Die Euphorie an den Börsen kennt derzeit kaum Grenzen: Mit einem Plus von 584 % seit Jahresanfang hat sich Moderna an den Märkten phänomenal zurückgemeldet. Nach einer beispiellosen Rallye notiert das Papier aktuell bei 181,54 € und damit nur 1,3 % unter seinem 52-Wochen-Hoch. Doch für mich mehren sich die Warnsignale, dass der Markt die Risiken der Transformation vom Pandemie-Gewinner zum Krebs-Spezialisten schlichtweg verdrängt.
Juristischer Gegenwind aus Delaware
Am Montag versetzte ein US-Bundesgericht in Delaware den Hoffnungen auf eine rasche Beilegung langwieriger Schutzrechtsstreitigkeiten einen Dämpfer. Laut Reuters wies der zuständige Richter Modernas Antrag ab, eine Patentklage der Bayer-Tochter Monsanto wegen angeblicher Verletzungen von mRNA-Patenten abzuweisen. Auch Konkurrenten wie Pfizer und BioNTech scheiterten in getrennten Verfahren mit ähnlichen Versuchen.
Das Verfahren ist damit keineswegs entschieden, doch die juristische Auseinandersetzung geht weiter. Aus meiner Sicht unterschätzen viele Marktteilnehmer die potenziellen finanziellen und strategischen Belastungen, die aus derartigen Patenstreitigkeiten im Kernbereich der eigenen Technologieplattform erwachsen können.
Hohe Erwartungen treffen auf fundamentale Skepsis
Dass die Stimmung an den Handelsplätzen dennoch euphorisch blieb, liegt vor allem an der Onkologie-Pipeline. Die Ankündigung der Phase-3-Daten des Krebsimpfstoffs vor gut einer Woche hatte Moderna zusätzlichen Schwung verliehen.
Auf dem bevorstehenden ESMO-Kongress, der vom 23. bis 27. Oktober in Madrid stattfindet, soll die klinische Studie INTerpath-001 zum Wirkstoff Intismeran autogene in Kombination mit Keytruda im Rahmen eines Presidential Symposiums am 24. Oktober präsentiert werden. Zeitgleich plant das Management einen Webcast für Investoren.
Dass diese klinischen Meilensteine das Fundament der künftigen Bewertung bilden, unterstrich auch CEO Stéphane Bancel am 23. September auf einer Branchenkonferenz, wo er die strategische Ausrichtung abseits der COVID-19-Impfstoffe darlegte.
Parallel dazu sondiert das Unternehmen neue Partnerschaften: Mitgründer und Chairman Noubar Afeyan traf am 24. September Saeed bin Mubarak Al Hajeri von der Emirates Drug Establishment, um über mögliche Kooperationen in Forschung und Produktion zu beraten.
Allerdings mahnen fundierte Stimmen zur Vorsicht. Am Freitag bekräftigte das Analysehaus Bernstein seine Einstufung mit „Market Perform“ und einem Kursziel von 45,00 $. Analystin Courtney Breen wies nach dem Unternehmensforum darauf hin, dass die kommerzielle Ausweitung von Intismeran die eigentliche Schlüsselfrage bleibe.
Die enorme Diskrepanz zwischen dem von Bernstein genannten Kursziel und den jüngsten Kursrekorden zeigt, wie weit sich die Marktbewertung von den vorsichtigeren Modellen mancher Branchenbeobachter entfernt hat.
Ein schmaler Grat für Anleger
Unterm Strich steht Moderna vor einer doppelten Zerreißprobe. Auf der einen Seite zwingt der juristische Rückschlag in Delaware das Unternehmen dazu, erhebliche Ressourcen in die Verteidigung seiner Marktposition zu stecken. Auf der anderen Seite lastet nun der gesamte Bewertungsdruck auf den Daten, die am 24. Oktober in Madrid vorgelegt werden.
Enttäuscht die klinische Präsentation auch nur im Detail, dürfte die Fallhöhe angesichts der jüngsten Kursgewinne beträchtlich sein. Für mich überwiegt auf dem aktuellen Niveau daher die Verwundbarkeit: Die Aktie ist nahezu perfekt für den Erfolg bepreist, lässt aber kaum noch Raum für operative oder juristische Rückschläge.
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