Am Vorabend des Zwischenberichts für das zweite Quartal steht der Stuttgarter Automobilkonzern Mercedes-Benz im Fokus der Anleger. Während am morgigen Dienstag die Bilanz für das abgelaufene Jahresviertel präsentiert wird, sieht sich das Unternehmen mit einer komplexen Mischung aus operativen Fortschritten in Europa, Absatzschwierigkeiten im wichtigen chinesischen Markt und einer grundlegenden Anpassung der Markenstrategie konfrontiert.
Erwartungen an den Zwischenbericht und das Van-Geschäft
Für den morgigen Dienstag rechnen Analysten im Konsens mit einer deutlichen Gewinnsteigerung. Der Gewinn je Aktie wird bei 1,26 Euro erwartet, nachdem dieser im Vorjahreszeitraum bei 0,95 Euro gelegen hatte. Der Quartalsumsatz wird auf 31,88 Milliarden Euro geschätzt. Die Aktie reagierte im heutigen Handel positiv auf die bevorstehenden Zahlen und notiert bei 45,09 Euro, was einem Plus von 1,11 Prozent entspricht.
Besondere Impulse kommen Medienberichten zufolge aus dem Geschäft mit leichten Nutzfahrzeugen. Das Wachstum in der Van-Sparte wird am oberen Rand der Prognosespanne von 8 bis 10 Prozent gesehen, was die Profitabilität des Gesamtkonzerns stützen dürfte. Dennoch belastet die schwache Performance der vergangenen Monate das Papier, das seit Jahresbeginn einen Kursverlust von 25,22 Prozent verzeichnet.
Absatzeinbruch in China und neue Produktstrategie
Überschattet wird die Erwartung an die Quartalszahlen von Berichten über einen massiven Absatzmisserfolg in China. Das speziell für diesen Markt entwickelte Modell CLA L konnte im ersten Halbjahr lediglich 627 verkaufte Einheiten erzielen. Laut Auto Motor und Sport wurden im Juni für dieses Modell sogar überhaupt keine Neuzulassungen mehr registriert. Dies erhöht den Druck auf die Stuttgarter, ihre Position im größten Automobilmarkt der Welt zu stabilisieren.
Parallel dazu vollzieht Mercedes-Benz einen strategischen Kurswechsel bei der Markenführung. Der Konzern streicht die eigenständige Submarke „EQ“ für Elektroautos. Künftige Modelle sollen wieder in die Kernbaureihen integriert werden und lediglich durch den Zusatz „Elektrisch“ gekennzeichnet sein. Ein erstes Beispiel für diese neue Logik zeigt sich am kommenden Mittwoch: Bei der Weltpremiere des neuen GLA wird das Fahrzeug sowohl mit Verbrennungsmotor als auch als „GLA Electric“ vorgestellt, der die Nachfolge des bisherigen EQA antritt.
US-Regulierung und unterschiedliche Analystenbewertungen
Auch auf politischer Ebene sieht sich der Konzern mit Herausforderungen konfrontiert. Ein US-Senatsausschuss hat einen Gesetzentwurf vorangetrieben, der vernetzte Fahrzeuge mit einer chinesischen Beteiligung von mehr als 15 Prozent verbieten könnte. Mercedes-Benz verwies zur Risikominderung darauf, dass die Anteile der chinesischen Großaktionäre BAIC und Li Shufu jeweils unter der 10-Prozent-Marke liegen. Unterdessen gab es Bewegungen im Aktionariat: BlackRock meldete eine leichte Reduzierung der Stimmrechtsanteile auf 4,92 Prozent.
Die Einschätzungen der Analysehäuser zum weiteren Potenzial der Aktie gehen derzeit weit auseinander. Während Philippe Houchois von Jefferies Mitte Juli die Einstufung auf „Buy“ beließ, aber das Kursziel auf 52,00 Euro senkte, zeigt sich die Deutsche Bank deutlich optimistischer. Analyst Tim Rokossa bestätigte am 16. Juli ein Kursziel von 74,00 Euro. Bernstein Research ordnet das Papier mit einem Ziel von 61,00 Euro dazwischen ein und stuft den Wert als „Market-Perform“ ein. Neben den neuen Kompaktmodellen setzt der Konzern weiterhin auf das Luxussegment: Ende dieses Monats ist die Markteinführung des überarbeiteten Mercedes-Maybach GLS in Europa geplant, der mit einem 603 PS starken V8-Biturbo und Mildhybrid-Technik ausgestattet ist.
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