Micron: Speicherpreise steigen 50 bis 60 Prozent pro Quartal

Symbolbild, KI-generiert

Micron profitiert von knappen Speicherchips und langfristigen Verträgen, steht aber vor Zollplänen und möglichen Arbeitskämpfen in Taiwan.

Auf einen Blick:
  • Speicherpreise steigen bei DRAM und NAND
  • Micron schließt Verträge bis 2030
  • Coatue stockt Micron-Beteiligung deutlich auf
  • Taiwaner Gewerkschaften fordern höhere Boni

Es gibt Momente, in denen der Markt einem Unternehmen mehr Vertrauen entgegenbringt, als es sich selbst zutraut auszudrücken – und dann gibt es Micron. Eine Aktie, die binnen zwölf Monaten um 711 Prozent gestiegen ist, notiert an der Börse trotzdem zu einem Vielfachen, das viele langweiligere Unternehmen für sich beanspruchen: dem 6-Fachen der für das Fiskaljahr 2027 erwarteten Gewinne.

Während der S&P 500 im Schnitt mit dem 20- bis 25-Fachen bewertet wird, wirkt Micron fast bescheiden. Wie passt das zusammen mit einem Speicherchiphersteller, dessen Kapazität für High-Bandwidth-Memory des laufenden Jahres bereits komplett ausverkauft ist?

Die Antwort liegt in einem strukturellen Umbruch, der größer ist als jede einzelne Quartalszahl. Der weltweite Speichermarkt erlebt gerade eine Knappheit, wie sie Analysten von Susquehanna mit Preissteigerungen von 50 Prozent bei DRAM und 60 Prozent bei NAND beziffern – pro Quartal, nicht pro Jahr.

Micron und der Wettbewerber SK Hynix profitierten davon am Mittwoch mit Kursaufschlägen von 2,43 beziehungsweise 2,61 Prozent. SK Hynix hat sich derweil Aufträge über 750 Milliarden Dollar gesichert, davon 500 Milliarden allein von Nvidia. Das ist keine zyklische Erholung mehr, das ist eine Neuordnung der Wertschöpfungskette rund um künstliche Intelligenz.

Wenn Kunden im Voraus zahlen

Was Micron von früheren Boomphasen unterscheidet, ist die Vertragsarchitektur dahinter. Das Unternehmen hat 16 Take-or-Pay-Verträge mit Laufzeiten bis 2030 abgeschlossen, die rund 20 Prozent des DRAM- und 33 Prozent des NAND-Volumens abdecken. Der gebuchte Umsatz daraus liegt bei etwa 100 Milliarden Dollar, Kunden haben bereits rund 22 Milliarden Dollar hinterlegt.

CEO Sanjay Mehrotra verweist auf einen mehrjährigen Nachfragezyklus, der über KI-Rechenzentren hinausreicht: Humanoide Roboter benötigten das Zehnfache des Speichers heutiger teilautonomer Fahrzeuge. Ob diese Prognose eintrifft, steht auf einem anderen Blatt – aber sie zeigt, wie weit das Unternehmen inzwischen in die Zukunft plant.

Diese Zuversicht spiegelt sich auch im Handel wider: Milliardär Philippe Laffonts Coatue Management hat seinen Micron-Anteil im zweiten Quartal von rund 166.000 auf 3,1 Millionen Aktien aufgestockt, ein Sprung um 1794 Prozent. Nicht alle sehen das gleich euphorisch.

David Tepper von Appaloosa Management reduzierte seine Micron-Position im selben Zeitraum um 41,4 Prozent und kaufte stattdessen weiter Taiwan Semiconductor. Zwei gegensätzliche Wetten auf denselben Trend – der eine setzt auf den Speicherhersteller direkt, der andere auf den Ausrüster dahinter.

Politik mischt sich ein, Belegschaft auch

Der Rückenwind aus der Nachfrage trifft auf Gegenwind aus zwei anderen Richtungen. US-Handelsminister Howard Lutnick hat gezielte Chip-Zölle angekündigt, mit einer klaren Botschaft an die Industrie: Wer in Amerika produziert, zahlt nicht, wer nicht produziert, muss zahlen.

Details fehlen noch, doch Samsung und SK Hynix wurden namentlich genannt. Micron selbst hat bereits umfangreiche Investitionszusagen in Taiwan und den USA gemacht – Taiwans Präsident William Lai bezifferte das Micron-Engagement in Taiwan auf mehr als 1,4 Billionen Taiwan-Dollar.

Näher am operativen Geschäft brodelt es in Taiwan selbst. Die Gewerkschaften in Taoyuan und Taichung, zusammen rund 10.000 Mitglieder, fordern für das Fiskaljahr 2026 eine Einmalzahlung von 83 Monatsgehältern pro Mitarbeiter. Ab 2027 sollen Bonuszahlungen in Höhe von 15 Prozent des operativen Gewinns quartalsweise ausgezahlt werden.

Eine Streikabstimmung könnte noch in diesem Monat stattfinden, sollte die Mediation scheitern. Taiwan produziert den Großteil des Micron-DRAM-Ausstoßes – ein Ausfall dort träfe die Lieferkette empfindlich, gerade jetzt, wo Kunden weltweit auf Kapazität warten.

An der Börse zeigt sich diese Gemengelage in einer Aktie, die zuletzt bei 826,00 Euro schloss, nach einem Plus von 2,5 Prozent am Vortag. Vom 52-Wochen-Hoch bei 1.103,80 Euro trennen das Papier noch 25 Prozent, während es das 52-Wochen-Tief um 720 Prozent überragt.

Die Spanne dieser beiden Marken erzählt die eigentliche Geschichte: eine Aktie, die zwischen Euphorie über einen strukturellen Speicherboom und der Nervosität eines extrem volatilen Marktes hin- und herschwingt – mit einer annualisierten 30-Tage-Volatilität von 83 Prozent ist das nichts für schwache Nerven.

Ob sich diese Diskrepanz zwischen niedriger Bewertung und hoher Schwankungsbreite auflöst, dürfte davon abhängen, wie lange die aktuelle Knappheit anhält – und ob die Beschäftigten in Taiwan bekommen, was sie fordern.

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