Moderna-Rallye setzt Gesundheitssektor in Brand, Chipwerte bleiben unter Druck

Moderna-Rallye nach Erfolg der mRNA-Krebstherapie beflügelt den Gesundheitssektor, während Chipwerte weiter korrigieren und der DAX sich stabil zeigt.

Auf einen Blick:
  • Moderna-Aktie schießt um 177 Prozent hoch
  • Erfolg in Phase-3-Studie bei Hautkrebs
  • Chipwerte wie Infineon geraten unter Druck
  • DAX stabilisiert sich nach Vortagesverlusten

Der deutsche Leitindex DAX ist am Vortag mit einem kleinen Minus von 0,14 % aus dem Handel gegangen und hat sich damit nach den Abgaben zum Wochenbeginn stabilisiert. Die Marke von 26.000 Punkten, die der Index Anfang August erstmals überschritten hatte, geriet nicht ernsthaft in Gefahr. Das Rekordhoch von 26.573 Punkten aus der Vorwoche liegt inzwischen jedoch ein gutes Stück entfernt. Für den heutigen Handelstag hat die Vorbörse ein leichtes Plus signalisiert. Der Aufwärtstrend bleibt intakt, der Index notiert weiterhin klar über seinen wichtigen Durchschnittslinien.

Anleihenmarkt bleibt Taktgeber

Der eigentliche Treiber der Märkte sitzt derzeit nicht im Aktienmarkt, sondern am Anleihenmarkt. Die Renditen von US-Staatsanleihen waren zuletzt spürbar gestiegen und erreichten den höchsten Stand seit 2007, also noch vor der Finanzkrise. Die Landesbank Baden-Württemberg brachte die zentrale Frage in einem Statement auf den Punkt: ob die angekündigten milliardenschweren KI-Investitionen in einem Umfeld steigender Finanzierungskosten überhaupt Bestand haben können. Etwas Erleichterung kam auf, nachdem das US-Finanzministerium angekündigt hatte, seine Rückkäufe langlaufender Anleihen zu erhöhen. Die Renditen gaben daraufhin etwas nach, die Wall Street drehte am Ende ins Plus. Der S&P 500 schloss mit einem kleinen Plus von 0,21 % bei 7.707,98 Punkten und bleibt damit dicht unter seinen Rekordständen. Ob sich der Markt oder das Weiße Haus in der Renditefrage durchsetzt, bleibt jedoch offen – historisch hat sich in solchen Konstellationen meist der Markt behauptet.

Chipwerte weiter unter Druck

Die Korrektur bei den Halbleiterwerten setzte sich fort. Auch in Asien machten sich Anleger Sorgen, insbesondere um den Investor Softbank, der laut einem Medienbericht neue Anleihen ausgeben will, um seine KI-Ambitionen zu finanzieren. In Deutschland war Infineon mit einem Minus von 4 % Schlusslicht im DAX und näherte sich dem tiefsten Stand seit Ende Juli. Bemerkenswert war eine Meldung aus den USA: Google und Marvell kündigten eine Zusammenarbeit bei maßgeschneiderten Chips an. Marvell legte daraufhin kräftig zu, während der bisherige Google-Lieferant Broadcom unter Druck geriet.

Für ein Gegengewicht in Deutschland sorgte SAP: Die Aktie legte 1,9 % zu und kletterte auf den höchsten Stand seit Ende Januar.

Moderna explodiert um 177 Prozent

Der eigentliche Star des Tages kam aus dem Gesundheitssektor. Der Impfstoffhersteller Moderna meldete, dass seine gemeinsam mit Merck entwickelte personalisierte mRNA-Krebstherapie in einer Studie im Spätstadium das Rückfallrisiko bei schwerem, schwarzem Hautkrebs gesenkt hat. Der Kurs von Moderna schloss daraufhin um 177 % höher – eine Rekordrallye. Die Bewegung zog weitere Werte aus dem Gesundheitssektor mit nach oben: Merck legte gut 12 % zu, der gesamte Gesundheitssektor im S&P 500 verzeichnete ein Plus von 3,5 % und damit den besten Tag seit 2025. Auch Biontech, ebenfalls mRNA-Impfstoffhersteller und auf dem Weg ins Krebsgeschäft, konnte mehr als 20 % zulegen.

Hinter der Rallye steht die Studie zu einem personalisierten Krebsimpfstoff mit dem Namen mRNA-4157 (Intisera), der auf derselben mRNA-Technologie beruht wie Modernas früherer Corona-Impfstoff. Das Präparat wird nicht in Serie produziert, sondern für jeden Patienten individuell aus den spezifischen Mutationen des entfernten Tumors hergestellt. In der Studie ging es um Hochrisikopatienten mit operativ entferntem Melanom. Eine Gruppe erhielt nur Mercks etabliertes Immunmedikament Keytruda, die andere Keytruda plus die individualisierte Impfung. Die Kombination senkte das Rückfallrisiko stärker als Keytruda allein und war auch beim zweiten Studienziel, der Ausbreitung des Krebses im Körper, überlegen.

