Ein einziger Satz des Broadcom-Chefs Hock Tan hat ausgereicht, um die globalen Chipwerte ins Rutschen zu bringen. Auf einer Veranstaltung in Singapur verglich Tan die Stimmung rund um künstliche Intelligenz mit einem Casino und warnte, viele Anleger wüssten kaum, worin sie eigentlich investierten. Noch bemerkenswerter war sein zweiter Punkt: Das größere Problem beim KI-Ausbau sei inzwischen womöglich die Finanzierung und weniger der Mangel an Chips. Diese Aussage hat dem gesamten Sektor spürbar zugesetzt.
Ausverkauf in Asien, gemischtes Bild in den USA
In Südkorea verlor der Leitindex am Morgen zeitweise fast 7 %. Samsung und SK Hynix büßten deutlich ein, der japanische Speicherhersteller Kioxia brach spürbar ein. Der südkoreanische Index KOSPI notiert damit inzwischen rund ein Drittel unter seinem im Juni erreichten Rekordhoch. Zusätzlichen Druck bringt der chinesische Speicherchip-Hersteller CXMT, der offenbar Fortschritte bei einer neuen Architektur für Arbeitsspeicher gemacht hat und bis Jahresende ein entsprechendes Produkt für Rechenzentren auf den Markt bringen will – ein Bereich, an dem auch Samsung und SK Hynix arbeiten. Zwar gilt es als unwahrscheinlich, dass CXMT die Weltmarktstellung von Samsung, SK Hynix und Micron tatsächlich gefährdet, doch der chinesische Heimatmarkt könnte sich zunehmend gegen westliche Konkurrenz abschotten.
In New York fehlte am Montag wegen des Columbus Day ein wichtiger Mitspieler, der Anleihenmarkt blieb geschlossen, auch an den Aktienbörsen wurde wenig gehandelt. Der Dow Jones legte um 0,38 % zu, der S&P 500 trat mit minus 0,06 % auf der Stelle, der Nasdaq 100 gab nach. Unter der Oberfläche zeigte sich ein differenziertes Bild: Fast zwei Drittel der S&P-Werte legten zu, 9 von 11 Sektoren schlossen im Plus. Unter Druck gerieten vor allem jene Aktien, die in diesem Jahr am stärksten gelaufen waren – ein breit gestreuter Fonds auf US-Halbleiterwerte verlor 2,6 % und damit den fünften Tag in Folge. Für den heutigen Handelstag zeichnete sich bei den Frühindikationen ein schwächerer Start ab, der vor allem Chipwerte wie Infineon, Süss MicroTec und Aixtron trifft, die vorbörslich deutlich im Minus notierten.
DAX hält sich wacker, Rüstungswerte vorn
In Frankfurt verlief der Montag trotz der Nachrichtenlage recht freundlich. Der DAX legte zu und gewann damit wieder etwas Abstand zur Marke von 25.000 Punkten. Charttechnisch steht der Index vor einer Entscheidungssituation: Die 21-Tage-Linie, die den kurzfristigen Trend beschreibt, zeigt weiterhin leicht nach unten, dort prallte der Index gestern ab. Nach unten bietet die 200-Tage-Linie Halt.
Stärkste Gruppe waren erneut die Rüstungswerte. Rheinmetall führte den DAX mit einem Plus von 2,5 % an, in der zweiten Reihe zogen auch Renk und Hensoldt an. Auslöser war eine Einschätzung von Morgan Stanley, wonach eine Rallye im Sektor zum Jahresende gut möglich sei.
Am Nachmittag beginnt die Berichtssaison mit den US-Großbanken Goldman Sachs, JPMorgan, Wells Fargo und Citigroup – Zahlen, die auch die Aktie der Deutschen Bank bewegen dürften.
Wie groß ist die Abhängigkeit vom KI-Boom wirklich?
