Die US-Börsen haben am Donnerstag einen der schwärzsten Handelstage seit dem Zollschock im April 2025 erlebt. Nur 24 Stunden nachdem die Wall Street das Ergebnis der US-Midterms noch mit Kursgewinnen gefeiert hatte, drehte die Stimmung radikal. Im Zentrum des Ausverkaufs standen Technologie- und Halbleiterwerte. Die Verkaufswelle setzte sich in der Nacht durch Asien fort und drückte am Freitagmorgen auch auf die europäischen Börsen.
Ein historischer Einbruch
Die Zahlen des Donnerstags sprechen für sich: Der Nasdaq Composite verlor 5,5 Prozent und schloss bei 24.315 Punkten – mehr als 10 Prozent unter seinem Rekordhoch vom 6. Oktober und damit per Definition in der Korrektur. Der NASDAQ 100 fiel um 6,4 Prozent, der stärkste Tagesverlust seit März 2020. Der S&P 500 gab rund 4,4 Prozent nach, der Dow Jones verlor 3,4 Prozent. Für alle drei Indizes war es der schwerste Handelstag seit April 2025. Charttechnisch bedenklich: Der Nasdaq Composite durchbrach dabei deutlich seine 200-Tage-Linie.
Besonders hart traf es die Halbleiterbranche. Der Philadelphia Semiconductor Index (SOX) stürzte um gut 12 Prozent ab – ein derartiger Tagesverlust wurde seit der Corona-Pandemie nicht mehr verzeichnet. Nvidia verlor mehr als 9 Prozent, wodurch sich rund 450 Milliarden Dollar an Börsenwert auflösten. AMD fiel deutlich, Micron um gut 17 Prozent, der Speicherspezialist SanDisk büßte sogar mehr als 22 Prozent ein.
Die Verluste zogen sich durch die gesamte Lieferkette des KI-Ausbaus: Spezialisten für Kühlung und Stromversorgung von Rechenzentren fielen um über 14 Prozent, der Brennstoffzellenanbieter Bloom Energy fiel deutlich. Auch die sogenannten Neo-Clouds, Anbieter von Rechenzentrumskapazität für KI-Anwendungen, wurden kräftig abverkauft. Insgesamt verloren die Unternehmen im S&P 500 an diesem einen Handelstag massiv an Börsenwert.
Mehr als 420 der 500 Werte im S&P 500 schlossen im Minus. Der Volatilitätsindex VIX sprang um rund 70 Prozent auf über 27 Punkte, den höchsten Stand seit Ende März. In Asien setzte sich der Ausverkauf fort: Der Nikkei verlor rund 6 Prozent, der südkoreanische KOSPI rutschte zeitweise um 9 Prozent ab, sodass der Handel per Notbremse kurz ausgesetzt wurde. Samsung und SK Hynix zählten dort zu den größten Verlierern. Der Leitindex in Taiwan schloss 4,5 Prozent tiefer. Immerhin notierten die US-Futures, etwa auf den Nasdaq 100, am Freitagmorgen leicht im Plus.
Drei Brandbeschleuniger
Für den Einbruch lassen sich drei zusammenwirkende Faktoren identifizieren. Erstens ein politischer: Der Wahlsieg der Demokraten weckt Zweifel am Tempo des Rechenzentrums-Ausbaus in Bundesstaaten wie Texas und Georgia. Nach Daten des Marktforschers CleanView sollen rund 40 Prozent der geplanten US-Rechenzentrumskapazität in Bundesstaaten entstehen, deren neu gewählte Gouverneure einen Stopp oder eine Pause solcher Projekte angekündigt haben. JPMorgan verweist darauf, dass nahezu alle lokalen Abstimmungen gegen Rechenzentren erfolgreich waren, die UBS sieht 30 Prozent der für 2028 geplanten Kapazität in Gefahr. Was am Mittwoch noch als Entlastung für die Bilanzen der Tech-Konzerne gewertet wurde, erschien am Donnerstag in seiner Kehrseite: Weniger Rechenzentren bedeuten weniger Aufträge für Chip-, Speicher-, Kühl- und Stromversorgungsunternehmen.