Entscheidend ist der Statuswechsel: Es handelt sich um den ersten Erfolg eines Krebsimpfstoffes in einer Phase-3-Studie überhaupt. Der Markt liest dies als Beweis, dass die mRNA-Plattform auch jenseits von Infektionskrankheiten tragen könnte. Das Präparat wird derzeit in insgesamt neun laufenden Studien der Phasen 2 und 3 gegen weitere Krebsarten getestet, darunter Lungen-, Blasen- und Hirnkrebs. Besonders bei Lungenkrebs, einem der größten Onkologie-Märkte, setzt die Fantasie der Anleger an.

Eine Zulassung steht allerdings noch nicht im Raum. Der Vorstandschef von Moderna sprach von einer möglichen Zulassung frühestens 2027, zudem stehen vollständige frühe Daten noch aus. Zur Kursbewegung trug zusätzlich bei, dass Moderna stark leerverkauft war. Als die Nachricht kam, mussten viele Short-Seller ihre Positionen eindecken. Die Buchverluste der Short-Seller summierten sich am betreffenden Tag auf rund fünf Milliarden Dollar. Im frühen europäischen Handel setzten bereits erste Gewinnmitnahmen ein.

Biontech zieht mit, fundamentale Lage bleibt gemischt

Biontech legte um 22 % zu, deutlich weniger als Moderna. Analysten verweisen darauf, dass Biontechs eigenes Neo-Antigen-Programm, das gemeinsam mit Roche entwickelt wird, in der Vergangenheit eher enttäuschende Zahlen geliefert hat, was der Aktie seit 2023 Fantasie genommen hat und sie in einen Seitwärtstrend brachte. Der Umsatz von Biontech schrumpfte im zweiten Quartal um 100 Millionen Euro. Gleichzeitig sitzt der Konzern auf einem Bargeldbestand von fast 17 Milliarden Euro, verfügt über eine breit aufgestellte Onkologie-Pipeline und bekommt ab Februar nächsten Jahres einen neuen Vorstandschef, der als Mann für die kommerzielle Skalierung gilt.

Moderna gilt damit als der Wert mit dem stärkeren kurzfristigen Katalysator und der besseren Chartverfassung, allerdings mit einer durch den Short Squeeze überzeichneten Bewegung und entsprechendem Rückschlagspotenzial. Biontech erscheint als der fundamental stabilere, besser finanzierte Konzern, dessen Durchbruch im Krebsgeschäft aber noch aussteht.

Walmart und Alibaba vor Zahlen

Im Fokus stehen heute zudem die Quartalszahlen von Walmart und Alibaba. Bei Walmart erwarten Analysten für das zweite Geschäftsquartal einen Gewinn von 74 Cent pro Aktie, ein Plus von knapp 9 % gegenüber dem Vorjahr. Walmart hatte im ersten Quartal die Erwartungen verfehlt, erst das dritte Mal in 16 Quartalen. Wettbewerber Target hatte berichtet, dass allein Zollrückerstattungen den Nettogewinn um 752 Millionen Dollar beeinflusst haben – ein Punkt, den die Börse auch bei Walmart genau beobachten wird, um operatives Geschäft von Sondereffekten zu trennen. Walmart hatte im Sommer außerdem eine große Rabattaktion mit Preissenkungen bei über 250 Artikeln gefahren, was zulasten der Marge geht. Chartseitig ist Walmart im Mai unter die 50-Tage-Linie gerutscht und pendelt aktuell um diesen Durchschnitt.

Bei Alibaba ist die Ausgangslage anders gelagert. Laut einer Umfrage von FactSet soll der Nettogewinn auf 21,8 Milliarden Yuan sinken, nach 43 Milliarden Yuan im Vorjahr. Der Umsatz soll leicht auf rund 265 Milliarden Yuan steigen. Diese Schere ist gewollt, da das Unternehmen massiv in KI-Infrastruktur und das Quick-Commerce-Geschäft investiert. Die Cloud-Sparte wuchs im letzten Quartal beim externen Umsatz um 40 %, KI-bezogene Produktumsätze legen bereits das elfte Quartal in Folge dreistellig zu. Das Management geht davon aus, dass KI-Umsätze binnen eines Jahres mehr als die Hälfte der externen Cloud-Erlöse ausmachen könnten. Alibaba sitzt auf einer Nettoliquidität von rund 38 Milliarden Dollar, hat eine Dividende gezahlt und betreibt ein Aktienrückkaufprogramm im Milliardenbereich. Der Kurs hat sich vom Sommertief um mehr als ein Drittel erholt und notiert oberhalb aller wichtigen Durchschnitte. Der Prognosemarkt signalisiert eine Wahrscheinlichkeit von 80 %, dass Alibaba die Erwartungen verfehlt, während das Papier bei Wall-Street-Analysten weiterhin als klarer Kauf gilt.

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