Micron: Wer sich jetzt rausdrängen lässt, verliert

Trotz jüngster Verluste: Micron profitiert von anhaltender DRAM-Knappheit und starkem HBM-Geschäft. Analysten sehen Potenzial.

Auf einen Blick:
  • DRAM-Markt bleibt bis 2027 unterversorgt
  • HBM4-Auslieferung an Nvidia läuft
  • Chinesische Konkurrenz nur im Niedrigpreissegment
  • Bewertung trotz Kursrallye gesunken

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

der Halbleitersektor gab am Montag deutlich nach. Micron verlor fast sechs Prozent an einem einzigen Tag. Der Philadelphia Semiconductor Index fiel um knapp drei Prozent. Auch Broadcom, AMD und Nvidia selbst gaben zwischen zwei und dreieinhalb Prozent ab. Der Auslöser war weniger eine schlechte Nachricht als eine kollektive Nervosität. Anleger positionierten sich vor den mit Spannung erwarteten Nvidia-Zahlen neu. Sie hinterfragten die Bewertungen der gesamten KI-Infrastruktur.

Solche Tage trennen die Spreu vom Weizen. Wer nur auf den Kurs schaut, gerät in Panik. Wer auf die Substanz achtet, sieht eine mögliche Gelegenheit. Genau darum geht es in dieser Ausgabe.

Warum die DRAM-Knappheit die zentrale Story bleibt

Der wichtigste Punkt bei Micron heißt DRAM. Das Unternehmen erwirtschaftet über 75 Prozent seines Umsatzes mit diesem Arbeitsspeicher. Und genau hier spielt sich derzeit eine historische Verknappung ab. Marktbeobachter erwarten, dass der DRAM-Markt bis 2027 und darüber hinaus unterversorgt bleibt. Das Angebot hinkt der Nachfrage strukturell hinterher. Neue Fabriken lassen sich nicht über Nacht bauen.

Diese Knappheit hat einen einfachen Grund. Hochleistungsspeicher für KI-Anwendungen, sogenanntes HBM, bindet enorme Fertigungskapazitäten. Für eine Einheit HBM wird etwa die dreifache Menge an herkömmlicher DRAM-Kapazität benötigt. Je mehr HBM produziert wird, desto knapper wird also der normale Arbeitsspeicher für PCs und Smartphones. Der gesamte Markt zieht sich zusammen, nicht nur die KI-Nische.

Das Management von Micron hat diese Lage mehrfach bestätigt. Die Kapazitäten für das laufende Jahr sind vollständig verkauft. Auch das kommende Jahr ist bereits weitgehend vertraglich gebunden. Kunden erhalten nach Unternehmensangaben nur rund 60 bis 70 Prozent der angeforderten Mengen. Diese Zuteilung zeigt, wie angespannt die Situation ist. Ein Anbieter, der Nachfrage abweisen muss, sitzt am längeren Hebel.

HBM als Gewinnmaschine

Der Markt für HBM wächst rasant. Frühere Prognosen sahen die Marke von 100 Milliarden Dollar erst für 2028. Nach jüngsten Einschätzungen könnte dieser Wert bereits 2027 erreicht werden. Ein ganzes Jahr früher als gedacht. Für einen Hersteller mit Preismacht sind das gewaltige Zahlen.

Micron hält in diesem Segment rund 21 Prozent Marktanteil. Damit liegt das Unternehmen hinter dem Marktführer SK Hynix auf dem zweiten Platz. Der Vorsprung bringt einen unterschätzten Vorteil. Die Qualifizierung eines HBM-Lieferanten ist aufwendig und teuer. Kunden co-entwickeln ihre Chips eng mit den Zulieferern. Deshalb arbeiten viele Projekte nur mit einem oder zwei HBM-Anbietern zusammen. Wer bereits etabliert ist, bleibt gesetzt.

Die neue Generation HBM4 kommt zudem schneller in Fahrt als erwartet. Micron hat bereits Speicher für die Vera-Rubin-Plattform von Nvidia ausgeliefert. Der Hochlauf der zwölflagigen Variante verläuft doppelt so schnell wie bei der Vorgängergeneration. Über eine Milliarde Dollar Umsatz mit HBM4 sind bereits verbucht. Diese Beschleunigung ist entscheidend, denn neue Generationen bringen höhere Preise.

Die Preise selbst erzählen die eigentliche Geschichte. Für HBM4 könnte sich der Preis je Gigabit mehr als verdoppeln. Von rund zwei Dollar in der zweiten Jahreshälfte auf vier bis fünf Dollar bis 2027. Solche Sprünge schlagen direkt auf die Marge durch. Das erklärt, warum die Rentabilität von Micron zuletzt in Bereiche vorstieß, die für einen Speicherhersteller früher undenkbar waren.

