beim Cashflow, da Dividenden aus der Beteiligung am Raketenhersteller MBDA erst im dritten statt im zweiten Quartal eingingen.

Auch Hensoldt, Spezialist für Radar und Sensorik, zeigte sich für das laufende Jahr optimistischer. Der Motorenbauer Deutz, der inzwischen ebenfalls im Rüstungsgeschäft aktiv ist, schraubte seine Erwartungen nach oben und legte 4 % zu. Vor dem Hintergrund möglicher Kürzungen im US-Verteidigungshaushalt dürfte die Nachfrage nach europäischer Rüstung tendenziell weiter wachsen, da sich Europa zunehmend weniger auf die USA verlassen kann.

Rheinmetall senkt Prognose – Aktie bricht deutlich ein

Im Zentrum des Tages standen die Zahlen von Rheinmetall und Renk. Bei Rheinmetall fiel die Reaktion deutlich negativer aus als erhofft: Der Konzern senkte seine Jahresprognose. Beim Umsatz rechnet der Vorstand nun mit einem deutlich niedrigeren Wert als zuvor in Aussicht gestellt. Auch bei der operativen Marge rechnet der Vorstand mit einem niedrigeren Wert als zuvor angepeilt. Der operative freie Cashflow soll zwar positiv bleiben, die ursprünglich angepeilte Umwandlung von mehr als 40 % des Ergebnisses in Cash ist jedoch vom Tisch.

Das dritte Quartal selbst war operativ stark: Der Umsatz stieg deutlich, das operative Ergebnis legte kräftig zu, und die Marge verbesserte sich spürbar. Der Auftragseingang lag mit 2,89 Milliarden Euro über dem Vorjahresquartal. Dennoch reagierte die Börse mit einem deutlichen Kursrückgang.

Ursächlich sind drei zeitliche Verschiebungen: Erstens der Großauftrag „Arminius“ zur Modernisierung der Boxer-Radpanzerflotte der Bundeswehr, der nun nicht mehr in diesem Jahr vom Bundestag beschlossen werden soll, womit Anzahlungen und Umsätze ins nächste Jahr wandern. Zweitens lassen sich bei neuen Geschäftsfeldern im Bereich Waffen und Munition, etwa in der Zusammenarbeit mit dem niederländischen Startup Destinus, nicht alle Umsatzchancen dieses Jahr realisieren. Drittens kommt es bei Artilleriemunition zu Verzögerungen bei den sogenannten Losabnahmen – die Munition wird produziert, darf aber erst nach Abnahme durch den Kunden als Umsatz verbucht werden.

Die Aktie eröffnete deutlich unter 900 Euro und lag zeitweise rund 15 % im Minus. Damit liegt der Kurs deutlich unter dem Rekordhoch von 2.008 Euro, das vor gut einem Jahr erreicht wurde; seit Jahresbeginn beträgt das Minus mehr als ein Drittel. Charttechnisch notiert die Aktie unter allen wichtigen Durchschnittslinien – die 50-Tage-Linie verläuft knapp über 1.000 Euro, die 200-Tage-Linie bei rund 1.250 Euro.

Das Analystenlager ist gespalten: Die LBBW bleibt neutral, verweist aber vorsichtig auf den anstehenden Kapitalmarkttag am 27. November und darauf, dass es bereits die fünfte Umsatz- und Gewinnwarnung binnen elf Monaten war. Die kanadische RBC bleibt dagegen bei ihrer Kaufempfehlung und verweist darauf, dass die Aktie bereits mit einem Abschlag von gut 50 % zur Branche bewertet wird, auch wenn die gekürzten Ziele beim Ergebnis rund 8 % unter den Markterwartungen liegen. Die Citigroup wies darauf hin, dass Verzögerungen bei Aufträgen dieser Größenordnung durchaus üblich seien.

