Der Machtkampf um Kontron spitzt sich zu. Vorstand und Aufsichtsrat des österreichischen Technologiekonzerns haben das Pflichtangebot des taiwanischen Großaktionärs Ennoconn Corporation über 23,50 Euro je Aktie offiziell als „unangemessen“ abgelehnt. Eine von Ernst & Young erstellte Fairness Opinion verortet den fairen Wert der Kontron-Aktie oberhalb der Offerte. Die Annahmefrist für Aktionäre läuft noch bis zum 27. Juli.
Die Aktie notierte zuletzt bei 23,02 Euro und damit unterhalb des gebotenen Preises von 23,50 Euro – ein Signal dafür, dass der Markt trotz der Ablehnung durch das Management nicht flächendeckend mit einem deutlich höheren Gegenangebot rechnet. Der Titel bewegt sich zudem rund ein Fünftel unter seinem 52-Wochen-Hoch von 28,66 Euro, das Ende Juli vergangenen Jahres markiert wurde. Der Relative-Stärke-Index von 47,9 deutet auf eine neutrale Marktstimmung ohne klare Richtungspräferenz hin.
Institutionelle Investoren positionieren sich
Während sich Kleinaktionäre zwischen Annahme und Ablehnung entscheiden müssen, bauen große Kapitalverwalter ihre Positionen aus. Goldman Sachs hat seine Stimmrechtsanteile an Kontron auf 5,98 Prozent erhöht, nachdem die US-Bank zuvor bei 5,13 Prozent lag. Der überwiegende Teil davon, 5,81 Prozent, wird über Finanzinstrumente gehalten. Auch BlackRock ist ins Geschehen eingestiegen und hat Anfang Juli das Überschreiten der Meldeschwelle mitgeteilt, mit aktuell 4,07 Prozent der Stimmrechte. Ennoconn selbst hatte im Juni die 30-Prozent-Schwelle überschritten und Anfang Juli die Angebotsunterlage veröffentlicht.
Parallel zur Übernahmefrage vertieft sich die operative Verzahnung zwischen Kontron und dem taiwanischen Großaktionär. Kontron-Chef Hannes Niederhauser hat zusätzlich die Position des Chief Technology Officer bei Ennoconn übernommen, um die technologische Integration in den Bereichen Edge-AI und IoT voranzutreiben.
Operatives Geschäft liefert Argumente gegen das Angebot
Abseits des Übernahmepokers untermauert Kontron seine Geschäftsentwicklung mit mehreren Auftragserfolgen. Die Tochtergesellschaft Kontron Transportation sicherte sich Mitte Juli einen Großauftrag eines europäischen Bahnbetreibers über knapp 100 Millionen Euro für Wartungs- und Sicherheitsleistungen bis 2035, mit einer Verlängerungsoption bis 2040.
Im Automotive-Bereich ging kurz darauf der offizielle Produktionsstart der nach eigenen Angaben weltweit ersten in Europa entwickelten und in Düsseldorf gefertigten 5G-Kommunikationsmodule über die Bühne. Direkt im Anschluss gewann Kontron einen neuen europäischen Automobilhersteller als Kunden für diese 5G-Automotive-Module. Der Erstauftrag umfasst rund 150.000 Module im zweistelligen Millionen-Euro-Bereich, bei einer Ausweitung auf weitere Fahrzeugplattformen soll sich das Volumen laut Unternehmensangaben verdreifachen können.
Analysten sehen mehr Wert als das Angebot widerspiegelt
Diese Auftragsdynamik im Bahn- und Automotive-Segment veranlasste mwb research am 21. Juli, das Kursziel für Kontron von 34,00 auf 35,00 Euro anzuheben und die Kaufempfehlung zu bestätigen. Die Analysten begründeten den Schritt mit den jüngsten Auftragserfolgen sowie angepassten Prognosen für die Zeit ab 2027 – ein Kursziel, das deutlich über der Ennoconn-Offerte von 23,50 Euro liegt und die Position von Vorstand und Aufsichtsrat stützt.
Für September ist ein Capital Markets Day angekündigt, auf dem Kontron seine langfristige Strategie im Kontext der gestiegenen Ennoconn-Beteiligung vorstellen will. Bis dahin bleibt die Annahmefrist des Pflichtangebots der entscheidende Termin: Am 27. Juli müssen Aktionäre entscheiden, ob sie das Angebot annehmen oder auf einen höheren Preis setzen, den Management und Analysten für gerechtfertigt halten.
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