Ein Börsengang in Shanghai schickt Micron auf Talfahrt. Die Aktie schließt bei 790,40 Euro und verliert binnen sieben Tagen fast neun Prozent. Der Auslöser sitzt tausende Kilometer entfernt: ChangXin Memory Technologies, kurz CXMT, will an die Börse.
CXMT sammelt 8,5 Milliarden Dollar ein
CXMT plant einen Börsengang am Shanghaier STAR Market. Das Unternehmen will rund 8,5 Milliarden Dollar einsammeln, fast doppelt so viel wie ursprünglich geplant. Die implizite Marktbewertung liegt bei über 80 Milliarden Dollar. Der Handelsstart ist für den 27. Juli angesetzt.
Was Anleger wirklich beunruhigt, ist das Tempo des Aufstiegs. CXMT hat sich laut Counterpoint Research binnen eines Jahres zum viertgrößten DRAM-Hersteller der Welt hochgearbeitet. Der Marktanteil verdreifachte sich im ersten Quartal auf etwa acht Prozent. Micron liegt mit rund 22 Prozent zwar noch klar vorn, doch die Richtung der Entwicklung sorgt für Nervosität.
In Dollar gerechnet war der Kurseinbruch drastisch. Micron verlor an einem einzigen Handelstag rund 94 Milliarden Dollar an Marktwert, mehr als die gesamte erwartete Bewertung von CXMT beim Debüt. Die Aktie fiel an der US-Börse um 8,4 Prozent auf 900,78 Dollar. Auch der Halbleiter-Short-ETF SOXS reagierte heftig und legte rund zehn Prozent zu.
Warum die Gefahr noch nicht akut ist
Ganz so bedrohlich, wie es der Kurssturz suggeriert, ist die Lage kurzfristig nicht. US-Sanktionen blockieren CXMT den Zugang zu den modernsten Chipfertigungsanlagen. Das Unternehmen kann deshalb weder problemlos US-Kunden beliefern noch High-Bandwidth-Memory für KI-Server in Bestqualität produzieren. Dieses Geschäft bleibt vorerst Micron und den beiden koreanischen Platzhirschen vorbehalten.
Trotzdem drückt mehr chinesisches Standard-DRAM langfristig auf die Preise der gesamten Branche. Micron erzielt den Großteil seines Umsatzes genau in diesem Segment, HBM eingeschlossen. Bemerkenswert: Apple testet bereits CXMT-Chips für Geräte, die in China verkauft werden. Der E-Auto-Hersteller Nio hat kürzlich eine Beteiligung von 23,3 Millionen Dollar an dem chinesischen Speicherchip-Hersteller offengelegt.
Donnie Teng, Halbleiter-Analyst bei Nomura, hält die Marktreaktion für überzogen. Die KI-Nachfrage und Cloud-Investitionen großer Tech-Konzerne würden den Markt auch mit CXMTs Kapitalspritze problemlos absorbieren, so seine Einschätzung. Die eigentliche Sorge betreffe künftige Lieferkapazitäten, nicht das laufende Quartal von Micron.
Wall Street bleibt trotz Kursrutsch optimistisch
Die Analysten-Gemeinde hat ihre Einschätzung zu Micron kaum verändert. KeyBanc-Analyst John Vinh hob sein Kursziel sogar von 1.600 auf 1.750 Dollar an. Er rechnet im dritten Quartal mit einem DRAM-Preisanstieg von 15 bis 20 Prozent, im vierten Quartal soll ein weiteres Plus von 15 Prozent folgen.
Die Geschäftszahlen stützen diesen Optimismus. Im dritten Geschäftsquartal 2026 erzielte Micron einen Umsatz von 41,46 Milliarden Dollar, ein Plus von 346 Prozent zum Vorjahr. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 25,11 Dollar, die GAAP-Bruttomarge bei 85 Prozent. Für das vierte Geschäftsquartal erwartet das Management einen Umsatz von 50 Milliarden Dollar, mit einer Schwankungsbreite von einer Milliarde Dollar in beide Richtungen.
Die Nervosität bleibt trotzdem hoch. Auf der Prognoseplattform Polymarket sahen Trader zuletzt eine 99-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass die Micron-Aktie am 15. Juli tiefer schließt. 72 Prozent der Teilnehmer rechneten damit, dass der Kurs im Juli die Marke von 840 Dollar berührt.
Der Kursverfall hat bereits deutliche Spuren hinterlassen. Vom 52-Wochen-Hoch bei 1.103,80 Euro, erreicht Ende Juni, liegt die Aktie inzwischen 28,4 Prozent entfernt. Der RSI von 43,9 signalisiert keine Überverkauft-Situation, die annualisierte 30-Tage-Volatilität von rund 111 Prozent zeigt aber, wie nervös der Markt aktuell handelt. Zum Vergleich: Vom 52-Wochen-Tief bei 90,64 Euro aus dem vergangenen August hat sich der Kurs mehr als verachtfacht.
Der nächste Testpunkt für die Aktie ist absehbar. Beim Bericht zum vierten Geschäftsquartal 2026 muss das Management erklären, wie belastbar die Umsatzprognose von 50 Milliarden Dollar angesichts eines größeren CXMT bleibt. Die erste echte Antwort auf die Preisfrage für das Kalenderjahr 2027 dürfte dann fallen.
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