Es gibt Wochen, die eine ganze Branche neu sortieren. Für Moderna war das die vergangene Woche. Ein Unternehmen, das seit Jahren als Corona-Impfstoffhersteller mit schwindendem Geschäft galt, hat sich in wenigen Tagen als ernstzunehmender Onkologie-Akteur präsentiert. Wer verstehen will, warum die Aktie derzeit wie ein Fieberthermometer schwankt, muss diesen Strukturbruch mitdenken.
Am Mittwoch vergangener Woche meldeten Moderna und Merck, dass ihr personalisierter mRNA-Krebsimpfstoff Intismeran in Kombination mit dem Immuntherapeutikum Keytruda in einer Phase-3-Studie mit mehr als 1.100 Patienten mit fortgeschrittenem Melanom die zentralen Studienziele erreicht hat. Es ist das erste positive Spätphasen-Ergebnis überhaupt für einen mRNA-basierten Krebsimpfstoff – ein Novum, das die Aktie an jenem Tag um bis zu 177 Prozent nach oben katapultierte. Merck-Aktien legten parallel um 12,6 Prozent zu.
Von der Pandemie-Wette zur Plattform-Wette
Genau darin liegt der eigentliche Kern der Geschichte: Moderna beweist, dass seine mRNA-Technologie über Infektionskrankheiten hinaus funktioniert. Bank of America-Analyst Alec Stranahan bezeichnete die Daten als „Wasserscheide-Moment“ für Moderna, der es dem Unternehmen erlaube, sich von der Infektionskrankheiten-Abhängigkeit zu lösen und bestehende Kapitalsorgen zu entschärfen. Das ist mehr als Analysten-Rhetorik – es beschreibt einen Wendepunkt, an dem ein Unternehmen, dessen Bewertung lange am Impfstoffabsatz hing, plötzlich eine zweite, potenziell größere Wachstumsgeschichte erzählen darf.
Merck und Moderna testen die Kombination bereits in weiteren Studien bei Blasen- und Nierenkrebs sowie in früheren Phasen bei Bauchspeicheldrüsen- und Magenkrebs, wie Moderna-Präsident Stephen Hoge gegenüber Reuters erklärte.
Auch Konkurrenten sind unterwegs: Roche und BioNTech erforschen mit autogene cevumeran einen ähnlichen Ansatz bei Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs, dessen Studienergebnisse allerdings erst 2027 beziehungsweise deutlich später erwartet werden. Moderna hat also, zumindest zeitlich, die Nase vorn in einem Rennen, das die Onkologie grundlegend verändern könnte.
Die Kehrseite der Euphorie
Doch Erfolgsgeschichten an der Börse verlaufen selten geradlinig. Auf den Rekordsprung vom Mittwoch folgte am Donnerstag ein Rückschlag von rund 19,83 Prozent – klassische Gewinnmitnahmen nach einer historischen Rally. Am Freitag legte die Aktie wieder um 8,6 Prozent zu und schloss bei 123,92 Euro.
Wer die vergangenen sieben Tage betrachtet, sieht ein Plus von 127 Prozent, über 30 Tage sind es 143 Prozent. Diese Zahlen sind beeindruckend, sie sind aber auch ein Warnsignal: Eine annualisierte Volatilität von 516 Prozent ist kein Normalzustand, sondern der Ausdruck eines Marktes, der noch dabei ist, den fairen Wert einer völlig neuen Geschäftsperspektive zu finden.
Bezeichnend ist der Streit unter den Analysten selbst. Während UBS sein Kursziel von 50 auf 150 Dollar anhob und William Blair die Aktie auf „Outperform“ hochstufte, blieben Goldman Sachs (Kursziel von 67 auf 120 Dollar erhöht, Rating „Hold“) und Morgan Stanley (Ziel von 39 auf 89 Dollar, ebenfalls „Hold“) deutlich zurückhaltender – beide Einschätzungen datieren vom 20. August.
Bank of America stufte die Aktie sogar nur auf „Neutral“ mit einem Kursziel von 170 Dollar hoch. Die Spannweite der Kursziele zeigt: Niemand weiß derzeit genau, wie man ein Ereignis bewertet, das ein Geschäftsmodell über Nacht verändert.
Ein Blick auf die Nebenschauplätze
Nicht ganz ohne Ironie: Nur zwei Wochen vor dem Krebsimpfstoff-Coup hatte die FDA mFLUSIVA zugelassen, den ersten mRNA-basierten Grippeimpfstoff für Erwachsene ab 50 Jahren – das vierte zugelassene Moderna-Produkt in den USA. Eine Nachricht, die unter normalen Umständen Schlagzeilen gemacht hätte, verschwand fast im Trubel der Krebsstudie.
Auch CEO Stephane Bancel verkaufte Anfang August, also noch vor dem Kurssprung, Aktien im Wert von rund 28,7 Millionen Dollar zu Preisen zwischen 56,21 und 58,79 Dollar – im Rahmen eines im Mai aufgesetzten automatischen Handelsplans, wie aus einer SEC-Meldung hervorgeht.
Die Aktie notiert derzeit rund 17 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 149,62 Euro, aber mehr als das Fünffache über ihrem Tief von 19,36 Euro aus dem November. Zwischen diesen beiden Marken liegt die eigentliche Frage für Anleger: Ist Intismeran der Beginn einer strukturellen Neubewertung der mRNA-Plattform – oder nur eine spektakuläre, aber einzelne Studienerfolgs-Story?
Die kommenden Zulassungsgespräche mit den Regulierungsbehörden, die laut Merck-Forschungschef Dean Li „in den nächsten Monaten“ beginnen sollen, dürften die erste belastbare Antwort liefern.
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