Der Krieg, den die Börse ignoriert – und warum das ein Fehler sein könnte

Die Börsen reagierten gelassen auf den Militärkonflikt, doch steigende Ölpreise und Lieferkettenprobleme könnten Inflation und Zinspolitik beeinflussen. Internationale Märkte sind besonders betroffen.

Auf einen Blick:
  • Ölpreis steigt nach Konfliktausbruch deutlich an
  • Lieferketten durch Straße von Hormuz beeinträchtigt
  • Inflation und Fed-Politik könnten unter Druck geraten
  • Energie- und Rüstungsaktien profitieren von der Lage

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Binnen 100 Stunden veränderten US-amerikanische und israelische Streitkräfte die geopolitische Landkarte des Nahen Ostens grundlegend. Operation Epic Fury, gestartet am 28. Februar, traf fast 2.000 Ziele im Iran. Ayatollah Ali Khamenei ist tot. Und der S&P 500? Schloss am ersten Handelstag danach nahezu unverändert.

Diese Reaktion sagt viel aus – über die Märkte, über Anleger, und über die gefährliche Kunst, geopolitische Risiken zu unterschätzen.

Die Gleichgültigkeit der Märkte hat eine Logik

Märkte reagieren nicht auf Schlagzeilen. Sie reagieren auf Cashflows, Gewinne und Zinsen. Und so zynisch es klingen mag: Ein Regimewechsel in Teheran ändert kurzfristig nichts daran, ob Apple iPhones verkauft, ob Nike Schuhe produziert oder ob Nvidia Chips liefert. Wall Street nennt dieses Phänomen gerne „Resilienz“. Treffender wäre: selektive Wahrnehmung.

Denn unterhalb dieser scheinbaren Ruhe brodelt es. Der Ölpreis sprang am ersten Tag nach den Luftangriffen um mehr als 8 Prozent. Mittlerweile notiert Brent-Rohöl bei rund 93 Dollar pro Barrel – ein Plus von 27 Prozent. Das ist kein Randphänomen. Das ist ein systemisches Signal.

Hormuz: Die engste Stelle der Weltwirtschaft

Der Persische Golf ist keine Randregion der globalen Energieversorgung. Durch die Straße von Hormuz fließt ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggasbedarfs. Saudi-Arabien, Irak, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar – all diese Förderländer sind auf diese Meerenge angewiesen. Der Iran grenzt direkt daran.

Derzeit sind die Routen durch Hormuz faktisch geschlossen. Frachtversicherer sind abgesprungen. Tanker meiden die Region. Selbst wenn der Konflikt in wenigen Wochen endet, dauert die Normalisierung der Lieferketten länger. Jede Verzögerung kostet – und der Preis dafür wird letztlich an Verbraucher und Unternehmen weitergegeben.

Öl, Inflation und die Fed: Ein gefährliches Dreieck

Ein Ölpreisanstieg von zehn Dollar je Barrel erhöht die Inflationsrate um geschätzte 0,2 bis 0,4 Prozentpunkte. Klingt überschaubar. Doch die US-Inflation liegt bereits bei 2,4 Prozent. Weitere Aufwärtsdynamik beim Öl würde die Handlungsspielräume der US-Notenbank Federal Reserve empfindlich einengen.

Die Fed steckt damit in einer klassischen Zwickmühle. Zinssenkungen, auf die viele Anleger gehofft hatten, könnten weiter nach hinten rücken. Oder schlimmer: Die Notenbank senkt dennoch, um politischem Druck nachzugeben – und der Anleihemarkt straft diesen Schritt ab. Beides wären keine guten Nachrichten für Aktieninvestoren.

Historisch betrachtet haben Ölschocks den US-Aktienmarkt nur dann ernsthaft getroffen, wenn mindestens eine von drei Bedingungen erfüllt war: ein Ölpreisanstieg von 50 bis 100 Prozent über mehrere Monate, eine Rezession im Hintergrund, oder eine aggressive Zinserhöhungswelle der Fed. Derzeit trifft keine dieser Bedingungen vollständig zu. Aber die Richtung stimmt – und das verdient Aufmerksamkeit.

Europa und Japan: Die Verlierer

Während die USA seit 2001 zum Nettoenergie-Exporteur aufgestiegen sind, importiert Europa mehr als die Hälfte seines Energieverbrauchs. Japan importiert nahezu alles. Internationale Aktien außerhalb der USA verloren in den beiden Tagen nach Beginn der Angriffe spürbar an Wert. Der südkoreanische Aktienmarkt brach um 16 Prozent ein.

