Lufthansa vor der Herbstprobe: Kann die Aktie die Gewinnwarnung abschütteln?

Lufthansa kämpft mit gesenkter Prognose und hohen Kosten. Schlichtung mit Piloten und möglicher DAX-Aufstieg könnten die Aktie stützen.

Auf einen Blick:
  • Jahresprognose wegen Treibstoffkosten gesenkt
  • Schlichtungsverfahren mit Piloten gestartet
  • Starlink-Ausbau in der Flotte geplant
  • DAX-Entscheid im September erwartet

Ausgangslage

Lufthansa steckt in einer Phase, in der sich mehrere Entwicklungen überlagern. Nach den schwachen Zahlen zum zweiten Quartal, die am 4. August veröffentlicht wurden, hat der Konzern seine Jahresprognose gesenkt: Das bereinigte EBIT 2026 soll nun zwischen 1,7 und 2,2 Milliarden Euro liegen, statt wie zuvor in Aussicht gestellt deutlich über 1,96 Milliarden Euro.

Grund waren rund 750 Millionen Euro höhere Treibstoffkosten und mindestens 150 Millionen Euro Streikbelastung im zweiten Quartal, während das bereinigte EBIT von 870 auf 383 Millionen Euro einbrach – trotz eines Umsatzplus von 8 Prozent auf 11,1 Milliarden Euro.

Der Kurs bleibt seither unter Druck. Am gestrigen Donnerstag verlor die Aktie 2,1 Prozent und schloss bei 7,72 Euro, womit sie inzwischen 25 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 10,27 Euro notiert.

Genau jetzt zählt diese Konstellation, weil sich in den kommenden Wochen mehrere Weichen stellen: die Tarifsituation mit den Piloten, ein möglicher DAX-Aufstieg im September und die Frage, ob operative Fortschritte wie die Starlink-Einführung die fundamentalen Sorgen aufwiegen können.

Die entscheidende Frage

Im Kern geht es um eine Kennzahl: die Kostenseite. Die Gewinnwarnung wurde nicht durch schwache Nachfrage ausgelöst – der Umsatz wuchs –, sondern durch explodierende Treibstoffkosten und Streikfolgen. Für Anleger bedeutet das: Solange Lufthansa diese Kostenblöcke nicht in den Griff bekommt, bleibt jede Umsatzentwicklung zweitrangig.

Die Liquidität von 10,7 Milliarden Euro gibt dem Konzern zwar Spielraum, doch sie löst das strukturelle Problem der Margenerosion nicht. Die zentrale Frage lautet deshalb: Gelingt es dem Management, die Kostenbasis zu stabilisieren, bevor weitere externe Schocks – etwa neue Tarifkonflikte oder ein erneuter Anstieg der Kerosinpreise – die gesenkte Prognose erneut infrage stellen?

Bullisches Szenario

Für eine Stabilisierung spricht zunächst die Tarifentwicklung. Am 11. August einigten sich Lufthansa und die Vereinigung Cockpit auf ein umfassendes Schlichtungsverfahren mit Mediation für Lufthansa, Lufthansa Cargo, Lufthansa Cityline und Eurowings.

Die Pilotenvereinigung signalisierte danach, dass vorerst keine weiteren Streiks zu erwarten seien. Sollte das Schlichtungsverfahren tatsächlich zu einer tragfähigen Einigung führen, entfiele einer der beiden Belastungsfaktoren aus dem zweiten Quartal dauerhaft.

Hinzu kommt operative Substanz jenseits der Zahlenwelt: Am Mittwoch startete mit einem Flug von Frankfurt nach Rom der erste Einsatz von Starlink-Internet an Bord einer Lufthansa-Maschine, kostenfrei für Miles-&-More-Mitglieder. Bis Jahresende sollen bis zu zehn weitere Flugzeuge ausgestattet werden, langfristig bis 2029 die gesamte Flotte von rund 850 Maschinen.

Ein verbessertes Bordprodukt kann die Markenwahrnehmung stärken, auch wenn es kurzfristig kaum Ergebniswirkung entfaltet. Strategisch bleibt zudem das Gebot für TAP Air Portugal bei der portugiesischen Investmentgesellschaft Parpública ein Signal, dass Lufthansa trotz Gewinnwarnung expansiv denkt. Ein möglicher DAX-Aufstieg im September würde zusätzlich passive Kaufströme auslösen.

Bärisches Szenario

Die Gegenseite wiegt schwer. Mehrere Analysehäuser haben ihre Kursziele in den vergangenen Tagen deutlich gesenkt: Barclays reduzierte sein Ziel am 19. August von 7,75 auf 7,50 Euro und bestätigte die Einstufung „Underweight“. Damit bleibt die Skepsis der Bank aktuell und ausdrücklich negativ.

Die charttechnische Lage untermauert diese Vorsicht: Der Kurs notiert mit -14 Prozent klar unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 8,97 Euro, ein Zeichen dafür, dass die kurzfristige Dynamik weiterhin abwärts gerichtet ist.

Operativ kommen Unsicherheitsfaktoren hinzu. Am 17. August setzte ein Airbus A380 aus San Francisco auf dem Flughafen München zu früh auf der Landebahn auf, mit Schäden an Befeuerungsanlage und Reifen – alle 351 Passagiere blieben unverletzt, doch solche Vorfälle werfen Fragen zur operativen Verlässlichkeit auf.

Zudem bleibt das Schlichtungsverfahren mit der Pilotengewerkschaft ein laufender Prozess ohne garantiertes Ergebnis: Ein Scheitern der Mediation könnte neue Streikrisiken reaktivieren. Die strukturelle Herausforderung durch Treibstoffkosten ist ohnehin kaum vom Unternehmen selbst steuerbar.

Ausblick

Die Lage bleibt zweigeteilt. Solange das Schlichtungsverfahren mit der Vereinigung Cockpit hält und keine neuen Streiks anlaufen, dürfte sich der Kostendruck bei Lufthansa graduell entspannen – ein Umfeld, in dem die gesenkte Prognose von 1,7 bis 2,2 Milliarden Euro EBIT realistisch erreichbar erscheint.

Kippt die Mediation jedoch, oder ziehen die Treibstoffkosten erneut an, dürfte die Skepsis der Analysten, wie sie Barclays mit dem gesenkten Kursziel und der „Underweight“-Einstufung zum Ausdruck bringt, weitere Nahrung erhalten.

Der nächste konkrete Prüfstein ist der DAX-Entscheid im September, der über eine mögliche Rückkehr Lufthansas in den Leitindex befindet. Parallel dazu wird der Ausgang des Schlichtungsverfahrens mit den Piloten zeigen, ob der Konzern eine der beiden Hauptbelastungen aus dem zweiten Quartal tatsächlich abstellen kann. Die Quartalszahlen zum dritten Quartal, deren Termin noch nicht feststeht, dürften dann erstmals zeigen, ob die gesenkte Jahresprognose Bestand hat.

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