Die vergangenen Monate an der Börse folgten einer simplen Logik: Wer kräftig in künstliche Intelligenz investiert, wird vom Markt belohnt. Diese Woche hat diese Regel deutliche Risse bekommen. Alphabet erlebte den schwärzesten Tag seiner Börsengeschichte, Amazon und Intel legten nach US-Börsenschluss ebenfalls kräftige Verluste nach. Das ausgerechnet in der Woche, in der sich Anthropic mit einem möglicherweise historischen Börsengang an den Markt wagt. Immer mehr Anleger fragen sich, wann sich die gigantischen Investitionen in die KI-Infrastruktur tatsächlich auszahlen.
DAX überwindet 26.000 Punkte, Wall Street uneinheitlich
Der deutsche Aktienmarkt zeigte sich am Donnerstag in robuster Verfassung. Der DAX beschleunigte seine Erholung, überwand die Marke von 26.000 Punkten und schloss mit einem Plus von 1,3 Prozent – das höchste Niveau seit Anfang September. Auch der MDAX zog mit 1,2 Prozent mit. Treiber waren vor allem Unternehmenszahlen: Adidas führte die Gewinnerliste mit einem Plus von knapp 6 Prozent an, nachdem der Sportartikelhersteller für das laufende vierte Quartal wieder Wachstum in Aussicht gestellt hatte. Bemerkenswert war die Reaktion bei Volkswagen: Trotz einer milliardenschweren Abschreibung auf Porsche, Schwäche in China und Umbaukosten, die den Konzern tief in die roten Zahlen drückten, legten die Vorzugsaktien knapp 2 Prozent zu.
An der Wall Street verlief der Handel dagegen schwächer. Der Dow Jones gab 0,25 Prozent ab, der S&P 500 verlor 0,3 Prozent, die Nasdaq büßte fast 1,4 Prozent ein. Auffällig: Der Russell 2000, der Index kleinerer US-Unternehmen, legte um 1 Prozent zu. Das Kapital blieb also grundsätzlich im Markt, wurde aber umgeschichtet – weg von den großen Technologiewerten, hin zu Bereichen abseits des KI-Booms.
Die laufende Berichtssaison sortiert derzeit gnadenlos. Caterpillar übertraf zwar die Gewinnschätzungen, verfehlte aber die Wachstumsziele – die Aktie verlor daraufhin mehr als 9 Prozent. Ford dagegen gewann mehr als 12 Prozent, obwohl die Elektromobilitätssparte weiterhin Verluste produziert. Insgesamt lagen bislang vier von fünf Unternehmen im S&P 500 über den Erwartungen. Die US-Wirtschaft wuchs im dritten Quartal mit 3,4 Prozent stärker als erwartet, allerdings hat auch der Preisdruck wieder zugenommen – ein Umstand, der die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung in den USA im Dezember erhöht.
Zum Wochenschluss zeigte sich der DAX leicht schwächer und notierte in den ersten Handelsminuten knapp unter 26.000 Punkten. Sollte sich das Niveau halten, stünde dennoch ein Wochengewinn von rund 3 Prozent zu Buche. Am Nachmittag stehen deutsche Inflationsdaten an, die auch für die weitere Zinspolitik der EZB von Bedeutung sein dürften.
Lagarde tritt vorzeitig ab – Nachfolgestreit entbrannt
Die EZB beließ ihre Leitzinsen am Donnerstag erwartungsgemäß unverändert. Für Aufsehen sorgte jedoch eine andere Nachricht: EZB-Chefin Christine Lagarde tritt am 7. Februar kommenden Jahres zurück, fast neun Monate vor dem regulären Ende ihrer Amtszeit. Der Zeitpunkt ist politisch gewählt: Frankreich wählt im April einen neuen Präsidenten, und Emmanuel Macron kann die Nachfolge noch regeln, bevor möglicherweise die eurokritischen Rechtspopulisten um Marine Le Pen an Einfluss gewinnen. Eine Entscheidung über die Nachfolge soll noch vor Jahresende fallen. Als aussichtsreiche Kandidaten gelten der frühere spanische Notenbankchef, der heute die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich leitet, sowie der ehemalige Präsident der niederländischen Zentralbank, dem nachgesagt wird, auch in Deutschland gut vermittelbar zu sein. Ein deutscher Kandidat wird erneut nicht zum Zuge kommen.
