Die Frage, die Anleger bei Micron Technology seit Monaten beschäftigt, ist immer dieselbe: Kann Micron SK hynix bei Nvidia verdrängen? Falsche Frage vielleicht. Wer Micron so bewertet, verpasst, was tatsächlich entscheidend für die Micron-Story sein wird.
SK hynix führt, und das bleibt so
Denn SK hynix hält laut Counterpoint rund 62 Prozent der HBM-Auslieferungen und 57 Prozent des Umsatzes in diesem Segment. UBS schätzt, dass der koreanische Hersteller etwa 70 Prozent des HBM4 für Nvidias Rubin-Plattform liefern wird. Das ist eine Dominanz, die Micron nicht brechen wird. Nicht in diesem Zyklus, wahrscheinlich auch nicht im nächsten.
Der Markt ist größer geworden
Google, Microsoft, Amazon und andere Hyperscaler bauen ihre eigenen KI-Beschleuniger, und die brauchen alle massiv HBM. Googles Ironwood-Chip bringt rund 97 Gigabyte mehr HBM pro Chip als der Vorgänger-TPU, mit knapp 5 Terabyte pro Sekunde Speicherbandbreite. Microsofts Maia 200 ist kein Experimentalchip, sondern läuft kommerziell über Azure, unter anderem für OpenAI-Modelle.
Goldman Sachs schätzt, dass der HBM-Bedarf für Custom-ASICs 2026 um 82 Prozent wächst und dann ein Drittel des Gesamtmarkts ausmacht. Bank of America sieht den HBM-Markt 2026 bei 54,6 Milliarden Dollar, ein Plus von 58 Prozent. Nvidia ist damit nicht mehr der einzige Treiber, sondern einer von mehreren.
Micron hat das Produkt, jetzt braucht es die Kunden
In Q1 2026 startete Micron die Massenproduktion seines 36-Gigabyte-12-High-HBM4-Chips für Nvidias Vera-Rubin-Plattform. Mehr als 2,8 Terabyte Bandbreite pro Sekunde, über 20 Prozent bessere Energieeffizienz als das HBM3E-Vorgängerprodukt. Qualifizierungsmuster des 48-Gigabyte-16-High-Chips wurden bereits an mehrere Kunden verschickt. Micron selbst sagt, die Nachfrage nach HBM3E und HBM4 für 2027 und 2028 übersteige bereits das verfügbare Angebot. Es bleibt ein Verkäufermarkt, zumindest vorerst.
Counterpoint beziffert Microns HBM-Umsatzanteil in Q1 2026 auf 21 Prozent, was ziemlich genau dem breiteren DRAM-Marktanteil des Unternehmens entspricht. Microns eigene Zielvorgabe lautet: HBM-Anteil auf Höhe des DRAM-Anteils halten. Das ist schon fast erreicht.
Der fehlende Beweis
Hier liegt der Haken. Micron hat öffentlich keinen einzigen Produktionsauftrag von Amazon, Microsoft, Meta oder Google für HBM bestätigt. Google hat SK hynix als ersten HBM3E-Lieferanten für seine neueste TPU-Generation ausgewählt. Muster an mehrere Kunden zu schicken ist Fortschritt, aber kein Design-Win. Der erste namentlich bestätigte Nicht-Nvidia-Kunde wäre ein echter Wendepunkt, nicht nur symbolisch, sondern weil er zeigen würde, dass Micron im Custom-ASIC-Markt wettbewerbsfähig ist, dem Markt, der 2026 ein Drittel des gesamten HBM-Bedarfs ausmacht.
Was die Aktie wert ist
Bei einem Kurs von rund 849 Dollar sehen Analysten auf Basis des Geschäftsjahres 2029 ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 7,6. Das klingt günstig, aber der Konsens erwartet nach 2028 sinkende Gewinne, was diesen Wert aktuell verzerrt. Wer mit dem Zehnfachen der 2029er-Konsensschätzung rechnet, landet bei rund 1.125 Dollar je Aktie, etwa 30 Prozent über dem jetzigen Kursniveau. Das setzt nicht voraus, dass Micron SK hynix überholt. Es setzt voraus, dass Micron mindestens einen großen Custom-Kunden gewinnt und seinen HBM-Anteil nahe dem DRAM-Marktanteil hält.
Die Micron-Aktie hat in den vergangenen 30 Tagen rund 17 Prozent verloren, liegt aber auf Jahressicht noch immer mit fast 200 Prozent im Plus. Der Markt scheint gerade nicht sicher zu sein, welche Geschichte hier eigentlich erzählt wird. Die Antwort kommt spätestens, wenn Micron den ersten Nicht-Nvidia-HBM4-Kunden beim Namen nennt.
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