Die Frage, ob die KI-Blase gerade platzt oder sich für mutige Anleger eine neue Kaufgelegenheit öffnet, beschäftigt die Finanzmärkte an diesem Donnerstag rund um den Globus. In Seoul musste die Börse den Handel zeitweise aussetzen, so heftig wurde verkauft. Ausgelöst hat die Unruhe ein Markt, auf den sonst kaum ein Privatanleger achtet: der Bondmarkt, und dort speziell die Anleihen eines amerikanischen Rechenzentrumsbetreibers. Hinzu kamen US-Inflationszahlen, die höher ausfielen als erwartet.
DAX hält sich, Lufthansa punktet in Lissabon
Der deutsche Aktienmarkt zeigte sich am Mittwoch erstaunlich robust. Der DAX schloss nahezu unverändert, zwischenzeitlich hatte er sogar im Plus gelegen. Der Schwung ließ allerdings am Nachmittag nach den US-Inflationsdaten deutlich nach. Rückenwind kam aus Brüssel: Die EU-Kommission will bestimmte Klimaschutzregeln für importierte fossile Brennstoffe später anwenden, der Gaspreis fiel daraufhin, energieintensive Werte legten zu. Zu den Gewinnern zählten Rheinmetall, MTU und BASF.
In der zweiten Reihe zeigte sich, wie viel Enttäuschung bereits in einem Kurs stecken kann: Der Gabelstapler- und Lagertechnik-Spezialist Pioniere senkte seine Jahresziele, das mittelfristige Margenziel rückt hinter 2027. Die Aktie schloss dennoch leicht im Plus, weil die schwache Nachfrage bereits zuvor angedeutet worden war.
Die Lufthansa ist bei der TAP-Übernahme zum Zuge gekommen: Die portugiesische Regierung hat den Konzern als bevorzugten Partner für knapp 45 Prozent der Fluglinie ausgewählt, das Gebot bewegt sich im Milliardenbereich. Mit einer operativen Übernahme von TAP könnte die Lufthansa ein wichtiges Loch in ihrem Angebot Richtung Süden beziehungsweise Südamerika schließen.
Für den heutigen Handelstag deuten Vorgaben aus Asien sowie schwache Terminkontrakte an der Wall Street auf weitere Verluste bei Technologiewerten hin. Am Nachmittag richtet sich der Blick auf US-Einzelhandelsumsätze und Erzeugerpreise, die nach dem Inflationsschreck vom Vortag besonders genau beobachtet werden dürften.
US-Inflation überrascht, Zinserwartungen im Fokus
Die US-Verbraucherpreise lagen im September 3,7 Prozent über dem Vorjahreswert, nach 3,4 Prozent im August. Analysten hatten im Schnitt 3,6 Prozent erwartet. Von August auf September stiegen die Preise um 0,6 Prozent, getrieben vor allem durch Benzin- und Heizölpreise vor dem Hintergrund des Nahost-Konflikts. Die Abweichung von der Prognose wirkt auf den ersten Blick gering, doch in einem Markt mit sehr viel eingepreister Zuversicht reichte bereits ein Zehntelpunkt Enttäuschung für eine Welle von Gewinnmitnahmen.
Das hat Folgen für die Zinserwartungen: Die Terminmärkte haben ihre Erwartungen an die US-Notenbank angepasst. Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen sind zwischenzeitlich kräftig gestiegen, über Nacht aber leicht gesunken, da Anleger von Aktien in sichere Anleihen umgeschichtet haben.
Der Nasdaq Composite gab in der Folge 1,9 Prozent nach, der S&P 500 1,1 Prozent. Der Halbleiterindex verlor innerhalb von sechs Handelstagen 1,6 Billionen Dollar an Börsenwert. In Asien setzte sich der Ausverkauf fort: Der südkoreanische Kospi brach im Handelsverlauf deutlich ein, die Börse in Seoul setzte den Handel deshalb zeitweise für 20 Minuten aus. Vom Hoch im September hat der Index deutlich verloren und steht damit unter erheblichem Druck. Ausländische Investoren haben allein im Oktober koreanische Aktien für mehr als 10 Milliarden Dollar abgestoßen. Besonders betroffen waren Samsung und SK Hynix, die beide deutlich einbüßten. Auch der Nikkei in Tokio gab bis zur Mittagspause um 5 Prozent nach, der Taiex in Taiwan um mehr als 3 Prozent.
Wie weit Börse und Bilanz derzeit auseinanderliegen, zeigt Samsung besonders deutlich: Der südkoreanische Konzern meldete für das dritte Quartal einen hohen operativen Gewinn. Die Aktie notiert dennoch deutlich unter ihrem bisherigen Hoch.
CoreWeave: Anleihen auf Krisenniveau
Hinter der Skepsis am Markt steht eine große Rechnung des Marktforschungsinstituts Gartner: Die Branche soll zwischen 2026 und 2030 rund 7 Billionen Dollar in KI-Infrastruktur investieren, mit den Rechenzentren aber nur etwa 3,6 Billionen Dollar verdienen.
