DAX tritt auf der Stelle, Nebenwerte legen zu
Der DAX zeigte gestern eine deutlich ausgeweitete Tagesspannbreite und stieß zeitweise an seine 50-Tage-Linie, schloss am Ende aber leicht im Minus. Deutlich stärker entwickelte sich die zweite Reihe: Der MDAX legte zu. Die Rolle der Nebenwerte dürfte in den kommenden Tagen ein wiederkehrendes Thema bleiben, sowohl in Deutschland als auch möglicherweise in den USA.
Getrieben wurde das Marktgeschehen zuletzt von der Entwicklung an den Ölmärkten und den Renditen amerikanischer Staatsanleihen. Die Ölnotierungen gaben in den vergangenen Tagen deutlich nach, nachdem der Iran wiederholt Gesprächsbereitschaft signalisiert hatte. Brent rutschte inzwischen knapp unter die Marke von 100 Dollar, was dem Gesamtmarkt Unterstützung verlieh. An der Wall Street fiel das Bild gemischt aus: Der S&P 500 schloss leicht schwächer, der Dow Jones gab 0,36 Prozent nach, während der Nasdaq 100 zulegte.
Bei den Einzelwerten stach Amgen mit einem deutlichen Plus hervor – der Biotechnologiekonzern hatte positive vorläufige Ergebnisse aus einer späten Studienphase zu einem Mittel gegen eine Autoimmunkrankheit vorgelegt. GameStop gewann nach Insiderkäufen aus dem Management fast 4 Prozent.
Iran und USA verhandeln wieder – Öl bleibt der Schlüssel
Für Bewegung sorgte am Morgen die Nachricht, dass Vertreter der USA und des Iran am Rande der UN-Generalversammlung in New York erstmals seit Monaten wieder direkt miteinander verhandelt haben. Das rund dreistündige Gespräch bezeichnete US-Präsident Trump als sehr gut verlaufen. Als Vermittler traten erneut Pakistan und Katar auf. Iranische Staatsmedien bestätigten das Treffen und erklärten, man habe den USA Bedingungen für eine Öffnung der Straße von Hormus übermittelt – darunter die Aufhebung der amerikanischen Seeblockade, die Freigabe eingefrorener iranischer Vermögenswerte sowie ein Ende der Kämpfe an allen Fronten.
Wie weit der Weg zu einem belastbaren Waffenstillstand noch ist, machte Trump wenige Stunden zuvor in seiner Rede vor der UN-Vollversammlung deutlich: Er stellte dem Iran ein wirtschaftlich stützendes Abkommen oder die Vernichtung der Islamischen Republik in Aussicht und erklärte zugleich, mit einer Einigung rechne er erst nach den Zwischenwahlen im November. Für die Märkte bleibt am Ende die zentrale Frage, ob die Straße von Hormus wieder freigegeben wird und Öl sicher transportiert werden kann. Solange diese Frage offen bleibt, dürften Entspannungssignale nur von begrenzter Dauer sein.
Auf der Terminagenda stehen heute die Einkaufsmanager-Indizes für Industrie und Dienstleistungen aus Frankreich, Deutschland und der Eurozone, am Nachmittag folgen die entsprechenden US-Daten. Zudem beginnt der dreitägige Staatsbesuch des chinesischen Partei- und Staatschefs Xi Jinping in den USA, bei dem es um Zölle, Sicherheitsfragen und künstliche Intelligenz geht. Auf Unternehmensseite lädt Adidas zu einer Investorenveranstaltung, während Meta am Abend seine Entwicklerkonferenz Connect abhält.
KI-Agent Muse trifft Banken, Versicherer und Reiseportale
Nachdem Halbleiterwerte zu Wochenbeginn von Metas KI-Assistenten Muse deutlich beflügelt worden waren, teils mit zweistelligen Kursgewinnen, zeigte sich gestern die Kehrseite dieser Entwicklung. Betroffen waren ausgerechnet Branchen, die lange als besonders stabil galten: Banken, Versicherer und Reiseportale.
Der KBW Nasdaq Bank Index verlor deutlich und schloss so tief wie seit Juni nicht mehr. Bei den Einzelwerten gaben JPMorgan und Wells Fargo deutlich ab, Morgan Stanley verlor 2,9 Prozent, der Versicherer Allstate 5,5 Prozent und der Broker Charles Schwab gut 6 Prozent. Auch Vermögensverwalter standen unter Druck. Auffällig war zudem der Kurseinbruch bei auf den ersten Blick branchenfremden Werten: Die Fitnesskette Planet Fitness brach um 9,5 Prozent ein, die New York Times um 7,2 Prozent, der Steuerdienstleister H&R Block um 3,7 Prozent und der Softwareanbieter Intuit um 3,9 Prozent.
Auch in Europa war die Telekom-Branche der schwächste Sektor im Stoxx 600: Orange aus Frankreich und BT aus Großbritannien verloren rund 4 Prozent, auch die Deutsche Telekom war betroffen.
