Der oberösterreichische Faserhersteller Lenzing schlägt einen tiefgreifenden Sanierungskurs ein, um seine Bilanzstruktur zu festigen und das operative Geschäft neu auszurichten. Unter der Leitung des neuen Vorstandsvorsitzenden Georg Kasperkovitz, der sein Amt Anfang Juni angetreten hat, kündigte das Unternehmen am Montag ein umfangreiches Maßnahmenpaket an. Die Strategie mit dem Namen „Grow Nonwovens, Reset Textiles“ sieht neben einer Kapitalspritze auch Standortschließungen vor, um auf die veränderten Marktbedingungen zu reagieren.
Kapitalspritze von 600 Millionen Euro zur Bilanzstärkung
Im Zentrum der finanziellen Neuordnung steht eine vollständig garantierte Kapitalerhöhung mit einem Volumen von bis zu 300 Millionen Euro. Dieses Vorhaben wird maßgeblich von den Kernaktionären gestützt. Ein Syndikat aus der B&C Gruppe und dem brasilianischen Konzern Suzano, das zusammen etwa 52,25 Prozent der Anteile hält, hat sich verpflichtet, die Kapitalmaßnahme mit bis zu 156,7 Millionen Euro zu begleiten. Zudem plant die Oberbank, die rund 3,86 Prozent der Anteile hält, eine Teilnahme in Höhe von bis zu 11,6 Millionen Euro. Der verbleibende Teil der Emission ist durch ein Bankenkonsortium abgesichert.
Flankiert wird die Kapitalerhöhung durch neue Finanzierungsvereinbarungen über weitere 300 Millionen Euro. Damit sichert sich Lenzing einen finanziellen Spielraum von insgesamt 600 Millionen Euro. Die endgültige Entscheidung über die Kapitalmaßnahme soll am 25. August im Rahmen einer außerordentlichen Hauptversammlung fallen. Bereits im Mai wurde die Partnerschaft mit Suzano S.A. formalisiert, nachdem der brasilianische Produzent 15 Prozent der Lenzing-Anteile übernommen hatte. Suzano verfügt zudem über eine Kaufoption für weitere 15 Prozent, die bis Ende 2028 ausgeübt werden kann.
Standortschließungen und strategischer Fokus
Der operative Umbau führt zu harten Einschnitten im Produktionsnetzwerk. Lenzing wird die Faserproduktion am österreichischen Standort Heiligenkreuz bis Ende des laufenden Jahres einstellen. Ein weiterer Rückzug ist für das Werk im britischen Grimsby geplant, das bis Ende 2027 geschlossen werden soll. Diese Standortkonsolidierungen sind Teil der Neuausrichtung, bei der das Vliesstoffgeschäft (Nonwovens) gestärkt und die Textilsparte restrukturiert wird.
Für das Geschäftsjahr 2026 rechnet das Unternehmen infolge dieser Entscheidungen mit erheblichen Belastungen. Es werden nicht zahlungswirksame Wertminderungen von bis zu 150 Millionen Euro erwartet. Trotz dieser einmaligen Effekte zeigen die vorläufigen Zahlen für das zweite Quartal 2026 eine operative Stabilisierung. Laut Reuters stieg das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) auf 123 Millionen Euro, nach 112 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Der Umsatz blieb mit 652 Millionen Euro stabil, während die Nettofinanzverschuldung zum Stichtag um 6 Prozent auf 1,36 Milliarden Euro reduziert werden konnte.
Kursentwicklung und anstehende Termine
An der Börse reagierten Anleger zuletzt verhalten auf die Nachrichten über die Verwässerung durch die geplante Kapitalerhöhung. Das Papier schloss am Freitag bei 23,40 Euro. Damit notiert der Wert aktuell 4,54 Prozent unter seinem 50-Tage-Durchschnitt von 24,51 Euro. Seit Jahresbeginn verzeichnet die Aktie ein leichtes Plus von 0,65 Prozent.
Bereits am kommenden Mittwoch wird das Unternehmen weitere Einblicke in die aktuelle Geschäftslage gewähren, wenn der detaillierte Halbjahresfinanzbericht für 2026 veröffentlicht wird. Neben den wirtschaftlichen Kennzahlen wird am Markt vor allem auf weitere Details zur Umsetzung des Sparprogramms und zur Integration der neuen Großaktionärin Suzano geachtet. Georg Kasperkovitz, der die Rolle des CEO in Personalunion mit seiner Funktion als Chief Operations Officer ausübt, steht vor der Aufgabe, die Profitabilität der Gruppe nachhaltig abzusichern und die Abhängigkeit von volatilen Textilmärkten zu verringern.
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