Ein Kursziel rauf, eines runter – und mittendrin ein Vorstandschef, der eigene Aktien verkauft. Wer aus den jüngsten Signalen rund um Marvell Technology eine klare Richtung ablesen will, muss sich entscheiden, welchem Signal er traut. Für mich überwiegt trotz der Nervosität am Markt die strukturelle Story.
Die Kurszielsenkung passt nicht zu den Zahlen
Am gestrigen Montag gab die Marvell-Aktie um 2,7 Prozent nach, nachdem B. Riley Financial sein Kursziel von 345 auf 315 Dollar gesenkt hatte – bei unverändertem Kaufvotum. Das ist bemerkenswert, denn erst wenige Tage zuvor, am 28. August, hatte Wells Fargo sein Ziel nach den Quartalszahlen von 240 auf 310 Dollar angehoben, ebenfalls mit Kaufempfehlung.
Zwei Häuser, zwei fast identische neue Zielmarken – nur die Richtung der Bewegung unterscheidet sich. Für mich liest sich das weniger als fundamentale Neubewertung denn als Justierung nach einer Rally, die die Aktie laut den vorliegenden Marktdaten binnen zwölf Monaten um 234 Prozent nach oben getragen hat.
Die Geschäftszahlen selbst geben wenig Anlass zur Sorge. Marvell meldete für das zweite Fiskalquartal 2027 einen Rekordumsatz von 2,739 Milliarden Dollar, ein Plus von 37 Prozent gegenüber dem Vorjahr, und übertraf mit einem Non-GAAP-Gewinn je Aktie von 0,94 Dollar die Konsensschätzung von 0,93 Dollar knapp.
Das Data-Center-Segment wuchs sogar um 46 Prozent auf 2,17 Milliarden Dollar. Das Management hob zudem den Umsatzausblick für das laufende Fiskaljahr auf rund 12 Milliarden Dollar an, für das Fiskaljahr 2028 werden 18 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt. Wer diese Dynamik sieht, versteht, warum Roth Capital bereits am 20. August sein Kursziel von 350 Dollar bekräftigt hatte.
Der Google-Warrant ist Chance und Belastung zugleich
Der eigentliche Knackpunkt für mich liegt im ausgeweiteten Custom-Silicon-Abkommen mit Alphabet. Google erhält darin einen Warrant auf bis zu 58,97 Millionen Marvell-Aktien, etwa sechs bis sieben Prozent aller ausstehenden Anteile, gebunden an Umsatzmeilensteine bis ins Fiskaljahr 2033. Das ist ein enormes Vertrauenssignal eines Hyperscalers – aber Medienberichten zufolge sorgte parallel die Offenlegung, dass materielle Umsätze aus dieser erweiterten Vereinbarung erst ab Fiskaljahr 2029 anfallen dürften, für Ernüchterung. Der Markt muss sich also gedulden, während die Bewertung schon heute Zukunftsfantasie einpreist.
Genau hier setzt auch die kritischste Stimme an: Ein Analyst von Deep Value Investing stufte die Aktie am 26. August von Kaufen auf Halten zurück und verwies auf ein „ungünstiges Makroumfeld“ sowie ein KGV auf Basis künftiger Gewinne von 58 – trotz der als bullish eingestuften Google-Partnerschaft.
Diese Einschätzung ist inzwischen mehr als eine Woche alt, doch das dahinterliegende Argument bleibt für mich diskussionswürdig: Eine hohe Bewertung ist kein Kaufsignal, aber auch kein Beweis für Überhitzung, solange das Umsatzwachstum mithält.
Etwas Bauchgrimmen bereitet mir der Insiderverkauf von Vorstandschef Matthew J. Murphy, der am 17. August 7.500 Aktien zu einem Durchschnittskurs von 236,08 Dollar veräußerte, ein Gegenwert von 1.770.600 Dollar.
Einzelne Verkäufe von Führungskräften sind für sich genommen selten aussagekräftig, doch sie passen in ein Bild, in dem institutionelle Anleger wie Churchill Financial Advisors zuletzt gegenläufig handelten und ihre Position um 19,5 Prozent auf knapp 20.000 Aktien aufstockten.
Unterm Strich
Für mich überwiegt die operative Substanz die kurzfristige Nervosität. Die Zahlen liefern, der Ausblick wurde angehoben, und der Google-Deal ist strategisch bedeutsam – auch wenn er erst ab 2029 Kasse macht. Die Kurszielsenkung von B. Riley wirkt angesichts der parallelen Anhebung durch Wells Fargo eher wie Rauschen als wie ein Warnsignal.
Entscheidend dürfte sein, wie das Management beim Investor Day am 6. Oktober die lange Wartezeit bis zu den Google-Umsätzen erklärt. Bis dahin bleibt die Aktie ein Fall für Anleger mit langem Atem und robusten Nerven angesichts einer annualisierten Volatilität von 88 Prozent.
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