Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
ein Kurs von rund 379 Dollar, ein Minus von etwa 17 Prozent seit Jahresbeginn, und eine Bewertung nahe dem tiefsten Stand seit fünf Jahren: Bei einem durchschnittlichen Unternehmen wäre das ein Warnsignal. Bei Microsoft ist es eine Frage, die sich gerade viele professionelle Anleger stellen: Hat der Markt hier etwas Wesentliches falsch eingepreist?
Die Aktie gehört zu den großen Verlierern unter den Technologieschwergewichten in diesem Jahr. Sie bewegt sich gefährlich nah an den Tiefs, die zuletzt im April markiert wurden. Wer auf eine schnelle Erholung im Frühjahr gesetzt hatte, wurde im Juni eines Besseren belehrt. Der Software-Sektor insgesamt steht unter Druck, und Microsoft konnte sich diesem Sog nicht entziehen.
Warum die Bewertung von Microsoft Aufmerksamkeit verdient
Genau hier wird es für Anleger interessant. Microsoft notiert aktuell bei einem für die nächsten zwölf Monate erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwas über 20. Das Bemerkenswerte daran: Microsoft wird damit ähnlich bewertet wie der breite US-Markt. Der S&P 500 bewegt sich auf vergleichbarem Niveau. Marktbeobachter halten das für schwer nachvollziehbar. Denn Microsoft ist eben kein durchschnittliches Unternehmen. Die Profitabilität gehört zu den besten der gesamten Technologiebranche. Wer hier einen Durchschnittspreis bezahlt, bekommt überdurchschnittliche Qualität.
Die jüngsten Geschäftszahlen untermauern diesen Punkt. Im zurückliegenden Quartal stieg der Umsatz um 18 Prozent auf rund 83 Milliarden Dollar. Der Gewinn je Aktie legte um 21 Prozent zu. Das Cloud-Geschäft wuchs um 29 Prozent, der Bereich Azure sogar um 40 Prozent. Diese Zahlen zeichnen kein Bild eines schrumpfenden Unternehmens.
Die Sorge der Skeptiker: Hat Microsoft den KI-Anschluss verpasst?
Dennoch gibt es Gründe für die Zurückhaltung. Die Kritiker führen zwei Argumente ins Feld. Erstens habe Microsoft beim Aufbau von KI-Infrastruktur zu spät massiv investiert und sich zu lange auf die frühe Partnerschaft mit OpenAI verlassen. Andere Konzerne hätten früher Vollgas gegeben und könnten künftig Marktanteile abgreifen.
Zweitens, und das wiegt schwerer, sind die enormen Investitionen selbst zum Streitpunkt geworden. Microsoft gibt im laufenden Geschäftsjahr rund 200 Milliarden Dollar aus. Für die kommenden Jahre rechnen Marktteilnehmer mit Beträgen von über 170 Milliarden Dollar pro Jahr. Diese Summen drücken die Margen beim freien Cashflow, also dem Geld, das nach allen Ausgaben tatsächlich übrig bleibt. Manche Stimmen sprechen bereits von totem Kapital, dessen Rendite sich erst in vielen Jahren zeigen werde.
Hinzu kommt eine grundsätzlichere Befürchtung. Die KI-Modelle der spezialisierten Labore werden immer leistungsfähiger, besonders im Programmieren. Sie dringen tief in die Anwendungsebene vor. Damit gerät der Burggraben klassischer Software-Anbieter unter Druck. Microsoft ist davon nicht ausgenommen.
Warum diese Sorgen zu kurz greifen könnten
Doch die pessimistische Sichtweise blendet einige strukturelle Stärken aus. Microsoft betreibt keinen reinen Anwendungs-Anbieter, der leicht zu verdrängen wäre. Der Konzern besitzt einen tief integrierten Software-Stapel, der von der Systemebene bis zur Anwendung reicht. Diese Architektur ist fest in die Arbeitsabläufe der Unternehmen eingewoben. Selbst wenn Firmen versuchten, sich aus dieser Abhängigkeit zu programmieren, wäre das ein schwieriges Unterfangen.
Microsoft hat zudem aktiv gehandelt, um die Erzählung vom verpassten Anschluss zu durchbrechen. Die Beziehung zu OpenAI wurde grundlegend neu geordnet. Die alten Exklusivklauseln fielen weg, beide Seiten gewannen kommerzielle Flexibilität. Wichtig für die Marge: Microsoft muss keine Umsatzbeteiligung mehr an OpenAI zahlen, behält aber den Zugriff auf neue Modelle, die weiterhin zuerst auf Azure erscheinen. Die Lizenzierung der Technologie ist bis 2032 gesichert.