Die Bilanz von Lagardes Amtszeit fällt gemischt aus. Zu Beginn der Pandemie 2020 löste eine unbedachte Äußerung von ihr Marktturbulenzen aus, die die EZB später mit einem Anleihekaufprogramm über 1,7 Billionen Euro auffangen musste. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs 2022 ließ sich die Notenbank zudem fünf Monate Zeit mit der ersten Zinserhöhung, als die Inflation davonzulaufen begann. Als wichtigstes Vermächtnis gilt dagegen ein 2022 geschaffenes Instrument, mit dem die EZB gezielt eingreifen kann, wenn die Anleihemärkte einzelner Euro-Länder unter Druck geraten – ein Werkzeug, das angesichts der Staatsschuldenkrise in Frankreich und teils auch in Italien an Relevanz gewinnt. Zudem gelang es der EZB, die Inflation auf das 2-Prozent-Ziel zurückzuführen, ohne dass es zu einer Rezession in der Eurozone kam – ein Erfolg, den die US-Notenbank bislang nicht vorweisen kann. Allerdings wurden diese Fortschritte durch eine neue, vom Nahost-Konflikt ausgelöste Inflationswelle teilweise wieder zunichtegemacht. Erwartet wird nun, dass die EZB im Dezember eine Zinserhöhung vornimmt.
Alphabet stürzt ab – Markt übersieht starke Cloud-Zahlen
Die großen US-Technologiekonzerne wollen in diesem Jahr rund 750 Milliarden Dollar in künstliche Intelligenz investieren. Die Bilanzen zeigen: Diese Pläne werden auch umgesetzt. Besonders heftig fiel die Marktreaktion bei Alphabet aus: Die Aktie verlor fast 13 Prozent – der größte Tagesverlust seit Börsennotierung. Rund 500 Milliarden Dollar Börsenwert lösten sich damit auf. Der Handel erreichte ein Volumen, das im vergangenen Jahr an keinem anderen Tag erreicht wurde. Der Kurs riss eine Kurslücke nach unten und liegt nun deutlich unter den gleitenden Durchschnitten der vergangenen 50, 100 und 200 Tage. Vom Mai-Hoch ist die Aktie inzwischen deutlich entfernt.
Der Markt konzentrierte sich dabei fast ausschließlich auf die Schwäche der Suchsparte und übersah den zweiten großen Wachstumstreiber: Die Google Cloud konnte ihren Umsatz im Berichtszeitraum mehr als verdoppeln, der operative Gewinn der Sparte verdreifachte sich deutlich. Auch die schwächere Vermarktung im KI-Modus der Suche wird von Beobachtern gelassener gesehen, da neue Werbeformate häufig mit niedrigeren Margen starten und später aufholen. Die Investmentbank Bloomberg Intelligence erwartet in einer aktuellen Studie, dass Cloud und Suchmaschine zusammen die Profitabilität wieder auf das alte Niveau heben können, sobald Google bei KI-Modellen wie Gemini wieder konkurrenzfähig ist. Ein Ausverkauf mit Rekordumsätzen, wie er gestern zu beobachten war, gilt häufig als Zeichen dafür, dass viele Investoren kapituliert haben – möglicherweise ein erster Schritt zu einer Bodenbildung.
Anthropic-Börsengang als Stimmungstest
Die Bereitschaft der Investoren, weiter in das KI-Thema zu investieren, wird in den kommenden Wochen auf eine harte Probe gestellt. Anthropic, das Unternehmen hinter dem KI-Assistenten Claude, hat seinen Börsengang gestartet. Medienberichten zufolge will das Unternehmen mindestens so viel einsammeln wie SpaceX im Juni, als rund 86 Milliarden Dollar zusammenkamen – im Gespräch sind für Anthropic sogar bis zu 100 Milliarden Dollar, was den größten Börsengang der Geschichte bedeuten würde. Das Umfeld dafür ist allerdings anspruchsvoll: Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen liegen um die 5 Prozent, was den Erwartungsdruck an das Unternehmen erhöht. Für Privatanleger dürfte der Zugang zu den Aktien in erster Linie über Fonds und in der Folge über ETFs erfolgen. Erfahrungsgemäß folgen auf euphorische erste Handelstage häufig Gewinnmitnahmen, bevor sich ein belastbarer Bewertungsboden bildet.
