Ein Umsatzsprung von 50 Prozent, ein neuer Bestwert von über zehn Milliarden Dollar, und trotzdem stürzte die Aktie einen Tag nach den Zahlen um sechs Prozent ab. Der lateinamerikanische E-Commerce- und Fintech-Riese MercadoLibre lieferte im zweiten Quartal starkes Wachstum, doch die schwächeren Margen verunsicherten viele Anleger. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt jedoch, dass die Geschichte komplexer ist, als der Kursrutsch vermuten lässt.
Wachstum auf breiter Front
Der Nettoumsatz kletterte im zweiten Quartal um 50 Prozent auf 10,17 Milliarden Dollar, das schnellste Tempo seit vier Jahren. Das Handelsgeschäft wuchs ebenfalls um 50 Prozent, angetrieben von Brasilien als wichtigstem Markt. Das Fintech-Segment rund um Mercado Pago legte um 49 Prozent zu und zählt inzwischen 88 Millionen aktive Nutzer. Das Kreditportfolio überschritt 16 Milliarden Dollar. Auch das Werbegeschäft glänzte mit einem Zuwachs von 73 Prozent im Jahresvergleich. Das Unternehmen übertraf sowohl beim Umsatz als auch beim Gewinn je Aktie die Erwartungen des Marktes.
Der Streitpunkt heißt Marge
Genau hier setzt die Skepsis der Anleger an. Die operative Marge sank auf 6,7 Prozent, das Nettoergebnis ging um elf Prozent auf 466 Millionen Dollar zurück. Doch der Druck stammt größtenteils aus einer bewussten Entscheidung des Managements. In Brasilien senkte MercadoLibre die Schwelle für kostenlosen Versand deutlich ab, was die Zahl der verkauften Artikel um 56 Prozent nach oben trieb. Die Konversionsrate stieg, und Kunden kauften häufiger. Beobachter deuten die Margenschwäche daher nicht als Schwäche des Geschäfts, sondern als Investition in künftiges Wachstum und Kundenbindung.
MercadoLibre Aktie Chart
Ein Ökosystem, das enger zusammenwächst
Ein oft übersehener Punkt der Zahlen betrifft die Verzahnung der beiden Geschäftsbereiche. Kunden, die sowohl den Marktplatz als auch Mercado Pago nutzen, wuchsen um 37 Prozent gegenüber dem Vorquartal und damit schneller als die einzelnen Nutzergruppen. Solche Kunden gelten als loyaler und wertvoller. Auch die Qualität des Kreditbuchs verbesserte sich, die relevante Kennziffer NIMAL (Nettozinsmarge nach Verlusten) erholte sich auf 20,7 Prozent.
Analysten sehen in einem konservativen Modell rund 24 Prozent Kurspotenzial. Belastungsfaktoren bleiben die schwache Nachfrage in Argentinien, Steuerreformen in Mexiko und Brasilien sowie die brasilianischen Wahlen. Ob die kurzfristige Margenschwäche ein Warnsignal ist oder die Saat für einen langfristigen Vorsprung, darüber gehen die Meinungen weit auseinander.
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