Merck KGaA greift tief in die Tasche — und zwar nicht für einen neuen Wirkstoff, sondern für die Werkzeuge dahinter. Der Darmstädter DAX-Konzern übernimmt den US-Laborspezialisten Bio-Techne für 73 Dollar je Aktie in bar, was einem Unternehmenswert von rund 11,3 Milliarden Dollar entspricht. Es ist der größte Zukauf seit der Sigma-Aldrich-Übernahme 2015.
Werkzeuge statt Wirkstoffe
Bio-Techne aus Minneapolis stellt Reagenzien, Proteine und Antikörper her, die in Forschungslaboren und bei Arzneimittelherstellern täglich gebraucht werden. Einmal in Arbeitsabläufe integriert, werden diese Verbrauchsmaterialien immer wieder nachbestellt — ein planbares, margenstabiles Geschäft. Genau das fehlt Mercks Life-Science-Sparte, die nach dem Corona-Boom unter einem Nachfrageknick litt und sich erst langsam erholt.
CEO Kai Beckmann, der erst seit Anfang Mai an der Konzernspitze steht, nennt den Deal einen „Meilenstein“. Bio-Techne bringe mehr als 6.000 Proteine und 5.000 Antikörper ins Portfolio — und stärke Merck insbesondere in der biologischen Forschung sowie in Wachstumsfeldern wie Zell- und Gentherapien.
Was der Preis verrät
Günstig ist der Einstieg nicht. Der Kaufpreis entspricht rund dem Zehnfachen des Jahresumsatzes von Bio-Techne, der im Geschäftsjahr 2025 die Marke von 1,2 Milliarden Dollar überschritt. Der kommunizierte Aufschlag von 36 Prozent bezieht sich auf den volumengewichteten Monatsdurchschnitt — gegenüber dem Vortagesschlusskurs waren es wegen eines vorherigen Kursanstiegs nur rund 24 Prozent.
Finanziert wird die Transaktion aus Barmitteln und neuen Krediten, ohne das Investment-Grade-Rating zu gefährden. Jährliche Kostensynergien von rund 140 Millionen Euro erwartet Merck allerdings erst ab dem dritten Jahr nach Vollzug. Den positiven Ergebnisbeitrag je Aktie ebenfalls. Bis dahin trägt der Zukauf eher zur Größe als zum Gewinn bei — das dürfte erklären, warum die Merck-Aktie zunächst ins Minus rutschte, sich dann aber stabilisierte und rund 1,3 Prozent zulegte.
Offene Hürden bis zum Abschluss
Abgeschlossen ist nichts. Noch müssen Kartellbehörden und die Aktionäre von Bio-Techne dem Deal zustimmen. Merck rechnet mit einem Vollzug Ende 2026 oder Anfang 2027. Dass Bio-Techne vorbörslich bei rund 71 Dollar notierte — also noch unter dem Angebotspreis von 73 Dollar — zeigt, dass der Markt Genehmigungsrisiken und Wartezeit einpreist. Merck wies in seiner Mitteilung ausdrücklich auf die Möglichkeit konkurrierender Gebote hin.
Erst wenn die Freigaben vorliegen und der Vollzug gesichert ist, zeigt sich, ob Beckmanns erster großer Strategiezug die versprochenen Erträge tatsächlich liefert.
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