Micron: Rekordzahlen, die der Aktienkurs (noch) nicht abbildet
Der Speicherchip-Hersteller Micron Technology hat in der vergangenen Woche Quartalszahlen vorgelegt, die in der Halbleiter-Branche ihresgleichen suchen. Das Unternehmen aus Boise im US-Bundesstaat Idaho ist der einzige US-amerikanische Hersteller von Arbeitsspeicher (DRAM) – und seit dem KI-Boom einer der wichtigsten Zulieferer für Rechenzentren weltweit.
KI-Beschleuniger, ob von Nvidia oder AMD, brauchen direkt neben dem Prozessor einen Spezialspeicher namens HBM (High Bandwidth Memory), da sonst die Rechenleistung verpuffen würde. Genau diesen Speicher liefert Micron – in einem Markt, in dem die Nachfrage das Angebot bei Weitem übersteigt.
Umsatz fast verfünffacht, Bruttomarge bei 87%
Dementsprechend hoch sind die Wachstumsraten. Im vierten Geschäftsquartal, das bei Micron von Juni bis August läuft, setzte der Konzern 54,2 Mrd. US-Dollar um – fast das Fünffache des Vorjahreswerts und rund 3 Mrd. Dollar mehr, als die Analysten auf dem Zettel hatten. Die Bruttomarge erreichte 87%, der Gewinn je Aktie lag mit 33,42 Dollar ebenfalls über allen Erwartungen. Zur Einordnung: Noch vor wenigen Jahren schrieb Micron in der Abschwungphase des Speicherzyklus tiefrote Zahlen. Heute verdient der Konzern in einem einzigen Quartal mehr als früher in mehreren guten Jahren zusammen.
Auch der Ausblick fiel besser aus als erhofft. Für das laufende Quartal stellt das Management 61,5 Mrd. Dollar Umsatz in Aussicht – gut 6% mehr, als die Börse erwartet hatte. Für das gerade angelaufene Geschäftsjahr 2026/27 rechnet Konzernchef Sanjay Mehrotra mit weiter steigenden Umsätzen in jedem einzelnen Quartal und spricht von einem kommenden Rekordjahr.
Warum die Aktie trotzdem auf der Stelle tritt
Man sollte meinen, eine Aktie mit solchen Zahlen kennt nur noch eine Richtung. Tatsächlich legte der Kurs am Tag nach den Zahlen auch zunächst 3% zu, gab die Gewinne aber an den Folgetagen komplett wieder ab und pendelt seither um die Marke von 1.060 Dollar. Dafür dürfte vor allem Psychologie und Charttechnik verantwortlich sein.
Nach den ebenfalls starken Zahlen zum dritten Quartal Ende Juni hatte die Aktie exakt in den Tagen der Veröffentlichung ihr Allzeithoch bei 1.255 Dollar markiert – und anschließend über den Sommer in der Spitze mehr als ein Drittel verloren. Dieses Muster steckt vielen Anlegern noch in den Knochen, also wird diesmal erst einmal abgewartet.
Der Chart gibt den Zauderern bislang recht: Seit dem Juni-Hoch produziert die Aktie eine Serie tieferer Hochs. Der Erholung ging Ende September bei knapp 1.109 Dollar die Luft aus, und auch der Anlauf nach den Zahlen drehte knapp unterhalb dieser Marke wieder nach unten. Solange diese Hürde nicht fällt, fehlt aus charttechnischer Sicht das frische Kaufsignal. Fällt sie, wartet darüber jedoch nur noch das Allzeithoch.
Speicherchip-Markt: Aus dem Schweinezyklus ist ein Vertragsgeschäft geworden
Die Börse bewertet Micron noch immer wie das alte Micron. Der Speichermarkt galt jahrzehntelang als brutalster Schweinezyklus der Technologiebranche: In guten Zeiten bauten alle Hersteller Kapazitäten auf, dann brachen die Preise ein, und aus Rekordgewinnen wurden Verluste. Dieses Muster hat Micron in den vergangenen Quartalen durchbrochen.
Der Konzern hat inzwischen 16 langfristige Lieferverträge mit Großkunden abgeschlossen, die Abnahmemengen und Preise über Jahre festschreiben. Die HBM-Kapazität für das komplette Kalenderjahr 2027 ist bereits so gut wie ausverkauft. Mit Nvidia entwickelt Micron erstmals maßgeschneiderte HBM-Lösungen, und als einziger US-Hersteller dieser Chips sitzt der Konzern auch politisch am längeren Hebel. Das Management erwartet, dass das Angebot bis weit ins Jahr 2028 knapp bleibt. Aus der früheren Spotmarkt-Lotterie ist ein Geschäft mit vertraglich unterlegten Erlösen geworden – und ein solches Geschäft verdient an der Börse üblicherweise eine höhere Bewertung.
Davon ist im Kurs bislang erstaunlich wenig zu sehen. Auf Basis der Konsensschätzung für das Geschäftsjahr 2027 von rund 190 Dollar Gewinn je Aktie wird Micron mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 6 gehandelt – andere Chip-Konzerne kosten ein Vielfaches davon. Die Analysten sehen die Aktie im Schnitt bei rund 1.535 Dollar fair bewertet, rund 40% über dem aktuellen Kurs.
73 Mrd. Dollar Cash warten auf die Investoren
Ein weiterer Faktor könnte den charttechnischen Knoten lösen. Micron hat das Geschäftsjahr mit 73,5 Mrd. Dollar an Barmitteln und Wertpapieren abgeschlossen, allein im vierten Quartal flossen über 33 Mrd. Dollar freier Cashflow in die Kasse. Zurückgekauft hat der Konzern davon bislang: nichts.
Der Grund: Für die Fördermilliarden aus dem amerikanischen CHIPS-Gesetz musste sich Micron verpflichten, zwei Jahre lang auf nennenswerte Aktienrückkäufe zu verzichten. Diese Sperrfrist läuft am 9. Dezember ab. Finanzchef Mark Murphy hat angekündigt, ab diesem Tag die Kapitalrückführung auszuweiten und über die Zeit 100% des überschüssigen Cash an die Aktionäre zurückzugeben – in erster Linie über Aktienrückkäufe.
Risiken bleiben – aber Geschäfts-Verschlechterung kommt selten über Nacht
Risikolos ist das Investment nicht. Microns Gewinne hängen trotz der langfristigen Verträge am Investitionszyklus der großen Rechenzentrumsbetreiber. Sollten deren Budgets abkühlen oder ab 2028 doch schneller neue Speicherkapazitäten auf den Markt kommen, gerieten die Preise unter Druck. Auch ein deutlicher Zinsanstieg würde die Bewertungen im gesamten Chip-Sektor belasten. Solche Entwicklungen kündigen sich allerdings an – sie passieren nicht über Nacht.
Unterm Strich steht ein Unternehmen mit Rekordzahlen, einem ausverkauften Jahr 2027 und einer Bewertung, die der neuen Qualität des Geschäfts bislang nicht gerecht wird. Die Charttechnik bremst den Kurs vorübergehend – den Wert des Unternehmens bremst sie nicht. Spätestens wenn das Management im Dezember die Rückkaufpläne konkretisiert, könnte sich die Lücke zwischen Kurs und Wert zu schließen beginnen.
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