Die Berichtssaison in den USA ist angelaufen und liefert bereits in der ersten Woche ein bemerkenswertes Bild: Während Technologie- und insbesondere Halbleiterwerte unter Druck gerieten, drehten die großen Indizes unterm Strich ins Plus. Getragen wurde diese Entwicklung von den großen Wall-Street-Banken, die mit außergewöhnlich starken Zahlen aufwarteten.
Rekordzahlen bei den US-Banken
JP Morgan überschritt im zweiten Quartal erstmals in der Firmengeschichte die Marke von 12 Milliarden Dollar im Handelsgeschäft, davon rund 6 Milliarden Dollar aus dem Handel mit Aktien. Goldman Sachs meldete rund 7,4 Milliarden Dollar aus dem Aktienhandel – das beste zweite Quartal der Firmengeschichte.
Der KBW-Bankenindex legte in zwei Monaten um über 17 Prozent zu, während sich der breite S&P 500 im gleichen Zeitraum mit rund 2 Prozent begnügen musste. Zusätzlichen Rückenwind lieferten schwächer als erwartet ausgefallene US-Erzeugerpreise, die die Erwartung an eine baldige Zinserhöhung dämpften.
Auf der anderen Seite sorgten Chipwerte für Achterbahnfahrten. Der Serverhersteller Dell legte am Dienstag rund 7 Prozent zu, getrieben von optimistischen Aussagen von IBM zu steigenden KI-Server-Investitionen, gab dann aber am Mittwoch rund 12 Prozent nach – auch als Reaktion auf schlecht aufgenommene IBM-Zahlen.
Apple auf Rekordhoch, UnitedHealth vor wichtigem Zahlentermin
Aus dem Technologiesektor stach vor allem Apple hervor. Die Aktie notiert auf einem neuen Rekordhoch und legte an einem Tag rund 4 Prozent zu – damit war Apple der stärkste Wert im Dow Jones. Auslöser war eine Entscheidung aus China: Die dortige Cyberspace-Behörde hat Apples generative Künstliche Intelligenz auf die Liste der neu zugelassenen Anbieter gesetzt. Damit fällt eine wichtige regulatorische Hürde für Apple Intelligence in einem der größten Smartphone-Märkte der Welt. Der nächste Test folgt Ende des Monats mit den Zahlen zum dritten Geschäftsquartal. Anleger blicken dabei besonders auf drei Punkte: den Margendruck durch steigende Speicherpreise, eine mögliche Abschwächung der iPhone-Nachfrage sowie das Konsumverhalten im Zusammenhang mit der Inflationsentwicklung.
UnitedHealth stellte sich unterdessen vor Börseneröffnung dem Urteil der Analysten. Nach einem schwierigen Vorjahr, in dem vor allem im Geschäft mit Medicare Advantage die Kosten aus dem Ruder gelaufen waren, konnte die Aktie im laufenden Jahr bereits rund 27 Prozent zulegen. Analysten erwarteten für das zweite Quartal einen bereinigten Gewinn von knapp 4,90 Dollar je Aktie nach 4,08 Dollar im Vorjahresquartal, bei einem Umsatz von rund 110 Milliarden Dollar.
Im Gespräch: Modern Value mit Heiko Böhmer
Zur Einordnung der Rotationsdebatte äußerte sich Heiko Böhmer, Kapitalmarktstratege bei Shareholder Value Management. Der von seinem Haus verfolgte „Modern Value“-Ansatz erweitert das klassische, auf Benjamin Graham zurückgehende Value Investing um die von Warren Buffett und Charlie Munger geprägte Qualitätskomponente: Statt allein auf einen niedrigen Preis zu setzen, stehen qualitativ hochwertige Unternehmen mit echtem Wettbewerbsvorteil im Fokus, auch wenn dafür eine höhere Anfangsbewertung in Kauf genommen wird.
Böhmer verwies auf die hohe Nervosität im Markt, die sich etwa im IBM-Kurseinbruch von rund 25 Prozent an einem einzigen Tag gezeigt habe. Shareholder Value setzt demgegenüber auf einen langfristigen Anlagehorizont und schwankungsärmere Qualitätstitel, viele davon aus Europa. Verkauft wird in der Regel, wenn eine zuvor kalkulierte Sicherheitsmarge zum fairen Wert erreicht ist; Positionen bleiben mitunter fünf bis sechs Jahre im Portfolio.
Als Beispiel nannte Böhmer Microsoft, das sich von einem reinen Growth-Wert zu einem „Modern Value“-Unternehmen entwickelt habe – breit aufgestellt, operativ stark und aktuell mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis bewertet, das so niedrig sei wie seit zehn Jahren nicht mehr. Die hohen Investitionen der Hyperscaler in KI-Infrastruktur ließen sich bei einem Unternehmen wie Microsoft aus dem laufenden Cashflow stemmen, was finanzielle Stabilität signalisiere. Als zweites Beispiel führte Böhmer ein Unternehmen aus dem Bereich der privaten Altersvorsorge an, das von geringerem Kapitalbedarf, stärkerem Wachstum und höheren Margen profitiere und eine Guidance bis 2035 ausgegeben habe – eine Position, die im Frankfurter Aktienfonds und im Modern-Value-Portfolio die größte Gewichtung einnimmt.