Amazon: Starkes AWS-Wachstum, schwaches Kerngeschäft
Amazon verlor nach Börsenschluss deutlich und war bereits im regulären Handel auf die 200-Tage-Linie zurückgefallen. Die Cloud-Tochter AWS lieferte dabei stark ab: Der Umsatz stieg im Berichtsquartal um 39 Prozent, das sechste Quartal in Folge mit beschleunigtem Wachstum. Für die kommenden beiden Jahre traut Amazon der Sparte jeweils ein Wachstum von mehr als 40 Prozent zu.
Das Stammgeschäft bereitet dagegen Sorgen: Der Onlinehandel wuchs nur noch schwach. Auch das Werbegeschäft wuchs merklich langsamer – mitbedingt durch die Vorverlegung des Rabatt-Tags Prime Day von Juli auf Juni wegen der Fußball-WM. Hinzu kommt die Investitionsseite: Amazon steckte im dritten Quartal weiterhin hohe Milliardensummen vor allem in Rechenzentren, was über die vergangenen zwölf Monate einen deutlich negativen freien Cashflow zur Folge hatte. Für das Gesamtjahr bleiben Investitionen von rund 220 Milliarden Dollar geplant, die im kommenden Jahr weiter steigen sollen. Ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor ist die enge Verflechtung mit Anthropic: Amazon ist dort gleichzeitig Wettbewerber, Vertriebspartner, Kunde und Lieferant. Nach dem Börsengang soll Amazon einen Anteil an Anthropic erhalten, zudem besteht ein Cloud-Vertrag mit Anthropic über 110 Milliarden Dollar mit zehnjähriger Laufzeit.
Intel bricht trotz guter Zahlen ein
Auch Intel erwischte es heftig: Nach Vorlage der Zahlen brach die Aktie nachbörslich deutlich ein, obwohl das Quartal grundsätzlich solide war. Der Umsatz stieg um 21 Prozent, der Gewinn je Aktie lag mit 52 Cent über den Schätzungen, die Sparte für Rechenzentren und KI wuchs um 78 Prozent. Der Absturz lag am Ausblick: Für das vierte Quartal erwartet Intel 15 bis 16 Milliarden Dollar Umsatz, während Analysten mit 17 Milliarden gerechnet hatten. Beim bereinigten Gewinn je Aktie wird mit 25 Cent gerechnet, erwartet worden waren 43 Cent. Die Bruttomarge soll zudem deutlich sinken.
Hintergrund ist eine Kettenreaktion im Zuge des KI-Booms: Die hohe Nachfrage der Rechenzentren nach Speicherchips hat deren Preise stark steigen lassen, wodurch Laptops und Desktop-PCs teurer werden und die Nachfrage zurückgeht. Intel rechnet nun damit, dass der PC-Markt nach einem Minus von 12 Prozent in diesem Jahr auch im kommenden Jahr um 10 Prozent schrumpfen wird – ein Problem für den Konzern, da das PC-Geschäft weiterhin der größte Umsatzbringer ist.
SanDisk trotz Rekordzahlen unter Druck
Speicherchip-Hersteller SanDisk profitierte von der Knappheit am Markt und konnte den Umsatz im ersten Geschäftsquartal deutlich steigern auf gut 11 Milliarden Dollar. Die bereinigte Bruttomarge kletterte binnen zwölf Monaten von rund 30 auf 85 Prozent, der Umsatz mit Rechenzentren legte im Jahresvergleich massiv zu. Auch der Ausblick übertraf die Erwartungen, zusätzlich ist demnächst ein Aktiensplit im Verhältnis 8 zu 1 geplant. Dennoch gab die Aktie im regulären Handel rund 5 Prozent nach und verlor auch nachbörslich weiter. Als Schwachpunkt wurde der Bereich Speicher für Smartphones und PCs ausgemacht, der trotz eines Umsatzwachstums von 320 Prozent die Schätzungen verfehlte. Angesichts eines Kursanstiegs von über 460 Prozent seit Jahresbeginn reichten die starken Zahlen offenbar nicht mehr aus, um die gestiegenen Erwartungen zu erfüllen.