Hinter der scheinbar zufälligen Mischung dieser Aktien steht laut Goldman Sachs das Konzept der „Konsumträgheit“ – die menschliche Neigung, bei einmal gewählten Anbietern zu bleiben, selbst wenn es bessere Angebote gibt, etwa beim Girokonto, der Kfz-Versicherung oder dem Fitnessstudio-Vertrag. Goldman Sachs führt dazu einen Aktienkorb mit Geschäftsmodellen, die auf wiederkehrenden Rechnungen und Zusatzleistungen basieren. Dieser Korb verlor gestern 2,6 Prozent und verzeichnete damit seinen schwächsten Tag seit Februar.
Auslöser war, dass der KI-Agent Muse im Apple App Store in den USA auf Platz 1 der kostenlosen Apps kletterte, einen Rang vor ChatGPT von OpenAI. Nutzer berichteten auf der Plattform X, sie hätten die App bereits als Reisebüro und Versicherungsmakler eingesetzt. Die dahinterstehende Sorge: Kann ein Programm binnen Sekunden Tarife vergleichen, kündigen und den Wechsel erledigen, verliert die Konsumträgheit ihren Wert für die betroffenen Unternehmen.
Es gibt aber auch Profiteure dieser Entwicklung: Shopify verkündete am Montag die Anbindung an Muse, PayPal folgte am Dienstag – beide Aktien konnten zulegen. Die Meta-Aktie selbst gewann nach dem Kurssprung vom Wochenbeginn zwischenzeitlich weitere 1,3 Prozent. Aus dem Analystenlager wird argumentiert, dass künstliche Intelligenz bei Endverbrauchern bislang über Abonnements und Werbung monetarisiert wurde – mit der Ausführung von Transaktionen könnte eine dritte Erlösquelle hinzukommen.
Die Marktreaktion erscheint jedoch in ihrem Tempo überzogen: Eine App, die erst seit wenigen Tagen die Downloadcharts anführt, hat noch keinen einzigen Versicherungsvertrag umgeschrieben. Der Wechsel einer Kfz-Police erfordert Zulassung, Risikoprüfung und regulatorische Freigaben, ein Kontowechsel hängt an Daueraufträgen und Baufinanzierungen. Ein Teil der Verluste bei Finanz- und Konsumwerten dürfte zudem schlicht Umschichtung gewesen sein: Kapital floss aus defensiven Werten zurück in zuletzt unter Druck stehende Technologiewerte. Bezeichnend dafür ist der Kursverlauf von Expedia: Der Touristikvermittler stand zwischenzeitlich mehr als 4 Prozent im Minus, ging aber am Ende nahezu unverändert aus dem Handel – ein Zeichen dafür, dass negative Reflexe schnell korrigiert werden können.
Dennoch gilt: Wer Banken, Versicherer oder Reiseanbieter im Depot hat, deren Geschäftsmodell durch Automatisierung angreifbar werden könnte, sollte diese Entwicklung ernst nehmen, auch wenn die Tagesschlagzeilen selbst noch kein Grund für hektisches Handeln sind.
Short-Wetten bauen sich wieder auf – Nikkei am pessimistischsten positioniert
Die Großbank Citi hat ausgewertet, wie Anleger über Terminkontrakte und Optionen auf die großen Indizes positioniert sind. Demnach haben Anleger weltweit in der vergangenen Woche Risiko aus dem Markt genommen. Short-Positionen sind an mehreren Märkten zurückgekehrt, besonders bei amerikanischen Nebenwerten, in Europa und Teilen Asiens. Ausgelöst wurde das durch die Mischung aus der Zinsentwicklung, hohen Energiepreisen und geopolitischen Spannungen.
Beim S&P 500 liegen derzeit rund 80 Prozent aller Wetten im Verlust – sowohl bei Long- als auch bei Short-Positionen, je nachdem, wann sie eingegangen wurden. Entscheidend ist, dass aktuell die Pessimisten das größere Lager bilden. Genau das erklärt teils die Stärke des Nasdaq 100, der gestern deutlich zulegte: Ein Teil der Bewegung dürfte auf Short-Eindeckungen zurückgehen, also erzwungene Rückkäufe von Anlegern, die auf fallende Kurse gesetzt hatten.
Für den deutschen Markt fällt das Bild ungemütlicher aus: Beim DAX und beim europäischen Bankenindex sind zuletzt neue Wetten auf fallende Kurse hinzugekommen. Der DAX weist in Europa das schwächste Gewinn- und Verlustprofil auf, Anleger mit Long-Positionen liegen im Schnitt hinten und nutzen Erholungen eher, um zum Einstandskurs auszusteigen – was Aufwärtsbewegungen bremst.