Besonders deutlich zeigt sich diese Lücke bei CoreWeave, einem der sogenannten Neo-Clouds – Anbietern, die Rechenleistung für künstliche Intelligenz vermieten, indem sie Rechenzentren voller Nvidia-Chips bauen und die Kapazitäten an Kunden wie OpenAI oder Microsoft vermieten. CoreWeave gilt als größter börsennotierter Vertreter dieser Gruppe und damit als Gradmesser für die KI-Nachfrage. Das Geschäftsmodell hat jedoch einen Haken: Die Rechenzentren kosten zweistellige Milliardenbeträge, finanziert zu einem großen Teil über Schulden. Ende Juni standen hohe kurz- und langfristige Verbindlichkeiten in der Bilanz. Analysten rechnen für dieses Jahr und für die kommenden Jahre mit einem deutlich negativen freien Cashflow.
CoreWeave hatte eine Anleihe mit Laufzeit bis 2032 platziert, Zinssatz 9,625 Prozent, Investoren kauften damals zum vollen Nennwert. Am Mittwoch wurde das Papier nur noch zu rund 78 bis 80 Prozent des Nennwerts gehandelt, die Rendite für neue Käufer liegt damit bei etwa 15 Prozent. Ein Kurs unter 80 Prozent am Rentenmarkt gilt als Schwelle, an der man von einem Schuldner in Not spricht. Die Kreditausfallversicherungen (CDS) preisen inzwischen eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent ein, dass CoreWeave innerhalb der nächsten fünf Jahre zahlungsunfähig wird. Verstärkt wurde die Unruhe durch ein Interview, in dem ein Mitgründer von solider Bonität und nahezu unbegrenzten Geldtöpfen sprach – was bei Anleihen auf Krisenniveau schlecht ankam. Auch Elon Musk kommentierte einen Beitrag über die 15-Prozent-Rendite mit einem knappen Ausdruck des Erschreckens. Die Aktie fiel daraufhin um gut 15 Prozent und schloss so tief wie seit Ende Juli nicht mehr, im Oktober summiert sich das Minus bislang auf einen deutlichen Prozentsatz.
Analysten verwiesen auf eine simple Rechnung: Wer sich zu 9 Prozent Geld leiht und damit nur 5 Prozent Rendite erwirtschaftet, vernichtet mit jedem neuen Rechenzentrum Wert, unabhängig vom Wachstumstempo. CoreWeave hält dagegen, dass der Auftragsbestand Ende Juni bei rund 104 Milliarden Dollar lag, dem Dreieinhalbfachen des Vorjahreswerts, überwiegend feste Verträge mit Zahlungspflicht unabhängig von der Nutzung. Diese Verträge sollen laut Unternehmen ausreichen, um sämtliche Schulden der Muttergesellschaft zu bedienen. Der CEO bezeichnete den Markt entsprechend als irrational.
Die Unruhe strahlte auf den gesamten Sektor aus: GE Vernova (Gasturbinen) und der Kühlspezialist Vertiv gaben deutlich nach, Dell, mit gut 3 Milliarden Dollar an CoreWeave beteiligt, gab mehr als 3 Prozent ab. Trotz allem liegt die CoreWeave-Aktie noch deutlich über ihrem Ausgabepreis, der Börsenwert liegt weiterhin im hohen zweistelligen Milliardenbereich. Die Nachfrage nach Rechenleistung selbst bleibt offenbar ungebrochen, die Schwachstelle liegt in der Finanzierung – eine Unterscheidung, die zwischen Unternehmen mit eigenem Cashflow und solchen mit teurer Fremdfinanzierung über Gewinner und Verlierer im Sektor entscheiden dürfte.
TSMC mit sechstem Rekordgewinn in Folge
Ganz anders stellt sich die Lage bei Taiwan Semiconductor Manufacturing (TSMC) dar, dem weltgrößten Auftragsfertiger von Chips, der seinen Ausbau aus eigener Kraft finanziert. Der Nettogewinn im dritten Quartal stieg deutlich – der sechste Rekordgewinn in Folge und rund eine halbe Milliarde Euro über den Erwartungen. Der Umsatz, den der Markt bereits aus monatlichen Meldungen kannte, legte um 41 Prozent zu. Die Bruttomarge lag bei 66,4 Prozent, etwas weniger als im Vorquartal – TSMC hatte zuvor gewarnt, dass die neue 2-Nanometer-Fertigung sowie Auslandswerke die Marge im zweiten Halbjahr belasten.