Die Gewichtung von KI-Werten im US-Markt ist enorm. Nach Berechnungen von J.P. Morgan stehen 41 KI-Aktien seit dem Start von ChatGPT im November 2022 für rund 75 % der Kursgewinne im S&P 500, für 80 % des Gewinnwachstums und für 90 % des Anstiegs der Investitionen. Diese Gruppe macht inzwischen rund 49 % des gesamten Börsenwertes im S&P 500 aus. Die zehn größten Werte im Index liefern allein 37 % der Gewinne – so viel wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr.
Ein Professor der Columbia University hat die Kosten des KI-Ausbaus bis 2032 auf rund 10,3 Billionen Dollar beziffert. Damit sich dies mit einer durchschnittlichen Rendite von 10 % trägt, müssten die jährlichen Erlöse bis 2032 auf etwa 3,55 Billionen Dollar steigen – mehr als 9 % der US-Wirtschaftsleistung. OpenAI und Anthropic kommen derzeit gemeinsam auf rund 100 Milliarden Dollar Umsatz, müssten diesen also Jahr für Jahr um mehr als 80 % steigern.
Für das dritte Quartal erwarten Analysten im S&P 500 ein Gewinnplus von rund 30 %, zwei Drittel davon aus Technologie und KI. Gleichzeitig notieren die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen so hoch wie seit langem nicht mehr, und der Ölpreis hat sich an der 100-Dollar-Marke festgesetzt. Seit Ende Mai hat der S&P 500 nur noch wenig zugelegt, nach mehr als 10 % in den ersten fünf Monaten des Jahres. Die Messlatte für die laufende Berichtssaison liegt entsprechend hoch.
Gewinner abseits der Chip-Hersteller
Als mögliche Profiteure in diesem Umfeld gelten Unternehmen, die KI bereits produktiv einsetzen oder von sinkenden KI-Kosten profitieren. Palantir zählt dazu: Die Software ermöglicht es, KI-Modelle unterschiedlicher Anbieter in Unternehmensabläufe einzubinden. Zunehmend werden leistungsfähige Open-Weights-Modelle angeboten, deren Parameter frei zugänglich sind und die Unternehmen auf eigenen Servern betreiben können. Der Rüstungskonzern L3Harris konnte mit Hilfe von Palantir seine Kosten für KI-Rechenleistung um 95 % senken. Palantir und der Drohnen- und Funkspezialist Ondas gründen zudem gemeinsam die Firma „Regna AI“, die Staaten und Unternehmen beim Aufbau eigenständig kontrollierter KI-Systeme helfen soll.
Die Palantir-Aktie liegt seit Jahresbeginn deutlich im Plus, ein beachtlicher Teil davon allein im Oktober. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis bewegt sich im Bereich von 90, was angesichts der hohen Wachstumsraten des Unternehmens teilweise relativiert wird.
Meta gehörte am Montag zu den klaren Gewinnern, die Aktie stieg zeitweise um 4,7 %. Grund ist das neue KI-Modell „Muse“. Meta hat seine KI-Sparte umgebaut, Hunderte Milliarden Dollar für Rechenzentren zugesagt und 14 Milliarden Dollar in das Datenunternehmen Scale AI investiert. Der Schwerpunkt liegt auf persönlichen KI-Assistenten, die sich über längere Zeiträume an Nutzerangaben erinnern können.
IonQ: Nach Kursrutsch im Fokus
Deutlich ruppiger ging es bei IonQ zu: Die Aktie des Quantencomputerspezialisten rutschte am Montag rund 9 % ab. Grund war eine angekündigte Übernahme im Wert von bis zu 1,3 Milliarden Dollar – gekauft wird das Sicherheits-Startup Elisity, das weltweit in mehr als 100 Installationen im Einsatz ist, unter anderem beim Pharmakonzern GSK. Der Abschluss ist geplant. Hintergrund ist das Szenario „Harvest Now, Decrypt Later“, bei dem Angreifer heute verschlüsselte Daten abfangen, um sie später mit leistungsfähigen Quantenrechnern zu entschlüsseln. IonQ setzt dagegen auf Quantenschlüsselverteilung.
