Kreditkartennetzwerke trotzen Tech-Schwäche: Visa und Mastercard im Aufwind, während Krypto-Miner zu KI-Playern werden

Zahlungsriesen überzeugen mit starken Quartalszahlen und Wachstum. Bitcoin-Miner wandeln sich zu KI-Rechenzentren und profitieren von neuen Standortvorteilen.

Auf einen Blick:
  • Finanzwerte treiben Dow Jones an
  • Visa und Mastercard mit Rekordumsätzen
  • Krypto-Miner setzen auf KI-Vermietung
  • Politische Hürden stärken bestehende Standorte

Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe vom Kursgespräch.

Zwei Namen, die seit Jahren totgesagt wurden, standen gestern Abend an der Wall Street ganz oben auf den Kaufzetteln: Visa und Mastercard, die beiden großen Kreditkartennetzwerke. Beide legten kräftig zu, während die Technologieunternehmen unter die Räder kamen. Was dahinter steckt, schaue ich mir heute genauer an.

Danach geht es um eine Branche, die ebenfalls in den vergangenen Wochen kräftig abgestraft wurde und die trotzdem jetzt eine überraschende Chance in sich trägt. Die Rede ist von den Bitcoin- bzw. Krypto-Minern, die sich Schritt für Schritt in Rechenzentrumsbetreiber für KI verwandeln. Ausgerechnet der wachsende politische Widerstand gegen neue Datenzentren könnte nämlich diesen Firmen in die Hände spielen.

Bevor wir da genauer ins Detail einsteigen, wie immer der Hinweis: Die in der Show oder im Podcast besprochenen Aktien, Fonds und andere Wertpapiere und deren Handel stellen keine spezifischen Kauf- und Anlageempfehlungen dar. Die Moderatoren und der Verlag haften nicht für etwaige Verluste, die aufgrund der Umsetzung der Gedanken oder Ideen entstehen.

Rückblick auf den Handelstag

Damit rein in den Rückblick zum gestrigen Handelstag. Der DAX schloss gestern mit einem Minus von 0,11 % und behauptete sich damit über der psychologisch wichtigen Marke von 26.000 Zählern zum Rekordhoch. Es fehlt nicht viel, aber der Weg dorthin könnte durch die weiteren Termine in dieser Woche relativ steinig bleiben. Zu viele wichtige Termine liegen vor uns. Für heute deuten die Terminmärkte zwar auf einen freundlichen Start hin, gestützt vor allen Dingen durch die Finanzwerte in New York, aber es gibt relativ viele Daten. Kurz nach der heutigen Sendung kommt zum Beispiel der IFO-Geschäftsklimaindex in Deutschland für den August heraus. Die Ökonomen erwarten einen leichten Anstieg, was die Hoffnung nähren würde, dass es im deutschen Markt eine leichte Konjunkturerholung geben könnte.

An der Wall Street war die Stimmung gestern zweigeteilt. Der Dow Jones schloss mit einem Plus von 0,26 %, aber beim S&P 500 ging es um 0,28 % abwärts. Der Dow Jones profitierte vor allen Dingen von seinen Finanzwerten. Der S&P 500 litt, genau wie der technologielastige Nasdaq Composite, unter den Halbleitern. Der Philadelphia Semiconductor Index rutschte um 2,7 % ab.

Einzelwerte im Fokus

Schauen wir uns einige Werte, die gestern für Kursbewegungen sorgten, im Detail an. Micron, der Speicherchip-Hersteller, verlor gestern fast 6 % und war damit einer der größten Verlierer im Sektor. Dahinter steckte kein einzelnes Unternehmensereignis, sondern eine wachsende Nervosität vor den Zahlen von Nvidia, die am Mittwoch nach Börsenschluss kommen. Micron gilt als klassischer Zulieferer für KI-Rechenzentren, da dort riesige Mengen an Speicherchips verbaut werden. Diese enge Kopplung an den Erfolg von Nvidia macht die Aktie in beide Richtungen extrem volatil. Wenn Sie investiert sind, sollten Sie sich der operativen Zyklik bewusst sein. Die Kurse laufen der Nachfrage oft weit voraus, und wenn die Euphorie kippt, geht es heftig nach unten. Micron bleibt ein Hebel für die KI-Investitionsthematik, aber dieser Hebel wirkt derzeit gegen die Anleger.

Bleiben wir beim Thema und schauen auf Siemens Energy. Der Energietechnikkonzern verlor gestern in Frankfurt 3 %, obwohl es keine schlechte Nachricht aus dem Unternehmen selbst gab. Siemens Energy gilt seit Monaten als einer der Profiteure des KI-Booms, weil Datenzentren gewaltige Mengen Strom brauchen und der Konzern die passende Technik liefert. Das trägt die Aktie grundsätzlich nach oben, aber es kann sehr schnell abwärts gehen, falls am KI-Thema wieder gezweifelt wird. Ich gehe davon aus, dass das nur temporäre Rückschläge sind.