Das ist die Kehrseite eines Konflikts, den manche als rein amerikanisches Abenteuer betrachten. Die wirtschaftlichen Wellen reichen weiter als die Militäreinsätze. Wer international investiert ist, sollte die Energieabhängigkeit seiner Positionen neu bewerten – besonders in Europa und Ostasien.

Sektorrotation: Was bereits läuft und was noch kommt

Unterhalb der ruhigen Oberfläche des Gesamtmarkts findet seit Jahresanfang eine bemerkenswerte Umschichtung statt. Wachstumstitel und KI-Giganten verlieren an Führungsrolle. Value-Aktien, Dividendentitel, Zykliker und Small Caps gewinnen. Der Krieg verstärkt diesen Trend, ohne ihn zu erfinden.

Energiekonzerne profitieren direkt von höheren Rohstoffpreisen. Große Ölmultis wie ExxonMobil, Shell oder TotalEnergies verbuchen steigende Margen, solange Brent über 90 Dollar notiert. Rüstungsunternehmen erhalten Folgeaufträge, um Raketenbestände aufzufüllen – Abfangsysteme und Präzisionsmunition sind derzeit gefragter denn je. Namen wie RTX oder Lockheed Martin stehen exemplarisch für diesen Trend.

Allerdings hat die Rotation bereits weit fortgeschrittene Kursniveaus erreicht. Wer jetzt erst auf den Zug aufspringt, zahlt für diese Erkenntnis bereits einen hohen Preis. Value-Aktien als Gesamtgruppe werden inzwischen mit dem 19-fachen der Jahresgewinne bewertet. Das ist kein echtes Value mehr – das ist der Preis für eine populär gewordene Idee.

Das eigentliche Risiko: Amerikas Schulden

Der Krieg kostet. Erste Schätzungen gehen von 50 bis 100 Milliarden Dollar aus. Allein der Stundenbetrieb eines trägergestützten F-35-Kampfjets schlägt mit 45.000 Dollar zu Buche. Das Abfangen einer iranischen Drohne, die 30.000 Dollar kostet, erfordert Abwehrraketen im Wert von vier bis vierzehn Millionen Dollar pro Abschuss.

Die eigentliche Sprengkraft liegt aber nicht in den Kriegskosten allein. Die US-Staatsverschuldung erreicht in diesem Jahr 33 Billionen Dollar. Das Haushaltsdefizit beläuft sich laut Congressional Budget Office auf 1,9 Billionen Dollar – allein in diesem Jahr. Hinzu kommen Steuerrückerstattungen nach einem Urteil des Supreme Courts gegen Trump-Zölle, die über das kommende Jahrzehnt weitere 1,7 Billionen Dollar kosten könnten.

Amerika kämpft mit geborgtem Geld. Und je länger militärische Interventionen zur Normalität werden, desto enger wird der fiskalische Spielraum. Irgendwann muss gewählt werden: Soziale Sicherungssysteme, Verteidigung oder Schuldenabbau – eines davon muss weichen. Der Anleihemarkt wird diese Rechnung irgendwann präsentieren.

Was Anleger jetzt tun sollten

Die paradoxe Botschaft lautet: Wer bereits breit und solide aufgestellt ist, muss nicht hektisch umschichten. Historisch hat der S&P 500 in den zwölf Monaten nach großen geopolitischen Eskalationen im Schnitt 12 Prozent zugelegt. Aktionismus schadet in solchen Phasen häufig mehr als er nützt.

Dennoch lohnen einige Überlegungen. Staatsanleihen und hochwertige Unternehmensanleihen verdienen wieder Beachtung – mit Renditen klar oberhalb der Inflationsrate bieten sie echten Kaufkraftschutz. Dividendenstarke Aktien aus dem Energie- und Verteidigungssektor sind als Beimischung sinnvoll, wenn die Einstiegskurse noch stimmen. Und internationale Positionen gehören auf den Prüfstand: Wer stark in energieabhängigen Regionen engagiert ist, trägt ein Risiko, das im Depotauszug bislang kaum sichtbar war.

Der Krieg im Iran ist kein Black Swan. Er war lange absehbar. Was Anleger jetzt brauchen, ist keine Panik und kein blinder Optimismus – sondern eine nüchterne Neubewertung der Risiken, die bereits in ihren Depots schlummern.

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