Starbucks überzeugt mit Sanierungserfolg
Abseits der Technologiewelt lieferte Starbucks positive Signale. Die Kaffeehauskette verzeichnete zum fünften Mal in Folge ein Umsatzplus auf vergleichbarer Fläche, in den USA lag das Plus bei 7 Prozent, die Zahl der Transaktionen wuchs um 2,4 Prozent. Die operative Marge verbesserte sich das dritte Quartal in Folge und lag zuletzt bei 10,8 Prozent nach 2,9 Prozent im Vorjahr, bereinigt um Sondereffekte sogar bei 14 Prozent. Der bereinigte Gewinn je Aktie stieg von 52 auf 80 Cent und übertraf die Erwartungen deutlich. Die Aktie hat seit Jahresbeginn rund ein Viertel an Wert gewonnen, nachbörslich gab es nach der vorangegangenen Rallye eine leichte Gegenbewegung.
Pharma-Riesen als Ausweichziel
Während der Tech-Sektor unter Druck steht, meldeten gleich drei große US-Pharmakonzerne Rekordumsätze und hoben ihre Jahresprognosen an: Eli Lilly, Merck und Bristol Myers Squibb. Das ist bemerkenswert, da US-Präsident Trump mit nahezu allen großen Herstellern Vereinbarungen getroffen hat, die die Medikamentenpreise in den USA an das Niveau anderer Industrieländer heranführen sollen. Die meisten Preiszugeständnisse betreffen jedoch staatliche Programme, während der private Versicherungsmarkt weitgehend unberührt bleibt. Wo Preise sinken, gleichen höhere Absatzmengen dies offenbar aus.
Eli Lilly, inzwischen der wertvollste Pharmakonzern der Welt, steigerte den Umsatz im dritten Quartal um 39 Prozent und übertraf die Erwartungen um fast zwei Milliarden Dollar, getragen von zwei Präparaten mit demselben Wirkstoff. Die Jahresprognose wurde bereits zum dritten Mal in diesem Jahr angehoben, auf 91 bis 92 Milliarden Dollar. Die Aktie erreichte ein neues Rekordhoch.
Bristol Myers Squibb hob die Umsatzprognose auf bis zu 50,25 Milliarden Dollar an, das Quartal lag über den Schätzungen. Die neueren Medikamente des sogenannten Wachstumsportfolios legten um 12 Prozent zu und stehen bereits für fast 60 Prozent des Umsatzes – wichtig, da der Blutverdünner Eliquis ab 2028 Konkurrenz durch Nachahmerpräparate bekommen dürfte. Bis Jahresende werden Ergebnisse einer großen Studie zur Schlaganfallvorbeugung erwartet.
Für europäische Anleger ist Sanofi von Interesse: Der Konzern hob seine Prognose zum zweiten Mal in Folge an, Umsatz und Gewinn sollen zweistellig wachsen. Das Medikament Dupixent gegen Neurodermitis und Asthma erzielte im dritten Quartal 5,7 Milliarden Euro, eine halbe Milliarde mehr als erwartet. Da der Patentschutz Anfang der 2030er Jahre ausläuft und ein Nachfolgeprodukt bislang fehlt, sucht Sanofi nach größeren Übernahmen und will bis Jahresende ein Strategie-Update vorlegen.
Insgesamt zeigt der Branchenindex Bloomberg Pharma, der 600 Unternehmen umfasst, seit Mai einen stabilen Aufwärtstrend – ein Hinweis darauf, dass die politischen Regulierungsbemühungen in den USA bislang weniger Druck auf die Branche ausüben als befürchtet. Einzelwerte im Pharmabereich bleiben jedoch volatil, da gescheiterte Studien kurzfristig erheblichen Kursdruck erzeugen können.
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