Lenzing hat im ersten Halbjahr 2026 einen Nettogewinn von 35,6 Millionen Euro erzielt und damit den Vorjahreswert von 15,2 Millionen Euro mehr als verdoppelt. Das EBITDA lag bei 239,2 Millionen Euro, der Umsatz erreichte 1,27 Milliarden Euro.
Auch der Free Cashflow verbesserte sich deutlich auf 45,8 Millionen Euro. Die Zahlen stammen aus der Unternehmensmitteilung vom 5. August und fallen in eine Phase, in der der Faserhersteller gleichzeitig sein Geschäftsmodell neu ausrichtet und massiv Kapital aufnimmt.
Am Kapitalmarkt kommt die operative Erholung bislang kaum an. Die Aktie schloss am Dienstag bei 22,60 Euro, nach einem Minus von 1,3 Prozent binnen eines Tages.
Auf Sicht von 30 Tagen steht ein Rückgang von 4,2 Prozent zu Buche, der Kurs notiert damit rund 5,4 Prozent unter seinem 50-Tage-Durchschnitt von 23,88 Euro. Zum 52-Wochen-Hoch von 29,75 Euro klafft weiterhin eine Lücke von 24 Prozent.
Strategiewechsel als Hintergrund der Zahlen
Der verbesserte Gewinn fällt zusammen mit einem grundlegenden Umbau, den Lenzing Ende Juli unter dem Namen „Grow Nonwovens, Reset Textiles“ beschlossen hat. Das Vliesstoffgeschäft soll organisch wachsen, das Textilgeschäft sich auf Premium-Segmente konzentrieren, während Zellstoff- und Bioraffineriegeschäft gestärkt werden sollen.
Begleitet wird diese Neuausrichtung von einer Standortkonsolidierung: Die Faserproduktion in Heiligenkreuz im Burgenland läuft bis Ende des Jahres aus, jene in Grimsby in England bis Ende 2027. Konzernweit sollen bis Ende 2027 rund 2.000 Arbeitsplätze wegfallen – vor gut sechs Wochen bekanntgegeben, seither hat die Aktie rund 3,4 Prozent verloren.
Diese Einschnitte schlagen sich auch in der Bilanz nieder. Für 2026 rechnet Lenzing mit Wertminderungen auf Sachanlagen von bis zu 150 Millionen Euro, die zwar das EBIT und das Konzernergebnis belasten, das EBITDA aber unberührt lassen. Hinzu kommen Restrukturierungsrückstellungen für Personalmaßnahmen von bis zu 40 Millionen Euro, die direkt ins EBITDA 2026 einfließen.
Vor diesem Hintergrund wirkt der Halbjahresgewinn als Signal, dass das operative Geschäft die Last des Umbaus bislang trägt, ohne selbst einzubrechen.
Kapitalerhöhung und personelle Weichenstellungen
Erst gestern hatte eine außerordentliche Hauptversammlung eine Kapitalerhöhung um rund 300 Millionen Euro unter Wahrung des gesetzlichen Bezugsrechts beschlossen. Zusammen mit einer Fremdfinanzierung von weiteren 300 Millionen Euro soll damit ein Gesamtvolumen von 600 Millionen Euro bereitstehen.
Die Kapitalerhöhung muss spätestens bis zum 25. Februar 2027 durchgeführt werden. Bereits Ende Juli hatte Lenzing zudem neue Finanzierungsvereinbarungen über bis zu 300 Millionen Euro angekündigt und Laufzeiten bestehender Verbindlichkeiten bis 2030 verlängert.
Auf derselben Hauptversammlung wurde auch personell nachjustiert: Martin Seiter zieht neu in den Aufsichtsrat ein und folgt auf Franz Gasselsberger, der sein Mandat auf eigenen Wunsch zurückgelegt hatte. Für den Standort Heiligenkreuz sucht Vorstandschef Georg Kasperkovitz nach eigenen Worten einen neuen Eigentümer, ein Verkaufsprozess könne „erfahrungsgemäß binnen einiger Monate“ abgeschlossen sein.
Für Anleger bleibt die Gemengelage anspruchsvoll: Ein deutlich verbessertes Halbjahresergebnis trifft auf laufende Restrukturierungskosten, eine bevorstehende Verwässerung durch die Kapitalerhöhung und einen Aktienkurs, der sich seit Jahresbeginn um 2,8 Prozent im Minus bewegt. Ob die operative Stärke ausreicht, um die Kapitalmarktskepsis zu drehen, dürfte sich erst an künftigen Quartalszahlen zeigen.
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