Zweitens kamen enttäuschende Signale aus den Bilanzen. Qualcomm und ARM hatten am Mittwochabend Zahlen vorgelegt, die zwar über den Erwartungen lagen, aber Schwachstellen offenbarten – Qualcomm warnte vor steigenden Kosten entlang der Lieferkette. Beide Aktien verloren daraufhin deutlich zweistellig.
Der dritte und wohl wichtigste Faktor betrifft die Finanzierungsseite: Viele Marktteilnehmer, vor allem Hedgefonds, hatten mit geliehenem Geld auf KI gesetzt. Nach Zahlen der US-Aufsicht FINRA erreichten Wertpapierkredite im September knapp 1,5 Billionen Dollar – 350 Milliarden mehr als ein Jahr zuvor. Fallende Kurse lösten Nachschusspflichten aus, was wiederum Zwangsverkäufe und weiteren Kursdruck erzeugte. Viele Hedgefonds hatten bereits im Oktober deutliche Verluste erlitten, am Donnerstag kursierten an der Wall Street Listen von Fonds, die ihre Aktienbestände abstießen. Hinzu kamen computergesteuerte Strategien, die ihr Risiko automatisch an die Marktschwankungen anpassen – nach Modellrechnungen der Großbank Barclays könnten diese Fonds innerhalb von ein bis zwei Tagen US-Aktien-Futures im Volumen von rund 135 Milliarden Dollar verkauft haben. Auch Privatanleger trennten sich von so vielen Einzelaktien wie seit der Pandemie nicht mehr.
Ist die KI-Blase geplatzt?
Ein Platzen der KI-Blase lässt sich aus den vorliegenden Fakten nicht ableiten – eher eine angestochene Blase bei intakter Grundstory. An der Nachfrage nach Rechenleistung hat sich über Nacht nichts geändert, Unternehmen setzen KI in immer mehr Bereichen ein, Kapazitäten bleiben knapp. Verändert hat sich lediglich die Unsicherheit über das Ausbautempo – und Unsicherheit verträgt die Börse erfahrungsgemäß am schlechtesten.
Vieles von dem, was derzeit eingepreist wird, dürfte sich als überzogen erweisen. Zwar wollen die Demokraten den Ausbau regulieren, Betreiber stärker an Kosten beteiligen und Gemeinden einbinden. Analysten von TD Asset Management halten eine scharfe Regulierung auf Bundesebene jedoch für unwahrscheinlich, da der Präsident ein Veto einlegen könnte. Zudem schaffen Rechenzentren viele Arbeitsplätze in gewerkschaftlich organisierten Bauberufen. OpenAI hat bereits zugesagt, Gemeinden offener über Lärm-, Wasser- und Stromverbrauch zu informieren.
Auch die Bewertungen sind durch den Ausverkauf deutlich gesunken. Der Halbleiter-ETF von iShares wurde im Juni noch deutlich höher bewertet, aktuell liegt dieser Wert bei rund 16 – so niedrig wie seit 2023 nicht mehr. Gleichzeitig erwarten Analysten für die im ETF enthaltenen Unternehmen im kommenden Jahr einen Gewinnzuwachs von rund 50 Prozent. Nvidia ging nach den Abschlägen mit einem deutlich gesunkenen KGV auf die erwarteten Gewinne in den Handel, unter der Bewertung des S&P 500.
Auch der historische Blick spricht für Gelassenheit: Seit 1950 lag der S&P 500 sechs und zwölf Monate nach einer Zwischenwahl stets höher als am Wahltag selbst.
Risiken bleiben dennoch bestehen: Der Nasdaq ist so schnell von seinem Rekordhoch in die Korrektur gerutscht wie seit August 2024 nicht mehr. Solange die Zwangsverkäufe der Hedgefonds nicht abgeschlossen sind, dürften weitere heftige Kursausschläge folgen. Die Korrektur im KI-Segment könnte sich noch einige Wochen hinziehen.