Entscheidend bleibt der Auftragsbestand: Zum Ende September meldete Rheinmetall 78 Milliarden Euro, im Vorjahr waren es knapp 57 Milliarden. Allein in der Fahrzeugsparte wuchs der Bestand um 45 %. Zum Projekt Arminius teilte der Konzern mit, dass sich die Verhandlungen in der Schlussphase befinden.

Renk mit starken Auftragszahlen, Aktie dennoch unter Druck

Beim Panzergetriebe-Spezialisten Renk sieht die Fundamentalseite freundlicher aus. Im dritten Quartal erhielt das Unternehmen fast 45 % mehr Bestellungen, insgesamt 469 Millionen Euro. In den ersten neun Monaten summierten sich die Auftragseingänge auf 1,66 Milliarden Euro, ein Plus von fast 34 %. Der Auftragsbestand erreichte zum Ende September ein Allzeithoch – bei einem Jahresumsatz von rund 1,4 Milliarden Euro entspricht das einem Vielfachen des Jahresumsatzes. Auf jeden Euro Umsatz kamen in den ersten Monaten 1,70 Euro an neuen Aufträgen, in der Fahrzeugsparte sogar 2 Euro. Zu den größten Bestellungen gehörte eine Erweiterung von KNDS über Getriebe für den Kampfpanzer Leopard 2 im Wert von rund 130 Millionen Euro, mit Auslieferung zwischen 2029 und 2032.

Beim Umsatz ging es nach neun Monaten nach oben, auch das operative Ergebnis legte zu, im dritten Quartal allein um 17 %. Die Marge nach neun Monaten lag bei 16,2 %, ein Prozentpunkt mehr als im Vorjahr. Der Nettogewinn hat sich in den ersten neun Monaten mehr als verdoppelt. Treiber ist die Fahrzeugsparte, in der die Aufträge um 46 % und der Umsatz um 12,3 % stiegen, bei einer Marge von fast 20 %.

Strategisch baut sich Renk zu einem reinen Rüstungskonzern um: Das Geschäft mit Gleitlagern wird verkauft, der Vertrag ist bereits unterschrieben. Seit Montag gehört zudem der britische Getriebespezialist David Brown Defence zur Gruppe, wodurch Renk erstmals Antriebe für Boote ins Portfolio bekommt sowie Zugang zu britischen Programmen wie dem Kampfpanzer Challenger und dem britischen Boxer. Die Briten bringen eine Auftragspipeline von mehr als 700 Millionen Pfund bis 2030 mit. Die Jahresprognose wurde bestätigt: auf neuer Basis ohne die Gleitlager rund 1,4 Milliarden Euro Umsatz und ein bereinigtes operatives Ergebnis zwischen 240 und 255 Millionen Euro.

Trotz der soliden Zahlen gab die Aktie am Morgen 4 % nach und näherte sich dem Bereich von rund 34 Euro, wo sie Mitte Oktober ihr bisheriges Tief markiert hatte. Sie notiert derzeit unter allen wichtigen Durchschnittslinien. Ein Teil des Kursrückgangs dürfte auf die negative Stimmung im gesamten Rüstungssektor nach den Rheinmetall-Zahlen zurückzuführen sein. Am 8. Dezember will der Renk-Konzernchef in London ein strategisches Update geben.

Fazit

Sowohl Rheinmetall als auch Renk sitzen auf prall gefüllten Auftragsbüchern, beide Unternehmen zahlten jedoch den Preis dafür, dass der Markt im Rüstungssektor zeitliche Verzögerungen derzeit mit harten Kursabschlägen quittiert. Bei Renk wachsen die Aufträge schneller als erwartet, und der Umbau zum reinen Verteidigungskonzern kommt voran. Bei Rheinmetall ist die Bewertung nach dem Kursrutsch deutlich gesunken, während die Diskrepanz zwischen Auftragslage und Marktkapitalisierung größer geworden ist. Der kommende Kapitalmarkttag von Rheinmetall am 27. November sowie das strategische Update von Renk am 8. Dezember in London dürften weitere Hinweise darauf liefern, wie sich die beiden Rüstungswerte in den kommenden Monaten entwickeln.

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