Carnival stiehlt den KI-Werten die Show
Zum Quartalsende hat ausgerechnet ein Kreuzfahrtkonzern für die größte Überraschung an der Wall Street gesorgt. Carnival meldete in seinem jüngsten Quartalsbericht einen Umsatzrekord, das bereinigte Ergebnis lag bei 1,43 Dollar je Aktie. Die Aktie schoss daraufhin deutlich nach oben. Das ist bemerkenswert, denn Kreuzfahrten stehen eigentlich für vieles, was Anleger in diesem Jahr eher gemieden haben: hohe Treibstoffkosten, Margendruck durch den Krieg im Nahen Osten, der bestimmte Routen behindert, sowie sparsame Verbraucher. Dennoch buchen Kunden offenbar so viele Reisen wie nie zuvor. Die Anzahlungen bei Carnival stiegen um 7 Prozent auf 7,6 Milliarden Dollar, das Unternehmen ist für die kommenden zwölf Monate praktisch ausgebucht. Die begrenzte Kapazität verschafft dem Konzern Preissetzungsmacht. Die Nettoverschuldung ist deutlich gesunken. Charttechnisch hat Carnival mit dem jüngsten Kurssprung aus einem Stimmungstief herausgefunden.
DAX zwischen zwei Linien gefangen
Der DAX musste gestern seine Tagesgewinne fast vollständig wieder abgeben und schloss mit einem knappen Plus von 0,1 Prozent. Der Index verteidigte erneut seine 100-Tage-Linie, prallte am Tageshoch jedoch an der kürzer gefassten 21-Tage-Linie ab und steckt damit charttechnisch zwischen zwei Marken fest. Die ersten Indikationen am Morgen zeigten sich immerhin etwas fester.
Rückenwind kam vom Ölpreis: Saudi-Arabien hat Berichten zufolge etwa die Hälfte der Kapazität seiner Ost-West-Pipeline wieder in Betrieb genommen, die Rohöl vom Persischen Golf ans Rote Meer bringt und damit die Straße von Hormus umgeht. Zusätzlich sorgte wiederkehrende KI-Fantasie für Auftrieb. Infineon sprang deutlich nach oben und führte damit die Gewinnerliste im DAX an. Auch Siemens Energy legte deutlich zu – der Konzern gilt wegen des Strombedarfs von Rechenzentren als Profiteur des KI-Booms. In der zweiten Reihe zogen Siltronic, Süss MicroTec, Aixtron und Elmos ebenfalls mit positiven Vorzeichen nach.
An der Wall Street fiel die Stimmung verhaltener aus: Der Dow Jones gab um 0,25 Prozent nach, der S&P 500 verlor 0,17 Prozent, während der Nasdaq 100 ein kleines Plus von 0,21 Prozent verbuchte. Der sinkende Ölpreis konnte kaum helfen, da viele Anleger befürchten, dass die hohen Öl- und Benzinpreise der vergangenen Wochen auf die Inflation durchschlagen und die US-Notenbank auf ihrem Zinspfad bestärken könnten. Zusätzlich bleibt der Anleihenmarkt unter Druck: Die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihen stieg deutlich an. Der S&P 500 bewegt sich charttechnisch weiterhin in einer Seitwärtsspanne knapp unter seinen Rekordmarken, oberhalb der steigenden 50-Tage-Linie – allerdings auf Kante genäht, sodass schlechte Nachrichten den Index darunter drücken könnten.
Bloom Energy mit Kehrtwende
Der auffälligste KI-Wert war gestern Bloom Energy, Hersteller von Brennstoffzellen zur direkten Energieversorgung von Rechenzentren. Die Aktie legte deutlich zu und zählte damit zu den stärksten Werten im S&P 500 – nachdem sie am Wochenauftakt mit fast 9 Prozent Minus noch Schlusslicht im Index gewesen war. Auslöser waren zwei Nachrichten: Zum einen kaufte Bloom ein neues Werksgebäude, was Analysten als Zeichen anhaltend starker Nachfrage werteten. Zum anderen empfahl der Versorger Ameren aus Missouri, bis 2030 erdgasbetriebene Brennstoffzellen mit einer Leistung von 500 Megawatt ans Netz zu bringen – was Hoffnung auf neue Aufträge für Bloom weckt.
Heute nach Börsenschluss steht mit den Quartalszahlen von Micron Technology gegen 22 Uhr deutscher Zeit einer der mit Spannung erwarteten Termine an.
Trump lockert Zügel, OpenAI bremst selbst
US-Präsident Trump hatte Führungskräfte aus dem Silicon Valley, darunter die Chefs von Nvidia und Anthropic, zum Mittagessen eingeladen. Im Nachgang erklärte er, neue Bundesgesetze zur Künstlichen Intelligenz seien derzeit nicht nötig, die bestehenden Regeln reichten aus, um die Bevölkerung vor möglichen Gefahren zu schützen. Diese Entspannung wird jedoch dadurch konterkariert, dass die Branche selbst auf die Bremse tritt: OpenAI hatte das Training seiner neuesten Modelle ausgesetzt und kündigte an, sein neuestes Modell mit dem Namen GPT-6.1 Astra gar nicht erst auf den Markt zu bringen, da es hauseigene Sicherheitsstandards verfehlt habe.