Fast 80 Prozent des Umsatzes entfallen derzeit auf Strukturen mit 7 Nanometern und feiner. Das Unternehmen arbeitet an der Kapazitätsgrenze und investiert in diesem Jahr einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag in neue Anlagen, langfristig zusätzlich 265 Milliarden Dollar in Werke im US-Bundesstaat Arizona. Vor den Zahlen hatten Broker gewarnt, gute KI-Ergebnisse seien längst eingepreist. Entscheidend für die weitere Kursreaktion dürfte der Ausblick in der Telefonkonferenz sein.
Quantensektor: IonQ holt sich frisches Kapital
Der Quantensektor benötigt an der Schwelle vom Forschungsthema zur Kommerzialisierung immer wieder frisches Kapital. IonQ hat nach einer jüngst besprochenen Übernahme eine Kapitalerhöhung platziert. Das Unternehmen verkauft neue Aktien und vorfinanzierte Optionsscheine, Käufer erhalten zudem das Recht, binnen mehrerer Jahre weitere Aktien zu einem deutlich höheren Kurs zu erwerben. Bemerkenswert: Der Ausgabepreis lag über dem Schlusskurs vom Vortag – ein Aufschlag statt des bei Kapitalerhöhungen üblichen Abschlags. Dennoch fiel die Aktie deutlich auf den tiefsten Stand seit April. Konkurrenten wie D-Wave und Quantinuum verloren ebenfalls deutlich.
Mit dem frischen Geld verfügt IonQ über eine Kriegskasse, von der viele Wettbewerber nur träumen können. Die nächsten Kurstreiber könnten vom neuen System „Forte 256“ kommen, wobei die Kapitalerhöhung eine spürbare Verwässerung der Altaktionäre mit sich bringen dürfte.
Apple knackt neues Rekordhoch
Während Chips und Quantenwerte abrutschten, erreichte Apple am Mittwoch einen Meilenstein: Die Aktie stieg um 0,5 Prozent und markierte gegen den Markttrend ein neues Rekordhoch. Der Grund: Apple gibt deutlich weniger Geld für KI-Rechenzentren aus als andere Technikkonzerne, was in einer Woche, in der der Markt die Finanzierung des KI-Booms hinterfragt, als Vorteil gewertet wird. Seit Jahresbeginn liegt die Aktie mit 26 Prozent im Plus, doppelt so viel wie der S&P 500. Am Freitag beginnen die Vorbestellungen für eine neue iPhone-Generation des Konzerns – dem teuersten iPhone aller Zeiten.
Volkswagen will mit Geländewagen und Pickup in die USA
Volkswagen plant den Einstieg in ein für amerikanische Käufer zentrales Segment: robuste Geländewagen und mittelgroße Pickups. Konzernchef Oliver Blume bestätigte die Pläne auf einem Autogipfel in Paris. Ein Pickup soll gegen Modelle wie den Toyota Tacoma und den Chevrolet Colorado antreten, ein Geländewagen gegen Ford Bronco und Jeep Wrangler. Volkswagen of America bestätigte, dass eine Plattform mit Leiterrahmen geprüft wird.
Hintergrund ist der Druck auf bisherige Stützen des Konzerns: In China brachen die Auslieferungen in den ersten neun Monaten deutlich ein. Volkswagen verschärfte zudem das Ziel für den Stellenabbau, die operative Marge soll in diesem Jahr nur sehr niedrig ausfallen. Hinzu kommen US-Zölle, die den Konzern deutlich belasten. In den USA ist die Marke VW weit zurückgefallen – im vergangenen Jahr verkaufte sie dort deutlich weniger Autos als Subaru und lag auch hinter Kia und Mazda.
Seit Anfang Oktober verantwortet ein früherer Vertriebschef von Audi das Nordamerikageschäft und soll zeitnah einen neuen Plan vorlegen. Offen ist, wo und mit welchem Partner produziert wird. Am schnellsten ginge es mit Ford, das für Volkswagen in Südafrika bereits den Pickup Amarok fertigt – Ford soll jedoch zögern. Ohne Partner traut man sich in Wolfsburg vorerst keinen echten Bronco-Rivalen zu. Auch Hyundai und Kia planen eigene Pickups. Der Sprecher der amerikanischen VW-Händler warnte, das Projekt werde scheitern, wenn Volkswagen nicht konsequent in echte Geländetauglichkeit investiere. Für die Aktie dürfte der US-Vorstoß erst mittelfristig relevant werden; kurzfristig bleiben das Sparprogramm, die Lage in China und die Zölle die entscheidenden Faktoren.
Der Markt dürfte in den kommenden Tagen und Wochen weiter prüfen, wie belastbar die Finanzierung des KI-Booms ist. Im Fokus bleiben die US-Erzeugerpreise am Nachmittag, Aussagen des Fed-Chefs am Freitag sowie die weitere Entwicklung der CoreWeave-Anleihen.
DAX-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue DAX-Analyse vom 15. Oktober liefert die Antwort:
Die neusten DAX-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für DAX-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 15. Oktober erfahren Sie was jetzt zu tun ist.