Der Dow Jones profitierte gestern von deutlichem Rückenwind für Finanzwerte. JPMorgan beispielsweise legte um 1,4 % zu, Visa um 3 %. Auch die anderen großen US-Banken zeigten sich fest. Hier kann man von einer Umschichtung aus den teuer bewerteten Wachstumsgeschichten der KI-Welt in Geschäftsmodelle, die verlässlich Geld verdienen, ausgehen.

Zurück nach Deutschland: Volkswagen, die wir gestern besprochen haben, gingen mit einem Minus von 1,6 % aus dem Markt. Konzernchef Oliver Blume muss die Belegschaft auf ein weiteres tiefgreifendes Sparpaket einstimmen und stellt sich heute zehn Fragen der Mitarbeiter. Es geht um die globale Branchenkrise, Kosten und die Frage, wie wettbewerbsfähig der größte Autobauer Europas in einer Welt von Elektroantrieb und chinesischer Konkurrenz noch ist.

Mastercard vs. Visa

Kommen wir zu meinem Hauptthema: Mastercard und Visa. Wer ist der bessere Kauf? Beide Werte haben sich gestern sehr gut geschlagen. Visa markierte ein Plus von 3 %, Mastercard stieg ebenfalls um gut 3 %. Seit dem Frühjahr, ungefähr Ende März/Anfang April, zeigt die Visa-Aktie deutlich nach oben und hat neue Höchststände markiert. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Mastercard: Nach einem deutlichen Abwärtstrend seit September letzten Jahres bis in den Mai hinein hat die Aktie wieder deutlich zugelegt, einen klaren Erholungstrend eingeschlagen und kratzt an ihren alten Rekordmarken.

Seit Jahren schreibt der Markt denselben Nachruf. Erst sollte PayPal die Kreditkartennetzwerke überflüssig machen, dann die Ratenzahlungsanbieter („Buy Now, Pay Later“) und jetzt sollen es KI-Agenten sein, die für uns einkaufen. Die Skepsis schlägt sich in den Bewertungen nieder. Visa kommt auf ein für dieses Jahr erwartetes KGV von rund 26, Mastercard auf 28. Für Qualitätsunternehmen dieser Güte ist das moderat.

Das Problem: Dieser Nachruf passt nicht zu den Geschäftszahlen. Im vergangenen Quartal bis Ende Juni überschritt das von Visa abgewickelte Zahlungsvolumen erstmals die Marke von 4 Billionen Dollar. Der Nettoumsatz kletterte um 14 % und 72 Milliarden Transaktionen liefen durch das Netz. Das margenstarke, grenzüberschreitende Geschäft legte um 12 % zu. Ein Konzern, der verdrängt wird, wächst nicht so schnell. Bei Mastercard sieht das Bild ähnlich aus: 9,3 Milliarden Dollar Nettoumsatz im zweiten Quartal, ein Plus von 14 % und ein bereinigter Gewinn von 5,04 Dollar gegenüber erwarteten 4,77 Dollar. Das weltweite Kreditkartenvolumen wuchs um 9,1 %, Debit und Prepaid um 10,2 %. Zwei angeblich sterbende Dinosaurier zeigen sich sehr agil.

Digitale Geldbörsen sind das dominierende Bezahlmittel. Laut dem Global Payment Report von WorldPay machten sie im letzten Jahr 56 % des weltweiten Online-Handels aus und 33 % am Ladentisch – ein Volumen von 13,8 Billionen Dollar. In kartengeprägten Märkten wie den USA, Großbritannien oder Deutschland haben Sie wahrscheinlich eine Debit- oder Kreditkarte hinterlegt. Die Art der Präsentation hat sich verändert, das Grundgerüst nicht. In China laufen 89 % des Online-Handels über Alipay und WeChat Pay, in Indien 68 % über UPI-Apps.

Dieses Muster wiederholt sich bei KI-Agenten. Der Traffic von KI-Assistenten auf US-Handelsseiten ist laut Adobe binnen eines Jahres um 4.700 % gestiegen. Statt ausgeschaltet zu werden, haben die Payment-Netzwerke dies direkt eingebaut. Visa startete mit Cloudflare ein Protokoll, um Händlern zu helfen, einen Einkaufsagenten von einem Bot zu unterscheiden. Mastercard vergibt digitale Platzhalter für die Kartennummer. Der Markt für vollautomatische Einkäufe ist noch winzig; E-Marketer taxiert die eigenständigen Agentenkäufe in den USA für dieses Jahr auf 20,6 Milliarden Dollar – im Vergleich zu 4 Billionen Dollar bei Visa. Nur 14 % der US-Verbraucher würden einen Agenten allein bestellen lassen, 65 % nutzen ihn nur zum Preisvergleich. Hier steckt Fantasie für übermorgen drin, aber noch kein heutiger Gewinntreiber.

Warum landet die Gebühr immer bei denselben Konzernen? Die Antwort lautet: Reibung. Wenn Sie den Bezahlknopf herausnehmen, bricht ein Teil der Kunden den Kauf ab. Die andere schiebt nur das Geld vom Kundenkonto zum Händlerkonto. Die spannendste Zahl im Visa-Quartal ist der Umsatz mit Zusatzdiensten: 3,8 Milliarden Dollar, ein Plus von 34 %, inzwischen rund ein Drittel des Quartalsumsatzes. Dahinter stehen Betrugserkennung, Tokenisierung, Datenanalyse und Beratung. Bei Mastercard wuchs dieser Bereich um 20 %.

