Es gibt Momente an der Börse, in denen sich Kurse und industrielle Realität berühren. Lenzing erlebt aktuell genau das. Die Aktie des oberösterreichischen Faserherstellers schießt rasant nach oben. Seit dem Tief im März kletterte das Papier um 48,20 Prozent. Allein in den vergangenen sieben Tagen gewann der Kurs 22,08 Prozent hinzu. Am Donnerstag markierte die Aktie mit 29,10 Euro ein neues 52-Wochen-Hoch.
Ein Preis als strategisches Signal
Ein zentraler Auslöser für die neue Fantasie war ein Preis. Lenzing gewann auf der INDEX-Messe in Genf einen wichtigen Award. Das Siegerprodukt ist ein spezielles Reinigungstuch aus regenerierter Zellulose. Es reinigt und saugt auf. Das Besondere: Es kommt komplett ohne fossile Zusätze aus.
Das klingt nach einer kleinen Produktmeldung. Der Kontext macht daraus aber ein klares Signal. Europa will raus aus dem Plastik. Politiker und Industrievertreter suchen in Brüssel händeringend nach biobasierten Alternativen. Sie wollen Europas wirtschaftliche Unabhängigkeit stärken. Lenzing liefert hier die passende Lösung. Das Unternehmen positioniert sich auf großen Messen gezielt als grüne Alternative zur Petrochemie.
Harte Sanierung zeigt Wirkung
Die aktuelle Kursrallye verdeckt fast die jüngere Vergangenheit. Lenzing kommt aus einer tiefen Krise. Im vergangenen Jahr verbuchte der Konzern einen Verlust von 135,2 Millionen Euro nach Steuern. Es war das vierte rote Jahr in Folge.
Die Antwort des Managements war ein hartes Sparprogramm. Zuvor verbuchte der Konzern erfolgreich Einsparungen im dreistelligen Millionenbereich. Der Abbau von rund 300 Stellen am Hauptsitz bringt ab dem kommenden Jahr jährlich 25 Millionen Euro. Weitere Effizienzschritte sollen bis Ende 2027 zusätzliche Millionenbeträge liefern.
Die operative Richtung stimmt wieder. Das operative Ergebnis stieg leicht auf 413,0 Millionen Euro. Die Marge verbesserte sich auf 15,9 Prozent. Ein offener Punkt bleibt die Führung. Nach dem Abgang von Rohit Aggarwal im Januar sucht Lenzing einen neuen Chef.
Heiß gelaufen oder fair bewertet?
Charttechnisch brennt bei Lenzing aktuell die Luft. Der RSI-Wert von 79,0 signalisiert einen stark überkauften Zustand. Erst Mitte Juni durchbrach die Aktie ihre 200-Tage-Linie. Dieser wichtige Durchschnitt liegt aktuell bei 24,17 Euro.
Mit rund einer Milliarde Euro Börsenwert drängt sich eine Frage auf: Bietet der Umbruch hin zu biobasierter Zellulose noch Raum für höhere Bewertungen? Für einen Vorreiter in diesem Sektor lässt dieses Niveau durchaus Spielraum. Synthetische Fasern verschwinden, biobasierte Alternativen übernehmen. Kurz gesagt: ein Strukturwandel.
Risiken bleiben bestehen. Der Iran-Konflikt verteuert Energie und Chemikalien. Das belastet die frischen Effizienzgewinne. Die Zellulosefaser glänzt aktuell auf den Messen Europas. Ob der Aktienkurs eine Zugabe verdient, entscheiden die kommenden Quartalszahlen.
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