Micron: Rekorde in der Branche, Ausverkauf an der Börse

Speicherchip-Hersteller melden Rekordgewinne, doch die Micron-Aktie fällt. Warum der Markt ein Szenario einpreist, das wenig wahrscheinlich ist.

Auf einen Blick:
  • Micron-Aktie verlor zu Wochenbeginn 5,8 Prozent
  • Geschäftsjahr 2026 brachte 133 Milliarden Dollar Umsatz
  • Mehr als drei Viertel der 2027-Lieferungen verkauft
  • Analysten-Kursziel liegt über 90 Prozent höher

Micron: Rekordzahlen in der Branche, Ausverkauf an der Börse

Für die Speicherchip-Branche war die vergangene Woche die Woche der Wahrheit – fast alle großen Hersteller haben Quartalszahlen vorgelegt. Das Ergebnis ist paradox: Die Unternehmen verdienen so viel wie nie, und die Aktien fallen.

Besonders deutlich trifft es Micron Technology: Die Aktie verlor zu Wochenbeginn 5,8% auf 833,59 $, auf Monatssicht steht ein Minus von 17%, zum Allzeithoch von 1.255 $ aus dem Juni fehlen inzwischen 33%. Geschäftsentwicklung und Kurse laufen derzeit in verschiedene Richtungen.

Micron im Portrait

Micron aus Boise im US-Bundesstaat Idaho ist der einzige große amerikanische Hersteller von Speicherchips und neben den Südkoreanern Samsung und SK Hynix einer von drei Anbietern, die den Weltmarkt für DRAM (Arbeitsspeicher) unter sich aufteilen.

Dazu kommen NAND-Chips (Flash-Speicher) und vor allem HBM – gestapelte Hochleistungsspeicher, die direkt neben den KI-Chips von Nvidia sitzen und ohne die kein KI-Rechenzentrum läuft. Seit Mai ist Micron an der Börse mehr als eine Billion Dollar wert.

Suche nach dem Haar in der Suppe: Anlegern ist Chip-Boom offenbar unheimlich

SK Hynix, Marktführer bei HBM-Speichern und direkter Micron-Konkkurent, meldete in der vergangenen Woche das sechste Rekordquartal in Folge: Der Umsatz stieg um 328% auf umgerechnet rund 78 Mrd. $, das operative Ergebnis auf 62 Mrd. $ – eine operative Marge von 80%, in der Halbleiterindustrie ein historischer Wert. Die DRAM-Preise stiegen innerhalb eines Quartals um knapp 30%, die NAND-Preise um rund 25%.

Das Management erwartet, dass die Nachfrage das Angebot bis 2030 übersteigt; rund die Hälfte der Produktion für 2027 und 2028 ist bereits verkauft. Samsung legte einen Tag später nach: rund 80 Mrd. $ operativer Gewinn, davon 99% aus der Chipsparte.

Doch dann fanden die Investoren ein Haar in der Suppe – am Freitagabend in Japan. Kioxia, der größte japanische Speicherhersteller und reiner NAND-Anbieter, stellte für das Dezemberquartal einen operativen Gewinn von 2 Bio. Yen in Aussicht, praktisch unverändert gegenüber dem Septemberquartal und klar unter den erwarteten 2,35 Bio. Yen. Der Grund: Die Preissteigerungen beim NAND-Speicher verlangsamen sich von rund 70% auf 25% pro Quartal.

Die Kioxia-Aktie brach um 16% ein und zog die gesamte Branche mit. Dazu kamen Äußerungen des Intel-Managements, das die hohen Speicherpreise für einen Einbruch des PC-Markts verantwortlich macht, und die unter den Erwartungen liegenden Investitionen von Alphabet und Microsoft, die Zweifel am Tempo des KI-Ausbaus nährten.

Warum das nicht das Ende des Zyklus ist

Man könnte annehmen, dass damit das Ende des Speicher-Zyklus eingeläutet ist – doch das ist zu kurz gedacht. Erstens geht es bei Kioxia nicht um fallende Preise, sondern um ein langsameres Steigerungstempo: Die NAND-Preise steigen weiter, nur eben auf höherer Basis um „nur“ rund 25% pro Quartal statt zuvor um rund 70%. Nach der vorherigen Preisexplosion ist das eine Normalisierung, kein Einbruch. Micron verdient sein Geld zudem überwiegend mit DRAM und HBM, und dort hat sich der Preisanstieg laut SK Hynix und Samsung im abgelaufenen Quartal sogar noch beschleunigt.