Der Zukauf passt in die Strategie des Unternehmens: Mit dem Chip-Hersteller SkyWater hat sich IonQ eine eigene Chip-Produktion gesichert und will zum größten unabhängigen Zulieferer der Branche werden. Das System „Forte 256“ wurde zudem als erster Quantenrechner im Forschungszentrum von Nvidia installiert. Der Kursrückgang gilt als nachvollziehbar, da Übernahmen häufig kurzfristig zu Verwässerungseffekten führen. Auch andere Quantencomputeraktien wie Rigetti, D-Wave und Quantinuum verloren zwischen 4 % und 6 %.
Machtkampf um Mobilfunk aus dem All
Ein Frequenzkauf von SpaceX schickte die großen US-Netzbetreiber Verizon, T-Mobile US und AT&T auf Talfahrt. Mit „Starlink Mobile“ übernimmt SpaceX ein Paket an Mobilfunklizenzen im niedrigen Frequenzbereich und wird damit zu einem bedeutenden Mobilfunkanbieter in den USA. Analysten gehen davon aus, dass der Wettbewerb erst ab 2029 spürbare Folgen für die Bilanzen der etablierten Anbieter haben wird. Die Bank of America brachte zudem Apple ins Spiel: Sollte Starlink mit günstigen Tarifen werben, könnten die Gerätezuschüsse der Netzbetreiber knapper ausfallen, was den iPhone-Austausch bremsen würde.
AST SpaceMobile, das ein Satellitennetz zur direkten Versorgung normaler Smartphones aufbaut, stürzte nach der SpaceX-Meldung um über 10 % ab. Am Montag stufte die Deutsche Bank die Aktie jedoch auf „Kaufen“ hoch. Der Unterschied zum SpaceX-Modell: AST verkauft nicht an Endkunden, sondern bietet seine Technik den Netzbetreibern an – je aggressiver SpaceX den etablierten Anbietern Kunden abjagen will, desto stärker könnte es diese in Richtung AST treiben. Die Aktie hat eine schwierige Phase hinter sich und ist von über 130 Dollar auf aktuell rund 51 Dollar gefallen.
BMW und IKB: Zwei Entwicklungen im deutschen Markt
BMW will sich bis 2028 zu einem KI-orchestrierten Unternehmen umbauen. Druck aus China, Zölle und der Wettbewerb in Europa haben die Margen schrumpfen lassen. Der Konzern kauft jährlich für rund 80 Milliarden Euro ein. Der Umbau erfolgt in drei Stufen: Zunächst unterstützt KI die Mitarbeiter, danach übernehmen KI-Agenten ganze Abläufe, am Ende sollen mehrere Agenten abteilungsübergreifend zusammenarbeiten. Das System „Mr. Flexibility“ ist bereits im Einsatz und prüft unter anderem, ob genügend Batteriezellen für zusätzliche iX3-Modelle im Jahr 2028 vorhanden sind.
Die französische Großbank Crédit Agricole kauft die IKB Deutsche Industriebank. Der Vertrag mit dem Finanzinvestor Lone Star wurde Montagabend unterzeichnet. Die IKB finanziert den deutschen Mittelstand mit einer Bilanzsumme von gut 14 Milliarden Euro. Für Halter von IKB-Anleihen gilt die Übernahme als positive Nachricht, da eine große europäische Bankengruppe als Schuldner solider dasteht als ein Finanzinvestor, was tendenziell sinkende Risikoaufschläge erwarten lässt.
Ausblick
Der Markt prüft KI-Aktien derzeit so streng wie lange nicht mehr. Als mögliche Gewinner dieser Phase gelten Unternehmen wie Palantir, Meta und BMW, die KI bereits produktiv einsetzen, sowie Spezialisten wie IonQ und AST SpaceMobile, die sich in ihren jeweiligen Nischen positionieren. Am Nachmittag legen die US-Großbanken ihre Quartalszahlen vor, zur Wochenmitte folgen Inflationsdaten – beides dürfte mitentscheiden, wie viel Geduld Anleger dem KI-Sektor in den kommenden Wochen noch entgegenbringen.
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