An der Börse störte das offenbar nicht: Bloomberg berichtete, dass OpenAI weiteres Kapital bei Investoren einsammeln möchte, bei einer angestrebten sehr hohen Bewertung vor Zufluss des frischen Kapitals. Im März hatte OpenAI bereits eine große Kapitalrunde aufgenommen – binnen eines halben Jahres wäre das Unternehmen damit deutlich mehr wert. Die Gespräche befinden sich Berichten zufolge noch in einem frühen Stadium, der Anstoß soll von den Investoren selbst gekommen sein, um das Wachstum weiter zu skalieren. Der hochgerechnete Jahresumsatz von OpenAI ist seit dem Sommer deutlich gestiegen. Die Kapitalrunde dient zudem als Finanzierungsbrücke, nachdem OpenAI seinen geplanten Börsengang auf das kommende Jahr verschoben hat, um verschärfte Sicherheitsanforderungen umzusetzen. Schätzungen zufolge könnten die Infrastrukturausgaben bei OpenAI auf über 500 Milliarden Dollar zulaufen – die Investoren scheinen dennoch überzeugt, dass das Unternehmen diese Dimension stemmen kann.
Eine Unbekannte bleiben die anstehenden Kongresswahlen am 3. November. Historisch ist die Bilanz für Aktien positiv: Seit 1950 legte der S&P 500 im Jahr nach solchen Wahlen in 95 Prozent der Fälle zu. Dieses Mal geht es jedoch verstärkt um den Ausbau von Rechenzentren. Einer aktuellen Umfrage zufolge hält gut die Hälfte der Amerikaner die Risiken von Serverfarmen für überwiegend negativ – für Umwelt, Stromrechnung und Lebensqualität der Anwohner. Da Genehmigungen häufig auf lokaler Ebene entschieden werden, wurden bereits einzelne Projekte auf Eis gelegt.
China fordert Nvidia mit eigener Software heraus
Das chinesische KI-Labor DeepSeek veröffentlichte gemeinsam mit Huawei eine neue Software, mit der sich die KI-Chips von Huawei programmieren lassen. Herzstück ist die quelloffene, kostenlose Programmiersprache TileLang. Für Nvidia ist das relevant, weil neben der Chip-Leistung vor allem die hauseigene Software CUDA als Brücke zwischen Entwicklern und Chip gilt – ein Großteil der weltweiten KI-Anwendungen ist darauf programmiert, was einen klassischen Wechselwiderstand erzeugt. TileLang gilt als Chinas Antwort auf CUDA und wurde speziell für den neuen Huawei-Chip Ascend 950 optimiert. In der Inneren Mongolei baut DeepSeek zudem ein Rechenzentrum mit mindestens 160.000 der leistungsstärksten Huawei-Chips. Kurzfristig ändert das nichts an Nvidias Zahlen, da das China-Geschäft in den Prognosen kaum eine Rolle spielt. Langfristig könnte ein eigenständiges chinesisches Ökosystem aus Chip, Software und Entwicklern die internationale Position von Nvidia jedoch erschweren.
Drei angeschlagene Aktien mit Comeback-Chancen
Neben Carnival wurden zwei weitere Werte identifiziert, die charttechnisch schwach aussehen, aber positive Nachrichten liefern: Netflix und Navitas Semiconductor.
Netflix hat seit Jahresbeginn rund ein Viertel seines Wertes verloren, da in den USA weniger geschaut wird, Serienhits fehlten und YouTube mehr Zuschauer anzieht. International läuft es jedoch deutlich besser: Der Umsatz stieg im letzten Quartal um 13 Prozent, in Lateinamerika lag das Plus bei 21 Prozent, im asiatisch-pazifischen Raum bei 16 Prozent. Die operative Marge lag bei 33,4 Prozent. Netflix arbeitet zudem an neuen Standbeinen wie Live-Übertragungen, Podcasts und Spielen und kauft im großen Stil eigene Aktien zurück. Aktuell stehen 28 Kaufempfehlungen 17 Halteempfehlungen gegenüber.
Navitas Semiconductor gilt als spekulativster Wert im Trio. Das Unternehmen stellt Leistungshalbleiter aus Galliumnitrid und Siliziumkarbid her, die effizienter sind als herkömmliches Silizium und beim von Nvidia vorangetriebenen Wechsel auf ein 800-Volt-System in KI-Rechenzentren zum Einsatz kommen. Die Aktie schoss um bis zu 20 Prozent nach oben, nachdem bekannt wurde, dass Navitas für ein Projekt der US-Armee ausgewählt wurde, um Leistungshalbleiter für sehr hohe Spannungen im eigenen Land herzustellen. Operativ zeigt sich eine Wende: Im zweiten Quartal stieg der Umsatz um 22 Prozent zum Vorquartal und um mehr als 50 Prozent im Jahresvergleich. Für das dritte Quartal wird ein Plus von rund 28 Prozent erwartet.
Von den drei Werten bietet Carnival aktuell die überzeugendste Geschichte mit Rekordzahlen und Preissetzungsmacht, während Netflix als Qualitätswert vor allem unter der Stimmung leidet und Navitas eine Wette auf den Umbau der Stromversorgung in Rechenzentren bleibt.
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