Am deutlichsten zeigt sich das Spiel zwischen Short und Long derzeit in Asien: Der Nikkei ist der am pessimistischsten positionierte große Markt, mehr als 40 Prozent der dortigen Wetten auf fallende Kurse liegen im Minus. Laut Citi könnte dort bereits ein einzelner positiver Auslöser – etwa eine Entspannung bei Zinsen oder Ölpreis, oder eine Annäherung zwischen USA und Iran – eine überproportional große Gegenbewegung anstoßen und Nikkei wie Topix nach den bereits starken Monaten weiter beflügeln.
BMW und Mercedes: Die Chip-Frage entscheidet über die Zukunft
Charttechnisch zeigen sich BMW und Mercedes-Benz stark angeschlagen. BMW fiel vom Jahreshoch von über 95 Euro zeitweise bis auf fast 55 Euro und notiert aktuell knapp unter 60 Euro im Ringen mit der 50-Tage-Linie. Bei Mercedes-Benz ging es vom Jahreshoch bis auf zeitweise rund 43 Euro nach unten; eine zaghafte Erholung im Sommer wurde in den vergangenen 14 Tagen wieder zunichtegemacht. Mercedes-Benz zeigt sich charttechnisch angeschlagener, da die 50-Tage-Linie nach unten durchbrochen wurde. Als Gründe gelten Absatzprobleme in China sowie Zollthemen.
Für die kommende Dekade könnte jedoch eine andere Entscheidung wichtiger werden: BMW hat die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Chipkonzern Qualcomm ausgeweitet. Qualcomm liefert künftig Hochleistungsprozessoren für Fahrerassistenzsysteme und erstmals auch für das Infotainment; die ersten Fahrzeuge mit Qualcomm-Prozessoren sollen zu Beginn der 2030er Jahre vom Band laufen. Die Vereinbarung ist nicht exklusiv – Qualcomm verkauft die Lösung auch an andere Autobauer, BMW verdient daran mit.
Bei Mercedes setzt der Konzern beim Infotainment ebenfalls auf Qualcomm, beim automatisierten Fahren in westlichen Märkten jedoch auf Nvidia. Diese Partnerschaft hat ihren Preis: Nvidia ist bei der Entwicklung finanziell in Vorleistung getreten und ist laut Konzernkreisen an den Umsätzen beteiligt, die Mercedes mit autonomem Fahren erzielen wird. Dieses Modell markiert einen Wandel in der Branche – früher übernahmen Hersteller einen Teil der Entwicklungskosten ihrer Zulieferer und behielten den Rest der Erlöse, heute liefert der Chipkonzern ein fertiges System und behält dauerhaft einen Anteil am Umsatz.
Die Größenverhältnisse verdeutlichen die neue Machtbalance: Nvidia rechnet mittelfristig mit einem Gesamtumsatz von etwa 700 Milliarden Dollar. Mercedes und BMW kamen 2025 zusammengerechnet auf rund 310 Milliarden Dollar Umsatz – der Chiplieferant ist damit fast dreimal so groß wie seine beiden prominenten deutschen Kunden zusammen.
Der weltweite Umsatz mit Autochips belief sich im vergangenen Jahr auf 77 Milliarden Dollar und könnte sich bis 2031 auf rund 160 Milliarden Dollar mehr als verdoppeln. Allein das Geschäft mit Assistenzsystemen soll von 34 auf 66 Milliarden Dollar zulegen, mit Schwerpunkt auf Rechenleistung und Software statt auf Sensorik. Infineon, weltweit umsatzstärkster Anbieter von Autochips, ist in diesem Wachstumssegment der Zentralrechner nicht vertreten und eher bei den vielen kleineren Halbleitern im Fahrzeug engagiert. Zudem bahnt sich bei Speicherchips ein Engpass an, weil Autohersteller um dieselben Kapazitäten konkurrieren wie Rechenzentren.
Beim automatisierten Fahren verfolgen BMW und Mercedes aktuell denselben vorsichtigen Kurs mit Fokus auf teilautomatisierte Systeme, bei denen der Fahrer aufmerksam bleiben muss. Pläne für höhere Automatisierungsstufen wurden bei beiden zurückgestellt, da Nachfrage und Kosten derzeit nicht passen – zumal der europäische Markt regulatorisch eng gefasst ist.
Für Anleger ergibt sich daraus ein zwiespältiges Bild: Die Bewertungen beider Aktien sind günstig geworden, die Dividendenrenditen attraktiv. Entscheidend bleibt jedoch, wie viel von der Wertschöpfung des Autos der Zukunft künftig beim Hersteller verbleibt, wenn ein erheblicher Teil der Erlöse aus neuen Funktionen an Chiplieferanten fließt und gleichzeitig der Wettbewerb aus China die Preise drückt. Ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis allein ist deshalb kein hinreichendes Argument. Beide Konzerne müssen mit Blick auf die Ergebnisse des vierten Quartals und die Zulassungszahlen, insbesondere bei der Elektromobilität, überzeugendere Argumente liefern. Beide Aktien zeigen bislang nur zaghafte Anzeichen einer möglichen Bodenbildung.
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