Ein Risiko: Anfang Juni erteilte ein US-Bezirksrichter die vorläufige Zustimmung zu einem Vergleich zwischen Visa, Mastercard und rund 12 Millionen Händlern nach 21 Jahren Rechtsstreit. Der Vergleich sieht über 5 Jahre etwas niedrigere Interbankengebühren vor. Große Handelsketten wie Walmart haben einen Teilerfolg erzielt, wollen aber weiter auf die Preise drücken und sind in Berufung gegangen.

Dennoch: Visa wies zuletzt eine Nettomarge von rund 51 % aus, Mastercard rund 46 %. Die bereinigte operative Marge bei Visa liegt sogar bei 68 %. Jede zusätzliche Transaktion kostet praktisch nichts mehr; der Mehrumsatz fällt als Gewinn an. Deshalb können beide Konzerne so viel Geld an Aktionäre zurückgeben. Visa hat im zweiten Geschäftsjahresviertel eigene Aktien für 7,9 Milliarden Dollar zurückgekauft und ein neues Programm über 20 Milliarden Dollar aufgelegt. Mastercard hat im letzten Jahr 11,7 Milliarden Dollar für Rückkäufe aufgewandt.

Historisch handelte Mastercard mit einem Aufschlag von drei bis fünf Bewertungspunkten gegenüber Visa. Heute sind es noch 0,7. Der Markt traut beiden Konzernen dasselbe zu, obwohl Visa zuletzt mit 14,4 % Umsatzwachstum minimal vor Mastercards 14,1 % lag. Ich finde die minimal günstigere Bewertung bei Visa bei zugleich etwas höherem Wachstum und höherer Marge derzeit einen Tick attraktiver. Wenn man nur auf eine Aktie setzen will, würde ich Visa nehmen, oder eine 50-50-Position in beiden aufbauen.

Bitcoin-Miner als KI-Rechenzentren

Kommen wir zum zweiten Thema: Bitcoin-Miner. Seit zwei Jahren erleben diese Unternehmen eine Verwandlung, da das Schürfen durch das „Halving“ weniger einbringt. Viele bauen ihre Hallen um und vermieten Rechenleistung und Stromanschluss an Tech-Konzerne für KI-Rechenzentren.

Warum ist das spannend? Quer durch die USA gehen Gouverneure gegen neue Datenzentren vor. In New York gilt ein einjähriges Moratorium, Texas hat die Genehmigung für neue Netzanschlüsse ausgesetzt, Pennsylvania verlangt, dass Datenzentren ihren eigenen Strom mitbringen. Die Bitcoin-Miner sitzen bereits auf fertig erschlossenen Standorten mit genehmigtem Stromanschluss. Laut Morgan Stanley sind die Miner gut aufgestellt, um den Gegenwind auszusitzen. Wenn neue Projekte verzögert oder storniert werden, steigt der Wert bestehender Standorte.

Nach Erhebung von CoinShares wurden KI- und Rechenzentrumsverträge im Volumen von über 70 Milliarden Dollar angekündigt. Die börsennotierten Miner könnten bis Jahresende bis zu 70 % ihres Umsatzes aus dem KI-Geschäft ziehen, nach rund 30 % heute. Core Scientific hat Verträge in Milliardenhöhe und erzielte im zweiten Quartal 136,7 Millionen Dollar durch Vermietung. Iris Energy hat einen Vertrag mit Microsoft über 9,7 Milliarden geschlossen. Riot Platforms hat einen Mietvertrag mit AMD.

Es ist ein wichtiger Zeitfaktor: Es dauert Jahre, bis Genehmigungen eingeholt und Netzanschlüsse geplant sind. Diese Vorarbeit haben die Miner geleistet. Die Verträge sind langfristig, zum Beispiel Hut 8 über 15 Jahre. TeraWulf erzielt inzwischen mehr Geld aus der Vermietung als aus dem Bitcoin-Geschäft.

Risiken: Das Modell hängt von den großen Technik-Kunden ab. Wer sich auf ein oder zwei Konzerne bindet, macht sich von deren Investitionszyklen abhängig. Der Nvidia-Termin am Mittwoch ist ebenso wichtig wie für die Chipwerte. Viele Firmen schreiben noch rote Zahlen und verkaufen Bitcoin-Bestände zur Finanzierung. Die Bewertungen haben einen Teil der Fantasie eingepreist. Es ist kein Basis-Investment, aber eine spannende Grundidee, dass ein genehmigter Stromanschluss zum Wertgegenstand wird.

Das war es für heute mit dem Kursgespräch. Bleiben Sie dran: Mein Kollege Bernd Wünsche hat eine Analyse fertiggestellt. Während die Masse auf Nvidia schaut, zeigt er in seinem Videoreport, wie die USA fünf neue Megafabriken hochziehen und enthüllt den geheimen Zulieferer, der diese Schlüsseltechnologien exklusiv liefert.

Vielen Dank und bis morgen. Tschüss.

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