Zweitens hat Micron Ende September selbst Zahlen vorgelegt: Umsatz im Geschäftsjahr 2026 plus 256% auf 133 Mrd. $, Bruttomarge 80,7%. Für das laufende erste Quartal stellte das Management 61,5 Mrd. $ Umsatz und einen Gewinn je Aktie von 38,15 $ in Aussicht – bei einer Bruttomarge von rund 86%, die der Tiefpunkt des Geschäftsjahres sein soll. Mehr als drei Viertel der Lieferungen für das Geschäftsjahr 2027 sind über langfristige Verträge bereits verkauft, die HBM-Preise für 2027 wurden „deutlich“ angehoben.

Drittens wächst gerade offenbar ein loyaler Großkunde heran, der Visionär Elon Musk.. Auf der Tesla-Telefonkonferenz im Juli bedankte sich Elon Musk öffentlich bei Micron für eine „erhebliche“ Speicherzuteilung zu „vernünftigen Preisen“ – ein Lob, das ein Zulieferer vom Tesla-Chef selten bekommt. Mitte Oktober legte er auf X nach: Micron sei bei den Preisen für künftige Lieferungen fair geblieben, „während andere wucherisch waren, was die Kunden von heute nicht vergessen werden“. Micron hat die Preisschraube also bewusst nicht bis zum Anschlag gedreht und sich damit die Loyalität der Musk-Firmen gesichert – Tesla, SpaceX und dessen KI-Sparte, die in Memphis einige der größten Rechenzentren der Welt betreibt.

In der vergangenen Woche schrieb Musk zudem, der Arbeitsspeicher-Bedarf humanoider Roboter werde „alles andere auf der Erde übertreffen“. Da die Micron-Produkte im Falle eines Roboter-Booms stark nachgefragt werden würden, sprang die Aktie um 5%. Und die Roboter-Enthusiasten unter den Micron-Aktionären haben gute Argumente. Tesla will seinen Roboter Optimus ab 2027 ausliefern und perspektivisch eine Million Stück pro Jahr bauen, Toyota plant für seine Werke mit 400.000 Robotern. Marktschätzungen zufolge verdoppelt sich gleichzeitig der DRAM-Bedarf je Roboter bis 2030.

Günstige Micron: Markt preist einen Investitionsstopp ein

Der Konsens rechnet für das Geschäftsjahr 2027 mit einem Micron-Gewinn je Aktie von etwa 176 $. Beim aktuellen Kurs ergibt das ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 5. Ein solches KGV zahlt die Börse nur, wenn sie davon ausgeht, dass die Gewinne bald wegbrechen. Der Markt preist bei Micron demnach einen Investitionsstopp der Hyperscaler ein – ein Szenario, in dem Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta ihre Rechenzentrumspläne abblasen und die Speicherpreise einbrechen wie 2022.

Dieses Szenario ist aus meiner Sicht wenig wahrscheinlich. Microsoft hat angekündigt, im laufenden Quartal über 50 Mrd. $ zu investieren, Alphabet will 2027 sogar mehr als 300 Mrd. $ ausgeben, nach gut 200 Mrd. $ in diesem Jahr. Die Investitionen beider Konzerne lagen im Quartal zwar unter den Erwartungen – aber nicht, weil gespart wurde, sondern weil sich Lieferungen verzögert haben und ins nächste Quartal rutschen. Und die Speicherhersteller haben ihre Produktion für 2027 zu großen Teilen bereits verkauft.

Selbst wenn man Microns eigene Prognose für das erste Quartal aufs Jahr hochrechnet – also 0-Wachstum unterstellt, kommt man auf gut 150 $ Gewinn je Aktie und ein KGV von unter 6. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei rund 1.620 $ und damit mehr als 90% über dem aktuellen Kurs; 28 von 29 raten zum Kauf. Entweder liegen hier fast alle Experten falsch, oder der Markt kalkuliert zu pessimistisch. Selten lagen Geschäftsentwicklung und Börsenkurs so weit auseinander wie bei Micron in diesen Tagen.

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