Ausgangslage: Rekordgewinn trifft auf Kursverfall
Kioxia hat in der vergangenen Woche Zahlen vorgelegt, die für einen Speicherchip-Hersteller ungewöhnlich sind: Der Umsatz im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2026 stieg um 415,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 1,77 Billionen Yen, der operative Gewinn erreichte 1,33 Billionen Yen bei einer Marge von 75 Prozent. Damit übertraf allein dieses eine Quartal den gesamten operativen Gewinn des Geschäftsjahres 2025 von 554,5 Milliarden Yen. Treiber war ein Anstieg der durchschnittlichen NAND-Verkaufspreise um 70 Prozent gegenüber dem Vorquartal, angeschoben von starker Nachfrage aus Rechenzentren und beim Enterprise-SSD-Geschäft.
Fast zeitgleich verkündete Kioxia am Montag zwei Kapitalmaßnahmen: einen Aktiensplit im Verhältnis 3:1, der zum 1. Oktober vollzogen werden soll – Stichtag für die Berechtigung ist der 30. September –, sowie ein Rückkaufprogramm über 800 Milliarden Yen für bis zu 30 Millionen Aktien, das seit Montag läuft und bis zum 30. Oktober andauert. Das entspricht rund 5,5 Prozent der ausstehenden Aktien.
Trotz dieser Nachrichtenlage schloss die Aktie am Freitag bei 258,00 Euro, ein Tagesverlust von 5,15 Prozent. Über die vergangenen 30 Handelstage summiert sich das Minus auf 37,15 Prozent. Rekordzahlen und Kapitalrückführung konnten den Abwärtstrend bislang nicht stoppen – genau darin liegt die Spannung für Anleger.
Die entscheidende Frage: Trägt der NAND-Preiszyklus weiter?
Für das laufende zweite Quartal stellt Kioxia einen Umsatz von 2,39 Billionen Yen in Aussicht, ein Plus von 35 Prozent gegenüber dem Vorquartal, sowie einen operativen Gewinn von 1,9 Billionen Yen bei einer Marge von fast 80 Prozent. Diese Prognose liegt unter der von Bloomberg erhobenen Konsensschätzung von 1,95 Billionen Yen. Rund 70 Prozent des erwarteten Gewinnzuwachses sollen aus höheren NAND-Preisen stammen, nur ein geringer Teil aus zusätzlichem Volumen. Ob dieser Zyklus über das dritte Quartal hinaus trägt, entscheidet mehr über den fairen Wert der Aktie als jede einzelne Kapitalmaßnahme. Bleibt die Nachfrage aus Rechenzentren und von KI-Workloads stabil, rechtfertigt das die aktuellen Margen. Kippt der Preiszyklus früher als erwartet, verliert die Bewertung ihre Grundlage – unabhängig davon, wie viele Aktien zurückgekauft werden.
Bullisches Szenario
Für Optimisten sprechen mehrere Faktoren gleichzeitig. Erstens die reine Ertragskraft: Ein Quartalsgewinn, der die Jahresleistung des Vorjahres übertrifft, ist ein seltenes Signal struktureller Preismacht im NAND-Markt. Zweitens die Kapitalmaßnahmen selbst – ein Rückkauf von 5,5 Prozent der Aktien verknappt das Angebot, während der Split die Einstiegshürde für Privatanleger senkt und potenziell neue Nachfrage schafft. Drittens die Produktseite: Kioxia präsentierte auf der Fachmesse FMS 2026 mehrere neue SSD- und Speicherlösungen für KI-Anwendungen, darunter die GP1-Serie und ein CXL-kompatibles Speichererweiterungsmodul, was auf anhaltendes Interesse an High-End-Speicher für Rechenzentren hindeutet. Mitte Juli hatte Nomura Securities sein Kursziel angehoben und die Kaufempfehlung bekräftigt, mit Verweis auf anhaltende Angebotsknappheit bei NAND-Flash; auch Goldman Sachs stufte die Aktie damals auf Kaufen hoch – beide Einschätzungen datieren allerdings vor dem aktuellen Kursrückgang und dem Viasat-Urteil.
Bärisches Szenario
Das größte konkrete Risiko trägt einen Namen: Viasat. Ein US-Geschworenengericht verurteilte Kioxia am 16. Juli zur Zahlung von 229 Millionen Dollar wegen Verletzung eines Patents auf Fehlerkorrekturtechnik bei Flash-Speichern. Die Aktie brach am 17. Juli in Tokio zeitweise um 16,1 Prozent ein. Kioxia bezeichnete das Urteil als „völlig inakzeptabel“ und kündigte an, alle rechtlichen Mittel einschließlich Berufung auszuschöpfen – der Fall ist damit keineswegs abgeschlossen, sondern läuft als angefochtenes Verfahren weiter. Am Dienstag bestätigte das Unternehmen in einer Mitteilung den Verfahrensstand erneut. Hinzu kommt die Zyklusabhängigkeit des Geschäfts: Die für das zweite Quartal in Aussicht gestellte Gewinnmarge von rund 80 Prozent beruht fast vollständig auf Preissteigerungen, nicht auf Mengenwachstum. Sollte sich der NAND-Preiszyklus schneller abkühlen als vom Unternehmen erwartet, würde die Ertragsbasis empfindlich schrumpfen. Die hohe annualisierte Volatilität der Aktie von 183,50 Prozent spiegelt genau diese Unsicherheit wider.
Ausblick
Solange die NAND-Preise wie im laufenden Quartal in Aussicht gestellt weiter steigen und die Rechenzentrumsnachfrage stabil bleibt, dürften Rückkaufprogramm und Split die Aktie mittelfristig stützen. Kippt der Preiszyklus jedoch früher, oder bringt das Berufungsverfahren im Viasat-Fall eine für Kioxia ungünstige Wendung, würde das die fundamentale Story empfindlich belasten. Als nächste konkrete Wegmarken stehen der Vollzug des Aktiensplits zum 1. Oktober, das Ende des laufenden Rückkaufprogramms Ende Oktober sowie die weitere Entwicklung des Viasat-Berufungsverfahrens an. Bis dahin bleibt der NAND-Preiszyklus der zentrale Gradmesser, an dem sich die Bewertung der Aktie messen lassen muss.
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