Rotation statt Ausverkauf
Von einer abgesagten Jahresendrallye kann dennoch nicht automatisch ausgegangen werden – das Kapital verlässt den Markt nicht, es verschiebt sich. Besonders deutlich zeigt sich das bei Low-Volatility-Strategien: Ein ETF von Invesco, der die 100 ruhigsten Werte des S&P 500 bündelt, verlor am Donnerstag nur gut 1 Prozent, während der Gesamtmarkt mehr als 4 Prozent einbüßte.
Zu den Gewinnern der Rotation zählt Europa, allen voran Deutschland. Der DAX markierte am Donnerstag zeitweise ein neues Intraday-Rekordhoch und zeigt trotz aller Belastungen bemerkenswerte relative Stärke. Gefragt waren konjunkturabhängige Werte wie Heidelberg Materials, Autohersteller sowie Chemiewerte wie BASF.
Auch Anleihen profitierten deutlich: Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen fiel auf 4,81 Prozent, den tiefsten Stand seit zwei Monaten. Die negative Korrelation zwischen Aktien und Anleihen bietet Anlegern damit eine Ausweichmöglichkeit. Der gleichgewichtete S&P 500 erreichte bereits am Mittwoch ein Rekordhoch – ein Zeichen dafür, dass sich die Marktbreite insgesamt vergrößert.
Mögliche Ansatzpunkte für mutige Anleger
Unter den stark abgestraften Werten sticht Micron hervor: Die Aktie hat seit ihrem Rekordhoch im Juni rund 40 Prozent verloren, allein am Donnerstag 17 Prozent – auch wegen Meldungen, wonach der Marktanteil des Unternehmens bei Arbeitsspeichern von 26 auf 21 Prozent gesunken ist. Speicherchips bleiben jedoch ein knappes Gut, die Produktion ist teils bis 2030 ausverkauft. Mit einem deutlich gesunkenen KGV ist der Abwärtstrend überzogen.
Auch IREN, ein Vertreter der Neo-Clouds, wird genannt. Das aus dem Bitcoin-Mining stammende Unternehmen betreibt eigene Rechenzentren, vermietet Rechenleistung und verfügt bereits über genehmigte Stromanschlüsse. Der Umsatz mit KI-Rechenleistung hat sich gegenüber dem Vorquartal fast verdreifacht, allerdings bleibt das Investment spekulativ, da das Unternehmen weiterhin Verluste ausweist.
Wer es solider bevorzugt, findet auch bei großen Plattformen wie Nvidia oder Broadcom günstige Bewertungen wie seit langem nicht mehr – Broadcom etwa notiert mit weniger als dem 16-fachen des erwarteten Gewinns. Ein gestaffelter Einstieg statt einer Komplettinvestition wird empfohlen.
Was Anleger jetzt tun können
Wer in der Korrektur auf dem falschen Fuß erwischt wurde, sollte bestehende Positionen nicht in Panik verkaufen – aus einem Buchverlust würde sonst ein realer Verlust. Stattdessen kann das Klumpenrisiko durch neue Positionen in andere Bereiche gesenkt werden, etwa über einen gleichgewichteten S&P-500-ETF. Mutige Anleger mit Liquidität können den Ausverkauf für eine gestaffelte Suche nach günstig bewerteten Chip-Werten nutzen. Wer ohnehin nicht aktiv handeln muss, sollte prüfen, ob die eigene Vermögensaufteilung noch zur aktuellen Marktlage passt.
Kurzfristig richtet sich der Blick auf den US-Arbeitsmarktbericht für Oktober, der am Freitag um 14:30 Uhr veröffentlicht wird. Fällt er zu stark aus, könnten Sorgen vor einer Zinserhöhung der US-Notenbank im Dezember neue Nahrung erhalten. Ein unauffälliger Bericht würde dagegen zur Beruhigung der Märkte beitragen.
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