Parallel dazu sichert sich der Konzern künftige Kundschaft. Über eine erweiterte Partnerschaft erhalten Gründer von KI-Start-ups Azure-Guthaben von bis zu 150.000 Dollar und direkten Zugang zu leistungsstarker Infrastruktur. Microsoft übernimmt die anfänglichen Kosten, um diese Unternehmen später als zahlende Kunden mit hohen Margen zu binden. Das ist eine Investition in die eigene Pipeline.
Der Kampf um kosteneffiziente KI-Modelle
Ein weiterer Punkt wird oft übersehen. Viele Großkunden haben ihre Budgets für KI-Nutzung in diesem Jahr bereits ausgereizt oder stehen kurz davor. Diese Entwicklung verändert die Nachfrage. Statt der teuersten Spitzenmodelle suchen Unternehmen zunehmend nach günstigeren Lösungen, mit denen sich KI-Projekte überhaupt im großen Stil umsetzen lassen.
Genau hier positioniert sich Microsoft. Der Konzern arbeitet daran, die Kosten seiner KI-Werkzeuge zu senken. Angebote rund um Copilot und neue, effizientere Modelle sollen Kunden ansprechen, die sich von den teureren Spitzenprodukten der spezialisierten Anbieter abwenden wollen. Sollte sich die Nachfrage nach günstigeren Modellen durchsetzen, könnte Microsoft mit seinem integrierten Angebot davon profitieren.
Auch geografisch erweitert der Konzern seinen Spielraum. Trotz aller geopolitischen Hürden gelingt es Microsoft, über autorisierte Server OpenAI-Modelle nach China zu bringen. Große chinesische Technologiekonzerne nutzen die Azure-Angebote. Das zeigt, dass amerikanische KI-Modelle bei den größten Kunden dort weiterhin gefragt sind.
Die finanzielle Substanz als Trumpf
Worauf es am Ende ankommt, ist die finanzielle Widerstandskraft. Die Margen beim freien Cashflow dürften in diesem Geschäftsjahr bei knapp 20 Prozent landen. Die hohen Investitionen werden diesen Wert in den kommenden Jahren zwar in den mittleren Zehnerbereich drücken. Doch anders als bei manchem Wettbewerber, dessen Cashflow-Marge in den negativen Bereich abzurutschen droht, bleibt Microsoft profitabel.
Das lukrative Software-Geschäft verschafft dem Konzern den Spielraum, aggressiv zu investieren, ohne die eigene Substanz zu gefährden. Sollten die Ausgaben für KI-Infrastruktur in der gesamten Branche bis zum Ende des Jahrzehnts weiter in Billionenhöhe steigen, könnten ausgerechnet die hochprofitablen Software-Häuser diesen Aufbau am längsten durchhalten. Microsoft verfügt zudem über eine erstklassige Bilanz und das bestmögliche Kreditrating.
Auch der Kursverlauf liefert ein Argument. Die langfristige Aufwärtsbewegung der Aktie ist trotz der jüngsten Schwäche nicht gebrochen. Der Kurs bewegt sich nah an einer langfristigen Durchschnittslinie, die viele Marktteilnehmer als technische Unterstützung betrachten. Hält diese Linie, sehen einige darin eine Einstiegsgelegenheit, die der vom Frühjahr ähnelt.
Analysten optimistisch
Die Analystengemeinde bleibt mehrheitlich optimistisch. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei rund 560 Dollar und damit deutlich über dem aktuellen Niveau. Das spiegelt die Erwartung wider, dass das prognostizierte Gewinnwachstum von rund 15 Prozent erreicht oder übertroffen wird. Ein zusätzlicher Hebel könnte sich ergeben, wenn OpenAI an die Börse geht, denn Microsoft zählt zu den größten Anteilseignern.
Die entscheidende Erkenntnis lautet also: Der Markt behandelt Microsoft gerade so, als sei das Wachstum eingebrochen. Tatsächlich verarbeitet das Unternehmen lediglich die anfänglichen Abschreibungen eines gewaltigen Infrastrukturaufbaus. Wer genauer hinsieht, erkennt eine Bewertungslücke, die in dieser Form selten ist. Ob der Markt damit wirklich etwas Entscheidendes übersieht, wird sich in den kommenden Quartalen zeigen.
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