Auf der europäischen Fachmesse ECOC in Málaga demonstriert Marvell dieser Tage, wie die nächste Generation der künstlichen Intelligenz vernetzt werden soll. Die Vorstellung von optischen 2nm-Technologien markiert zweifellos einen bemerkenswerten ingenieurtechnischen Schritt.
Gleichzeitig offenbart die Präsentation für mich eine deutliche zeitliche Kluft zwischen technologischer Machbarkeit und kommerziellem Ertrag. Anleger, die auf schnelle Umsatzschübe hoffen, dürften Geduld brauchen: Bis die neuen Komponenten in großem Stil Rechenzentren beschleunigen, vergehen noch Jahre.
Technologischer Durchbruch gegen den Bandbreiten-Kollaps
Dass Marvell handeln muss, steht außer Frage. In modernen Hochleistungs-Clustern entwickelt sich die optische Verbindung zwischen Rechenknoten zunehmend zum kritischen Nadelöhr. Die gezeigten 38 Demonstrationen setzen genau an dieser Schwachstelle an.
Mit optischem 400G-pro-Lane PAM4 ebnet Marvell den Weg von aktuellen 1,6T- zu künftigen 3,2-Terabit-Verbindungen. Ergänzt wird die Roadmap durch steckbare 800G-Module mit MACsec-Verschlüsselung, angetrieben vom Libra-Signalprozessor, sowie einer 102,4-Terabit-Plattform für Co-Packaged Optics.
Xi Wang aus dem Marvell-Management betonte treffend, dass diese Demos die Grenzen des optisch Machbaren verschieben sollen, um Cloud-Anbietern bei Skalierung und Effizienz zu helfen. Die Stoßrichtung stimmt: Die Skalierung auf Strukturbreiten von zwei Nanometern soll die Leistungsaufnahme pro Bit senken und verhindern, dass der Energiebedarf moderner Server-Racks explodiert.
Aus meiner Sicht beweist Marvell damit erneut eine beachtliche Innovationskraft. Das Unternehmen knüpft nahtlos an frühere Architekturen wie den 5nm-DSP Nova und die 3nm-Generation Ara an.
Der weite Weg bis zur Marktreife
Die Begeisterung der Ingenieure darf jedoch nicht über die betriebswirtschaftliche Realität hinwegtäuschen. Marvell selbst stellt einen produktiven Einsatz der neuen 2nm-Lösungen erst für das Jahr 2028 in Aussicht. Entscheidende Parameter bleiben vorerst unbeantwortet: Weder zu Fertigungsausbeuten noch zu optischen Reichweiten, thermischen Budgets oder gar konkreten Preisen und Abnahmeverträgen machten die Verantwortlichen Angaben.
Zudem steht Marvell im Markt für Hochgeschwindigkeits-Konnektivität nicht allein da. Konkurrenten wie Broadcom und Coherent treiben eigene Architekturen für optische Schnittstellen mit hohem Nachdruck voran. Ein technologischer Vorsprung im Labor garantiert im hart umkämpften Halbleitersektor keineswegs automatisch dauerhafte Marktanteile. Bis 2028 kann sich das Wettbewerbsgefüge noch spürbar verschieben.
Hohe Erwartungen treffen auf anspruchsvolle Bewertung
Die operative Basis präsentiert sich derzeit zwar robust. Im zweiten Quartal steigerte Marvell den Umsatz um 36,5 Prozent im Jahresvergleich auf 2,74 Milliarden US-Dollar und übertraf mit einem bereinigten Gewinn von 0,94 US-Dollar je Aktie die Prognosen leicht.
Analyst Joseph Moore von Morgan Stanley hob vor dem anstehenden Investorentag am 6. Oktober das Kursziel von 246 auf 268 US-Dollar an und verwies auf Chancen bei maßgeschneiderten Halbleitern in Kooperation mit Google.
Am Markt ist der technologische Optimismus jedoch zu weiten Teilen bereits eingepreist. Seit Jahresanfang verzeichnet die Aktie ein massives Plus von 206%. Aktuell notiert das Papier bei 222,95 Euro und liegt damit rund 23% unter seinem 52-Wochen-Hoch.
Unterm Strich liefert Marvell in Málaga den überzeugenden Beweis, dass das Unternehmen bei optischer Vernetzung technologisch ganz vorne mitspielt. Doch für mich überwiegen auf dem aktuellen Bewertungsniveau die Risiken einer zeitlichen Verzögerung: Zwischen einer erfolgreichen Messe-Demonstration und dem tatsächlichen Hochlauf vergehen fast zwei Jahre. Solange handfeste Kundenaufträge fehlen, speist sich der jüngste Kursaufschwung vor allem aus Vorschusslorbeeren.
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