PayPal im Zentrum einer Übernahmeofferte
Für besondere Bewegung sorgte am Markt die Nachricht einer unaufgeforderten Übernahmeofferte für PayPal. Der Zahlungskonzern Stripe und die Beteiligungsgesellschaft Advent International legten gemeinsam ein Angebot vor, das PayPal mit über 53 Milliarden Dollar bewertet – konkret 60,50 Dollar je Aktie in bar, finanziert über zugesagte Barmittel von rund 50 Milliarden Dollar. Die Aktie überwand daraufhin nicht nur die 50- und 100-Tage-Linie, sondern auch die 200-Tage-Linie.
Zur Einordnung der Dimension: PayPal war 2021 an der Börse rund 360 Milliarden Dollar wert, in den vergangenen zwölf Monaten verlor die Aktie über ein Drittel ihres Wertes. Das nun vorgelegte Angebot entspricht einer Prämie von rund 28 Prozent, liegt aber gemessen am Gewinn-Multiple unter dem eigenen Fünf-Jahres-Schnitt des Unternehmens. Es übertrifft zwar das durchschnittliche Analysten-Kursziel von rund 48 Dollar, bleibt aber deutlich unter den Bewertungen aus besseren Zeiten.
Für die Bieter liegt die Logik in der Substanz: PayPal wickelt jährlich fast 2 Billionen Dollar an Zahlungen ab, verfügt über rund 440 Millionen aktive Konten und zählt neben Mastercard, Visa und American Express zu den vier global anerkannten Zahlungsnetzwerken. Besonders begehrt gilt die Bezahl-App Venmo sowie der dollargedeckte Stablecoin PYUSD. Stripe hatte sich mit der Übernahme der Firma Bridge bereits eine eigene Stablecoin-Infrastruktur aufgebaut, die mit PayPals Angebot zusammenpassen würde. Operativ zeigte sich PayPal zuletzt robuster als der Kursverlauf vermuten ließ: Im ersten Quartal wuchs der Umsatz um 7 Prozent auf gut 8 Milliarden Dollar, das abgewickelte Zahlungsvolumen legte währungsbereinigt um 8 Prozent zu. Neben Stripe und Advent soll auch der Zahlungskonzern Block an der Finanzierung beteiligt sein.
Der Deal ist noch nicht besiegelt. PayPal hat auf das unaufgeforderte Angebot bislang nicht reagiert, der Verwaltungsrat soll Berichten zufolge frühestens am 20. Juli tagen. Seit März gibt es zudem einen neuen Vorstandschef, der ein Sanierungsprogramm mit einer Aufspaltung in drei Geschäftsbereiche sowie Einsparungen von 1,5 Milliarden Dollar initiiert hat – die Frage, ob ein Verkauf mitten im Umbau sinnvoll ist oder dem Turnaround mehr Zeit gegeben werden sollte, bleibt offen.
Uber übernimmt Delivery Hero, Vinci greift nach All4One
Auch in Deutschland sorgten am Berichtstag zwei Übernahmen für Schlagzeilen. Der US-Konzern Uber legte sein Angebot für den Berliner Lieferdienst Delivery Hero vor: 41,50 Euro je Aktie in bar, was das Unternehmen mit rund 12,6 Milliarden Euro bewertet. Vorstand und Aufsichtsrat von Delivery Hero stehen einstimmig hinter dem Angebot, Großaktionär Prosus mit einem Anteil von knapp 17 Prozent hat sich bereits zur Einlieferung seiner Aktien verpflichtet. Ein erstes Angebot im Mai hatte noch bei 33 Euro je Aktie gelegen und war nicht zustande gekommen, unter anderem weil sich Delivery Hero unter dem Druck des aktivistischen Investors S-Packs gegen einen Verkauf von Unternehmensteilen gewehrt hatte.
Der zweite Fall betrifft den SAP-Spezialisten All4One, den der französische Vinci-Konzern über seine Energiesparte übernimmt. Hier fällt die Prämie deutlich höher aus: Der Kurs eröffnete auf einem Niveau von rund 67 Euro, nachdem er zuvor bei rund 35 Euro gestanden hatte – geboten werden 67,50 Euro je Aktie, ein Aufschlag von rund 95,5 Prozent zum vorherigen Schlusskurs. All4One zählt zu den führenden SAP-Partnern für den Mittelstand, mit über 4.500 Kunden und einem Jahresumsatz von rund 504 Millionen Euro. Vinci will das Unternehmen mit seiner IT-Marke Exxions zu einer europaweiten Plattform für digitale Transformation zusammenführen; die operative Selbstständigkeit von All4One sowie der Hauptsitz in Deutschland sollen erhalten bleiben. Ein Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag ist ab Anfang 2029 vorgesehen.
Strukturwandel in der Verteidigungsindustrie
Neben der aktuellen Übernahmewelle wurde auch auf einen längerfristigen Trend in der Verteidigungsindustrie verwiesen: Moderne Rüstungsplattformen wie der Leopard 2 oder Luftkampfsysteme weisen inzwischen einen Elektronik-Wertanteil von 35 bis 55 Prozent auf, mit steigender Tendenz. Das EU-Programm „Readiness 2030“ soll auf europäischer Ebene hunderte Milliarden Euro mobilisieren – nach dieser Einschätzung der wohl größte Aufrüstungszyklus seit dem Kalten Krieg, mit Schwerpunkt auf Sensorik, Software, Drohnen und Drohnenabwehr statt klassischer Großwaffensysteme.
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