Chinesische Konkurrenz und die Frage nach der Preismacht

Ein wiederkehrendes Gegenargument betrifft China. Der Hersteller ChangXin Memory Technologies baut seine Produktion aggressiv aus. Nach einem großen Börsengang erweitert das Unternehmen seine Werke in mehreren Städten. Die kombinierte Ausbringung soll über 600.000 Wafer pro Monat erreichen. Das nähert sich der DRAM-Kapazität von Micron an. Der globale DRAM-Marktanteil der Chinesen kletterte zuletzt auf rund acht Prozent.

Auf den ersten Blick klingt das bedrohlich. Bei genauerem Hinsehen relativiert sich die Gefahr. Die chinesischen Kapazitäten konzentrieren sich auf günstige Standardprodukte. Dazu zählen ältere Speichergenerationen für den Konsumbereich. Micron dagegen hat seine Abhängigkeit von diesem Niedrigpreissegment stark reduziert. Der Anteil solcher Commodity-Produkte liegt inzwischen im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Der Angriff aus China trifft also vor allem das untere Marktende, nicht das lukrative HBM-Geschäft.

Diese Differenzierung ist der Kern der Micron-These. Wer Speicher pauschal als Rohstoff betrachtet, übersieht die Spaltung des Marktes. Am unteren Ende herrscht Wettbewerb und Preisdruck. Am oberen Ende, bei HBM und schnellem DRAM für Rechenzentren, herrscht Knappheit und Preismacht. Micron verlagert sein Gewicht konsequent nach oben. Genau das schützt die Marge, wenn am unteren Ende neue Anbieter drängen.

Was die Korrektur für Anleger bedeutet

Nun zur unbequemen Wahrheit. Die Micron-Aktie hat trotz des Montagsrückgangs eine gewaltige Rally hinter sich. Von einem tiefen Ausgangspunkt im Frühjahr 2025 vervielfachte sich der Kurs. Ein zwischenzeitlicher Rücksetzer war da fast zwangsläufig. Marktbeobachter sprechen von einer gesunden Korrektur innerhalb eines intakten Aufwärtstrends.

Bemerkenswert ist die Bewertung. Trotz der Kursvervielfachung ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der erwarteten Gewinne sogar gesunken. Das liegt an der noch schnelleren Gewinnentwicklung. Die Aktie ist also nach klassischen Maßstäben nicht teurer geworden, sondern günstiger. Ein Bewertungsmaßstab, der die Substanz ins Verhältnis zum operativen Ergebnis setzt, liegt nur leicht über dem langjährigen Mittelwert.

Trotzdem gehört das Risiko klar benannt. Die Halbleiterbranche bleibt zyklisch. Speicherhersteller erlebten über Jahrzehnte immer wieder heftige Boom-und-Bust-Phasen. Stieg die Nachfrage, bauten alle Kapazitäten aus. Kunden orderten doppelt aus Angst vor Engpässen. Sobald sich das Wachstum verlangsamte, kippten die Preise. Wer heute investiert, sollte diese Vergangenheit kennen.

Der Unterschied

Zwei Dinge unterscheiden die aktuelle Lage von früheren Zyklen. Erstens ist der Markt stark konsolidiert. Nur drei Hersteller können HBM in großem Maßstab liefern. Diese Struktur diszipliniert das Angebot. Zweitens verschieben Micron und die Konkurrenz neue Kapazitäten weit in die Zukunft. Wichtige Werke liefern erst ab 2027 oder später nennenswerte Mengen. Bis dahin bleibt das Angebot faktisch gedeckelt.

Genau darin liegt die Spannung für Anleger. Die Nachfrage rast der Kapazität davon, die physisch begrenzt ist. Das stützt Preise und Margen auf absehbare Zeit. Ein Sektor-Selloff vor einem einzelnen Quartalsbericht ändert an dieser Grundkonstellation wenig. Er verschiebt lediglich die Stimmung, nicht die Angebot-Nachfrage-Relation.

Wer sich von einem einzigen roten Tag aus dem Markt schütteln lässt, verliert leicht den Blick für das große Bild. Die spannende Frage ist nicht, ob Micron am Montag sechs Prozent verlor. Die spannende Frage ist, ob die Knappheit bei DRAM und HBM bis 2028 anhält. Genau diese Unterscheidung trennt kurzfristiges Rauschen von der langfristigen These. Und sie ist der Kern jeder nüchternen Einordnung dieser Aktie.

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